People #25: Stefan Ruppaner

Ist das noch Unterricht? Eine Buchlektüre


Ruppaner, S. & Willers, A. (2025). Das könnte Schule machen. Wie ein engagierter Pädagoge unser Bildungssystem revolutioniert (Originalausgabe). Hamburg: Rowohlt Polaris.


Ich zitiere hier ausführlich aus dem Buch, was dazu anregen soll, es selbst zu lesen. Das hier sind nur Bruchstücke, erst die eigene Lektüre ergibt das ganze Bild. Die Seitenangaben beziehen sich auf die digitale Ausgabe (epub).

Ein Schulleiter in gottgegebenen Strukturen

Stefan Ruppaner begann als ganz normaler Lehrer, der allerdings mit seinem Unterricht nicht immer zufrieden war.

„Eine Klassenarbeit war für mich gottgegeben, das Klassenzimmer, die 45 Minuten, der Unterricht, die Noten – und viele weitere Strukturen. Das hatte ich so gelernt, das war eben so. Es handelte sich um Heiligtümer der Gesellschaft – und sind es auch teilweise heute noch, wie dieses Buch zeigen wird.

Es tat mir immer furchtbar leid, wenn ich in meiner Klasse Kinder hatte, die nicht zurechtkamen mit diesen Strukturen. Dann habe ich versucht, sie zu trösten, hab gesagt: «Ach, Max, es gibt Schlimmeres im Leben als zwei Fünfer im Zeugnis.» Aber innerlich habe ich dabei nie die Schule und die Art, wie wir lernten, infrage gestellt, sondern das Kind. Ich dachte: Schule ist nichts für dich.

Dabei ging es oft gar nicht um Intelligenz. Sondern vielleicht darum, dass das Kind einfach nicht ruhig sitzen konnte, reinrief oder anders störte – und ich es deshalb auch mal kurz rausschicken musste. Dass nicht das Kind falsch war, sondern der Unterricht und das System, so weit habe ich zuerst nicht gedacht.“ (S. 29)

Nach dem Besuch der Bodenseeschule

Stefan Ruppaner ist mal beim Zappen auf dem Sofa auf den Film „Die Treibhäuser der Zukunft“ (Reinhard Kahl) gestoßen. Der hat ihn nicht mehr losgelassen und er wollte unbedingt die im Film gezeigte Bodenseeschule in Friedrichshafen sehen.

„Es war vor allem die Atmosphäre, die mich beeindruckt hatte. Das Wohlwollen der Lehrkräfte, ihre Geduld und Aufmerksamkeit für jedes Kind auf der einen Seite – und auf der anderen Seite die Ernsthaftigkeit, Konzentration und geschäftige Betriebsamkeit der Kinder, ihre Lust, Fragen zu stellen und Probleme zu lösen. Wie Schulleiter Hinz und seinem Kollegium das gelang und wie sie im Schulalltag diesen Balanceakt zwischen Freiheit und Struktur, zwischen Individualität und Gemeinschaft bewältigten, war mir in der ersten Zeit nach meinem Besuch noch ziemlich schleierhaft.

Ebenso wie sie es hinbekamen, dass die Kinder die zentralen Tests des baden-württembergischen Kultusministeriums locker schafften und meist sogar deutlich überdurchschnittliche Ergebnisse erzielten. Aber auch, wenn mein pädagogisches Ich noch nicht wirklich durchblickte, eine Erkenntnis konnte ich jetzt nicht mehr ignorieren: Wenn das in Friedrichshafen so funktionierte, machten wir in Wutöschingen grundsätzlich etwas falsch. Dann mussten wir bei uns was ändern. Und zwar schnell.“ (S. 43)

Die Schule in Wutöschingen vorher

„Damals in den Nullerjahren waren wir noch eine reine Hauptschule, und es ging bei uns sehr streng zu. Eher autoritär. Und es kam öfter vor, dass es auf dem Gang richtig laut wurde. Auch viele in meinem Kollegium waren auf dieser Linie: Ohne Disziplinierung und Sanktionen, so die Einstellung, kriegt man diese Bande nicht in den Griff…

Nein, wir waren kein gastlicher Ort. Das hier war keine Einladung zum Lernen. Das hier war einfach nur abweisend.“ (S. 48f)

Pädagogischer Tag

„Die Mehrheit war der Meinung, dass unsere Kinder nur lernten, wenn man sie disziplinierte und Druck machte. «Wenn man denen zu viel Verantwortung und Freiheit gibt, wenn man die allein entscheiden und selbst organisieren lässt, was sie wann lernen wollen und in welchem Tempo, machen die gar nichts», bekam ich zu hören. «Dann drücken die sich um die Arbeit, schummeln, schreiben ab.» Einer, das schien sonnenklar, musste vorne stehen und den Taktstock schwingen. Und einer musste kontrollieren, dass alle mitmachten.“ (S. 54)

Zwei Kolleginnen der ersten Stunde berichten

Nach einer düsteren Standortprognose und vielen Gesprächen wurden doch die ersten neuen Strukturen eingeführt.

„Wir waren immer die Lehrerinnen, die etwas von den Kindern wollten und die damit beschäftigt waren, die Kinder im Gleichschritt in Schach zu halten. Doch dann, schon relativ bald nach den Herbstferien und nachdem wir begonnen hatten, mit den neuen Kompetenzrastern und mit dem selbstorganisierten Lernen zu arbeiten, drehte sich plötzlich das Blatt: Jetzt wollten die Kinder plötzlich was von uns. Sie fragten: ‹Frau Schöler, wann kriege ich das Material für den Regelstandard im Texte-lesen?› Oder: ‹Frau Schabinger, kann ich bald Expertenstandard für die Brüche machen?› Sie wollten mehr Input!

Es war eine völlig neue Situation, die uns nach so kurzer Zeit verblüfft hat, hatten wir doch viele Kinder mit Migrationshintergrund, die sich noch wenige Monate zuvor bei uns vorgestellt hatten mit abgeklärten Worten, die ungefähr so klangen: ‹Wir sind die von der Loser-Schule, aber wir halten wenigstens zusammen.›

Jetzt hatten wir plötzlich Kinder, deren Ehrgeiz erwacht war und die teilweise erstaunliche Ergebnisse erzielten. Und das alles nur, weil sie selbst bestimmen konnten, was sie in welchem Tempo lernten.“ Tanja Schöler und Verena Schabinger (S. 63)

Fukushima und die Auswirkungen auf Baden-Württemberg

Politischer Wandel erwies sich als Voraussetzung für pädagogische Veränderungen.

[Ironie der Geschichte: Ein paar Monate vor diesen Geschehnissen saß eine Gruppe von Schulentwicklern aus dem ganzen Bundesgebiet in den SPD-Räumen des Stuttgarter Landtags, um ein Konzept dür die Gemeinschaftsschule Denkendorf/Kipfenberg zu entwickeln – ohne Erfolg, wie die bayerische Geschichte zeigte. https://paedagokick.de/initiative-1-denkendorfkipfenberg/ ]

„Nie hätte ich mir vorstellen können, dass wir mal eine Landesregierung haben würden ohne Beteiligung der CDU. Aber es war so. Sie hatte die Atomkraft befürwortet – und wurde weggefegt. Fortan regierte in Stuttgart eine rot-grüne Koalition – das Kultusministerium ging an die SPD. Das Wahlergebnis hatte weitreichende Folgen für unsere Schule, denn neben dem Ausstieg aus der Atomenergie hatten die Grünen noch mit einem anderen Thema Wahlkampf gemacht: mit der Bildungspolitik.

Anders als die CDU propagierten sie eine Abkehr vom klassischen dreigliedrigen Schulsystem und befürworteten die Gemeinschaftsschule (GMS), zu deren Hauptmerkmalen es gehört, dass Kinder nicht nach der vierten Klasse getrennt und auf unterschiedliche Schultypen aufgeteilt werden – sondern länger gemeinsam lernen. Davon versprach sich die rot-grüne Koalition damals mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in einem Land, in dem die Schülerschaft – auch durch Migration – immer vielfältiger und diverser wurde und wird.“ (S. 68f)

[Ein starker Befürworter der Gemeinschaftsschule war damals Norbert Zeller, Stabstellenleiter im Kultusministerium. Er gibt hier einen Rückblick auf 10 Jahre Gemeinschaftsschule.]

Frattons Ansatz: Haltung vor Praxis

„Während unserer Treffen stellte Fratton wichtige Fragen, die teilweise ins Philosophische und Psychologische gingen und über die wir im Kollegium lebhaft diskutierten. Was muss ich machen, damit ein Kind gut lernen kann, damit es sich bei uns wohlfühlt? Oft ging es um die Definition von Lernen und welche Funktion Schule dabei haben sollte. Es ging aber auch – und das erinnerte mich an unseren pädagogischen Tag Jahre zuvor – um das Bild, das wir von unseren Kindern hatten und von uns selbst als Lehrer und Lehrerinnen.“ (S. 78)

«Was ist notwendig, um aus einer Umgebung eine lernende Organisation zu gestalten, wo altersangemessenes Lernen, Erfahren und Erleben möglich wird? Wo Lehren und Lernen ein gegenseitiger Prozess unter Partnern mit unterschiedlicher Autorität werden kann? Wo Beziehungen so tragfähig sind, dass Konflikte und Fehler frei sind von Vorwurfspotenzial? Wo es nicht Unwissende und Wissende gibt, sondern Lernende? Wo die Devise Platz greifen kann: Hurra, ein Problem! Was braucht es, damit nicht nur individuelles Lernen möglich wird, sondern im besten und wörtlichen Sinne: autonomes Lernen (…)»

Peter Fratton, Schulgründer und -berater (S. 79)

Das neue Leitbild

Mit Hilfe des Schweizer Schulgründers und -beraters hat das Team in der Alemannenschule ein neues Leitbidl entwickelt.

Buch S. 82

Neue Begriffe für das neue Lernen

„Für unsere Tools und Strukturhilfen führten wir zum Teil neue und eigene Bezeichnungen ein. Gewohnte Begriffe benannten wir um. Aus Lehrer:innen wurden Lernbegleiter:innen, aus Schüler:innen Lernpartner:innen. Unsere Schulhäuser hießen fortan Lernhäuser, sie hatten ein Lernatelier zum Stilllernen und einen Marktplatz für den Austausch. Die Klassenarbeiten wurden umbenannt in Gelingensnachweise und die Klassenstufen in Phasen.

English corner auf dem grünen Marktplatz. (c) Alemannschule

Am Anfang fand ich dieses Wording albern. Ich habe mich aufgeregt und nicht verstanden, was das soll. Doch dann habe ich begriffen: Neues Denken braucht auch neues Sprechen. Und es ist nicht nur Makulatur, wenn aus einer Lehrerin eine Lernbegleiterin wird, sondern es zeigt eine andere Einstellung gegenüber dem Lehren und Lernen und gegenüber dem Kind.“ (S. 85)

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht alles Individualisierung. Seite 90ff beschreibt die vielen Möglichkeiten des sozialen Lernens in Arbeitsgemeinschaften, Clubs und Projekten.

Das Graduierungsprinzip

„Das Grundprinzip unserer Graduierung ist: Wer mehr persönliche Freiheiten haben möchte, muss auch mehr Verantwortung übernehmen. Unser System hat deshalb vier Stufen. Die Graduierung gilt für die Kinder, die Regeln dahinter aber auch für uns Lehrkräfte.

 Starter: Alle Kinder, die zu uns kommen, sind erst mal Starter – und werden mit den Regeln vertraut gemacht. Ein Starter hat Grundrechte. Er darf selbst entscheiden, ob er lieber allein oder in der Gruppe arbeiten und wo er im Lernhaus sitzen möchte…

Durchstarter: Ein Durchstarter hat gezeigt, dass er unsere Regeln verstanden hat und befolgt. Er kommt im Lernalltag selbstständig zurecht und kann seine Aufgaben gut organisieren. Mit den Freiheiten geht er verantwortungsvoll um, und er verhält sich kooperativ. Deshalb darf der Durchstarter jederzeit, ohne zu fragen, die verschiedenen Lernbereiche wechseln – und auch außerhalb des Lernhauses lernen, also auf dem gesamten Schulgelände. In der Mittagspause kann er das Gelände auch mal verlassen – z.B. wenn er am Kiosk was einkaufen möchte.

Lernprofi: Diese Stufe kann man frühestens ab der achten, neunten Klasse erreichen – Voraussetzung ist, dass man sich über längere Zeit an alle Regeln hält, zeigt, dass man eigenverantwortlich arbeiten kann, sich aber auch gemeinschaftlich engagiert – also z.B. Choreografien für unser Musical entwickelt oder den Jüngeren beim Lernen hilft. Lernprofis dürfen nach Absprache auch von zu Hause aus arbeiten. Lernprofis in der Oberstufe bekommen einen Schlüssel für die Schule. Sie haben somit rund um die Uhr Zugang und können sich dort mit ihren Freund:innen treffen, um zu lernen, ein Referat vorzubereiten oder sich einfach nur auszutauschen.

Neustarter: Halten Kinder die Regeln nicht ein, verlieren sie ihren Status und werden Neustarter. Neustarter dürfen ihren Platz nur nach Absprache mit der Lehrkraft verlassen. Gruppenarbeit ist bis auf Ausnahmefälle für sie nicht möglich. Neustarter müssen die Leiter in die Freiheit wieder hochklettern.“ (S. 94f)

Bremst die Rücksicht auf schwache Schüler nicht die starken aus?

„Diese Frage stellen Eltern immer wieder, wenn sie erfahren, dass ihr Kind mit allen anderen, auch mit Inklusionskindern, zusammen lernt.

So haben wir z.B. einen hochbegabten Schüler, der zwischendurch an der Hochschule in Konstanz Vorlesungen in Wirtschaft und Jura hört. Ich erwähne dies auch deshalb, weil uns manchmal vorgeworfen wird, unser Konzept fördere vor allem die Schwachen, und die Starken bekämen zu wenig Futter. Nein, das Charmante am individualisierten Lernen ist ja gerade, dass jeder das Futter bekommt, das er gerade braucht.“ (98)

Die Entwicklung des Raumes

„Bei uns ergab sich schon allein aus der Tatsache, dass die Kinder zum individuellen Lernen Ruhe brauchten, die Notwendigkeit, dass wir verschiedene Lernbereiche schaffen mussten. Auch die Pädagogik ohne Frontalunterricht und die Jahrgangsmischung setzte eine neue räumliche Struktur voraus. Es reichte nicht, einfach nur die Türen der Klassenzimmer offen stehen zu lassen. Dazu kam: Die Schule wuchs. Wir brauchten also auch mehr Platz. Es musste etwas passieren.“ (S. 109)

Lernatelier im weißen Haus (c) Alemannenschule

Raum und Konzept

„Durch die neue Raumstruktur wurden die Lehrkräfte quasi gezwungen, keinen Unterricht mehr zu machen, denn ihnen wurde die Grundlage dafür genommen. Der Umbau hat unser pädagogisches Konzept, die Bildung von Lerngruppen, die Lernbegleitung, die Jahrgangsmischung also enorm beschleunigt – und andersherum.“ (S. 112)

„Inzwischen haben wir vier Lernhäuser, zwei sanierte und zwei neu gebaute. Jedes Haus sieht anders aus, die Grundlagen der Raumplanung waren jedoch immer ähnlich: Wir wollten für unsere Kinder verschiedene Lernumgebungen schaffen. Die wichtigsten waren das Lernatelier und der Marktplatz. Dazu gab es aber auch noch geschlossene und abgetrennte Räume – zum Beispiel für Inputstunden, Coachings oder auch Fachräume für Bio, Chemie oder Sport mit entsprechendem Equipment. In den Inputräumen beispielsweise gibt es heute Beamer und interaktive Boards. Mit dem weißen Haus bekamen wir auch eine Mensa.“ (S. 114)

Entwicklung der Lernplattform DiLer

„Heute findet man dort [auf der Plattform] nicht nur das Drehbuch für unsere Musicals mit allen Rollen und dem Text, der zu lernen ist. Sondern auch Zeugnisse, Fehlzeiten, Schultermine und seit einigen Jahren auch die Materialpakete. Natürlich alles datenschutzrechtlich abgesichert. Dazu alle Werkzeuge für das individuelle Lernen: die Kompetenzraster, die Stempelkarten, den Lernplan, das Schultagebuch und das Coaching-Protokoll mit den Kommentaren der Lernbegleiter:innen – zum Beispiel zu den Lernfortschritten.

DiLer gab und gibt uns also vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation, optimale Transparenz und maximale Flexibilität – denn die Plattform ist webbasiert, sie funktioniert mit jedem Endgerät, und man kann jederzeit und von überall reinschauen und sich einen Überblick verschaffen. So wird das, was wir an der Alemannenschule machen, für alle Beteiligten nachvollziehbar. Die Kinder bekommen Feedback, können aber auch selbst Nachrichten schicken und mir zum Beispiel direkt mitteilen, dass sie morgen nicht in die Bläserstunde kommen, weil sie eine neue Zahnspange haben.

Und natürlich ist das Ganze nicht nur für die Kinder und die Lernbegleiter:innen einsehbar – sondern wir dokumentieren alle Lernfortschritte und Coachings immer auch für die Eltern.“ (S. 119f)

Ist das nicht zu viel Digitalisierung?

„Ich glaube, dass die Kunst einer gelungenen Digitalisierung in den Schulen darin besteht, Altes, Bestehendes und Neues geschickt miteinander zu verknüpfen. Auch deshalb enthalten unsere Materialpakete heute digitale und analoge Elemente…

Diese Kombination bringt nicht nur bessere Ergebnisse, sondern spart auch Zeit. Und diese Zeit können die Kinder und die Lernbegleiter:innen dann wieder analog miteinander verbringen – zum Beispiel draußen in einer Clubstunde mit gemeinsamen Erlebnissen…

Auf unseren Tablets sind verschieden Apps vorinstalliert, die die Kinder im Alltag benutzen und mit denen sie arbeiten, dazu gehören Standard-Apps von Apple wie iMovie, Kamera oder Notizen. Aber auch Apps, mit denen man Erklärvideos erstellen kann. Seit Jahren arbeiten wir im digitalen Bereich zudem mit verschiedenen Partnern zusammen – so haben wir etwa Zugriff auf das Online-Angebot von Brockhaus.

Voraussetzung dafür, dass das Ganze nicht in unkontrollierte Daddelei ausartet, sind natürlich klare Absprachen für die Nutzung der digitalen Geräte.“ (S. 124)

Gegenwind

„So sehr wir damals als Starterschule belächelt wurden nach dem Motto: Soll der Ruppaner mal Werbung machen, das ist eine ehemalige Hauptschule, da kommt sowieso keiner …, so sehr wurde jetzt Stimmung gegen uns gemacht.

Auf unserer Chillschule würde man nichts lernen. Den Sachkostenbeitrag hätten wir nicht verdient. Wir würden Kinder und Eltern mit falschen Versprechungen anlocken, die sich nicht realisieren ließen – keine Hausaufgaben, keine Klassenarbeiten. Und jetzt noch das iPad: alles nur Lockmittel. Alles nur heiße Luft. Ach ja, und dann waren da ja auch noch meine Besuche in den Grundschulen – das sei unlauterer Wettbewerb, das gehörte abgestellt. Irgendwann wurde ich tatsächlich dort nicht mehr reingelassen. Alles sehr unschön.“ (S. 135)

Blockaden durch die Vorgesetzten

„Doch die Schärfe, mit der diese Auseinandersetzung stattgefunden hatte, alarmierte mich auch. Irgendwann im Laufe der beiden Verfahren war mir von der Schulverwaltung sogar verboten worden, mit dem Bürgermeister über die Sache mit der Schülerlenkung zu sprechen. Sprechverbot?? Ich dachte damals, ich hätte mich verhört. Hatte ich aber nicht.

Auch wurde ich in dieser Zeit angemahnt, ich sei unentschuldigt zu einer Dienstbesprechung nicht erschienen. Ich konnte beweisen, dass ich mich sehr wohl und auch zeitgerecht entschuldigt hatte, weil ich bereits einen anderen beruflichen Termin zugesagt hatte. Dennoch bekam ich in der Folgezeit Auflagen für Außen-Termine, die kein anderer Rektor hatte, den ich kannte. Ich musste jede Abwesenheit melden. Wenn ich zu Vorträgen eingeladen war, musste ich immer offiziell um Erlaubnis bitten – und weil das dauerte, konnte ich manchmal wochenlang nicht zusagen.

Ein anderes Mal wurde angezweifelt, dass ich im Kreisrat sitzen würde, obwohl ich dort sogar seit Jahren mit Vertretern der Schulbehörden zusammenarbeitete – und das eigentlich bekannt sein musste. Man hätte es auch durch einen Klick im Internet herausfinden können. Ich musste trotzdem eine Bescheinigung vorlegen.

Immer wieder bekam ich Mails mit Zurechtweisungen oder mit der Aufforderung, zu irgendwelchen Vorfällen Stellung zu nehmen – und geriet brutal unter Bedrängnis…

Es ging um Macht und Hierarchie. Und darum, mich zu erziehen. Zum Teil war der Ton in den Briefen wie zu Kaisers Zeiten, und ich bekam zunehmend das Gefühl, dass man mich schikanieren wollte. Ich erlebte, was ich in der Schule ja gerade für die Kinder abschaffen wollte: Disziplinierung um der Disziplinierung willen. Machtdemonstrationen. Und Regeln, die für mein Empfinden sinnentleert waren und die ich nicht verstand.“ (S. 142f)

Erfolge in Vergleichsarbeiten

„Bereits zum Ende des Schuljahres 2015/2016 zeigten die VERA-8-Tests, dass unsere Kinder verglichen mit den Kindern anderer Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg ausgesprochen gut dastanden. Vor allem hatten wir weniger sehr schwache Arbeiten, hängten also offenbar weniger Kinder ab. Und im Leseverständnis in Deutsch und Englisch waren unsere Schülerinnen und Schüler im Gesamtwert sogar besser als die der Realschulen – und das, obwohl wir viele Hauptschulkinder hatten und damals auch die Inklusionskinder mitgetestet wurden. Wir hatten außerdem nicht extra für die VERA-Tests geübt, wie es viele Schulen machen.

Es sollte sich herausstellen, dass die Erfolge von Jahr zu Jahr sichtbarer wurden.“ (S. 151)

Deutscher Schulpreis 2019

«Innerhalb weniger Jahre ist in Wutöschingen ein öffentlich wahrnehmbarer Lernraum entstanden, in dem sich ausgezeichnet beobachten lässt, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihrem gemeinsamen Lernen auf die Spur kommen und sich dabei ohne Angst auf eine ungewisse Zukunft einlassen.» Helga Boldt, Mitglied der Schulpreis-Jury…

„Die Jurymitglieder erzählten mir, dass wir ihnen wirklich Kopfzerbrechen bereitet hätten. Ich fragte nach, warum genau. Weil unsere Schule im Grunde nicht mehr in ihre Bewertungsraster und Beurteilungskriterien gepasst habe. Sie würden ja die Qualität des Unterrichts ins Zentrum stellen und auch nach Aspekten wie etwa der Unterrichtsatmosphäre fragen. Aber wir würden ja eigentlich gar keinen Unterricht mehr machen …

Das stimmte wohl. Und im Stillen dachte ich: Vielleicht müsst ihr wirklich eure Kriterien überdenken, wenn ihr innovative Konzepte bewerten wollt. Wir alle müssen viel freier über Unterricht nachdenken.“ (S. 156f)

Coworking space Sek II (c) Alemannenschule

Corona

„Vertreter:innen anderer Schulen sagten in dieser Zeit manchmal zu uns: «Ihr habt es gut, ihr könnt alles machen mit eurem DiLer.» Ja, wir hatten es gut – aber wir hatten ja auch jahrelang darauf hingearbeitet, ohne große Hilfen von außen. Manchmal kam es uns fast vor, als hätten wir die Seuche vorhergesehen und uns direkt darauf vorbereitet. Das hatten wir natürlich nicht. Aber dass es mit dem Distanzlernen jetzt so gut klappte, war eine Mordsbestätigung des Systems. Auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite wäre es gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, dass uns die neue Situation gefallen hätte. Auch wir litten alle sehr unter der Isolation. Und psychologisch war das für uns eine ebenso schwere Zeit wie für all die anderen Kinder und Lehrkräfte im Land auch. Unsere Nachmittagsveranstaltungen mit den Clubs und den Ausflügen fielen allesamt aus. Und das gemeinsame Erleben ließ sich digital ja nicht wirklich abbilden.

Ja, das einsame Lernen zu Hause funktionierte – aber es machte nicht wirklich Spaß.“ (S. 159f)

Der erste Abiturjahrgang

„Im Frühling 2022 kamen auch schon die Abiturprüfungen.

Und dann, als Wochen später die Ergebnisse bei uns eintrudelten, waren selbst wir Lehrkräfte verblüfft. Denn unsere Schülerinnen und Schüler waren unglaublich gut in den Prüfungen. Der erste Jahrgang erreichte einen Durchschnitt von sagenhaften 1,7 und war damit fast eine halbe Note besser als der Durchschnitt der Abiturient:innen in Baden-Württemberg, der 2022 bei ebenfalls tollen 2,17 lag.“ (S. 168)

Aber der eigentliche Erfolg

„Und doch sind die guten Noten meiner Meinung nach nicht mal der größte Vorteil, den unsere Art zu lernen hat. Denn was es richtig interessant macht, ist doch das, was mit Prüfungen nicht abprüfbar ist: Aus unserer Schule kommen andere Menschen heraus als aus denen, die traditionell geführt werden. Es sind junge Leute, die mit Freude lernen konnten und die sich deshalb hoffentlich gerne an ihre Schulzeit erinnern werden und gestärkt ins Leben gehen. Das ist für mich persönlich der eigentliche Erfolg.“ (S. 169)

Medienecho

„Doch es blieb nicht bei der privaten Resonanz. [Ein Artikel in der Zeitschrift] Brand eins wirkte – sorry, dieses Wortspiel muss jetzt sein – wie ein Brandbeschleuniger. Danach bekamen wir jede Menge Anfragen: In verschiedenen Hörfunkformaten wurde über uns berichtet. Und große Sender wie ZDF, ARD/SWR oder Pro Sieben drehten Filme über uns. Wir waren in Galileo, im Morgenmagazin, bei ZDF heute, bei logo. Da war dann von «gelebter Utopie» die Rede, vom «Lichtblick nach dem PISA-Schock» und von der «Schule der Zukunft».“ (S. 170)

Die Schmetterlingspädagogik

„Ich nenne das, was wir heute machen und was uns jeden Tag beflügelt, «Schmetterlingspädagogik». Ich habe immer gesagt: Der Schmetterling steht dafür, dass aus einer kleinen Raupe mit dem richtigen Futter was Tolles werden kann. Doch in der Coronazeit und in den Jahren danach wurde mir klar, dass der Schmetterling eigentlich viel mehr symbolisiert. Denn so ein Schmetterling zeigt nicht nur das Ergebnis eines Wachstumsprozesses. Sondern, wenn er fertig ist, hat er auch vier Flügel und zwei Seiten – und genauso wird auch unsere Pädagogik von zwei Seiten inspiriert.“ (S. 175)

(c) Alemannenschule

Noten

„Für mich haben Noten einen weiteren Schwachpunkt: Sie erfassen ein Kind nicht wirklich, sondern legen das Augenmerk nur auf bestimmte Bereiche und zeigen nicht, ob sich jemand angestrengt hat. Außerdem hängen Noten von vielen Faktoren ab, die ein Kind mit seiner Leistung zum Teil gar nicht beeinflussen kann – dazu gehört zum Beispiel die Frage, ob es von den Eltern unterstützt wird oder ob das Umfeld, in dem es lernt, vom Leistungsniveau her eher stark oder eher schwach ist und welche Notenschlüssel sich daraus ergeben. Und ja, sogar der Name des Kindes spielt eine Rolle.

 In diesem Zusammenhang ist mir eine ältere Untersuchung der Universität Oldenburg im Gedächtnis geblieben: Für zwei Masterarbeiten wurden mehrere Tausend Grundschullehrkräfte zu ihren Assoziationen bei bestimmten Vornamen befragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Lehrerinnen und Lehrer Kevin und Celina weniger zutrauten als Maximilian und Charlotte. Offenbar führten allein die Vornamen der Kinder dazu, dass die Lehrkräfte sie in unterschiedlichen Bildungsmilieus verorteten und – ohne dass ihnen das bewusst war – entsprechende Vorbehalte aufbauten. Das wiederum hatte auch Einfluss auf die Bewertung der Kinder.“ (S. 186)

[Dazu passt dieser Artikel, der die erstaunliche Wirkung der Namen Max und Murat auf die Lehrkräfte untersucht hat.]

„Neben den schriftlichen Gelingensnachweisen gibt es für die Bewertung aber auch noch Präsentationen, Aufführungen oder mündliche Vorträge, Diskussionen, Portfolios, praktische Arbeiten, Werkstücke, Projektarbeiten. Auch außerschulische Leistungen können anerkannt werden – zum Beispiel im Sport, Stichwort BMX-Meister und U16-Fußballer. Oder wenn einer nach Taizé fährt und den Gottesdienst mitgestaltet.

Im Zeugnis gibt es bis zu Phase 7 bei uns, wie in anderen Gemeinschaftsschulen auch, ausschließlich Verbalbeurteilungen, also Lernentwicklungsberichte. Details findet man zudem im Schultagebuch. Wenn ein Kind zum Beispiel nicht alle Kompetenzen geschafft hat und wir wissen: Es kann nicht mehr, dann loben wir es für das, was es erreicht hat. Wenn wir wissen, ein Kind kann viel mehr, steht das aber auch dort.

In Phase 8 können sich die Kinder dann aussuchen, ob sie Wortgutachten wollen oder Noten. Danach gibt es nur noch Noten.“ (S. 187)

Weg mit dem Unterricht!

„Ich bin inzwischen nicht nur überzeugt davon, dass Unterricht aller Übel Anfang ist. Sondern auch, dass er langfristig das Lernen behindert und dass er Zeit verschwendet, weil er Kinder davon abhält, sich in ihrem Tempo mit dem Stoff zu beschäftigen. Deshalb muss man es wagen, möglichst viel Unterricht wegzulassen. Und das Vertrauen haben, dass die Kinder auch ohne die 45 Minuten und die Klassenarbeiten was lernen. Ja, das bedeutet, dass wir Kontrolle abgeben müssen – als Pädagog:innen. Und als Staat. Und ja, das ist ein krasser Bruch mit dem, was wir kennen.

Aber wenn wir die nächste Generation auf die riesigen Probleme vorbereiten wollen, die im 21. Jahrhundert vor uns liegen und die wir Älteren den Jungen mit eingebrockt haben, müssen wir über diese Klippe springen.“ (S. 202)


Update: In diesem Podcast von news4teachers gibt Stefan Ruppaner einen Einbick in sein Denken und die Entwicklung der Alemannenschule in Wutöschingen.

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