Gast #68: Die Pathologie der Normalität (Schüler:innen schreiben)

Symbolbild von pixabay

Ich habe oft Angst, dass ich nicht alles schaffen kann, obwohl ich so viele Stunden am Tag lerne und lerne und lerne. Und meinen Freundinnen geht es auch so und oft haben wir Angst, dass wir nicht gut genug sind und die Arbeit nicht schaffen und schlechte Noten kriegen und dann Stress haben zu Hause und auch mit den Lehrern.

Schülerin

Ja, ich habe einen Durchschnitt von 1,0 geschafft. Ich habe zehn Stunden am Tag dafür gelernt, auch an jedem Wochenende. Und ich habe dafür Angst, Panik und Zusammenbrüche in Kauf genommen.

Schülerin, 15 Jahre

Das Schlimmste sind die Tests und die Klassenarbeiten. Kaum hat man den einen geschrieben, kommt schon der nächste. Du lernst zu funktionieren, wie eine Maschine. Eine Maschine, die Stoff ausspuckt, wie abgeschnitten vom Leben und von Leichtigkeit.«

Schülerin, 15 Jahre
Symbolbild von pixabay

Schule lässt uns Fassaden bauen. Uns darf es nicht schlecht gehen. Uns darf nichts wehtun. Uns darf keine Träne über das Gesicht laufen. Wenn ich in die Schule gehe, verstecke ich, was hinter der Fassade ist.

Schüler, 16 Jahre

Ich wünsche mir, dass wir nicht so viel Druck haben und nicht so viel Stoff in uns reinpressen müssen. Wir sind doch noch kleine Menschen.

Schüler 12 Jahre

Ich will meine Eltern nicht enttäuschen. Mein Körper schreit nach einer Pause, aber ich muss weiterlernen. Dabei habe ich Schuldgefühle, dass ich vor Verzweiflung heulen könnte. So versuche ich, weiterzumachen, obwohl ich nicht mehr kann.

Schülerin, 14 Jahre

Ich will ja lernen, ich will ja Leistung bringen, ich bin bereit, mich für gute Noten anzustrengen und alles zu geben. Und dann merkst du auf einmal: Das geht ja gar nicht, das kannst du gar nicht alles hinkriegen, du verlierst die Kontrolle. Und dann merkst du, dass die Freude am Lernen verloren gegangen ist.

Schülerin, 15 Jahre

Ich habe oft schlaflose Nächte, ich zittere, mein Herz rast. Viele Mitschüler:innen haben Kopfschmerzen und dolle Bauchschmerzen. Manche melden sich krank, weil sie nicht mehr können. Die kommen dann aber in einen Teufelskreis, weil sie Stoff verpasst haben. 

Schülerin, 15 Jahre
Symbolbild von pixabay

Wenn ich einmal eine schlechte Note mit nach Hause bringe, mach ich mir den ganzen Weg über schon Gedanken. Ich möchte meine Eltern nicht schon wieder enttäuschen. Ich werde vor Scham ganz rot und kann meinen Eltern nicht in die Augen blicken.

Schülerin, 15 Jahre

Das Schlimmste sind die Abfragen vor der ganzen Klasse. Ich hab mich so oft geschämt. Und schlimm ist es auch, wenn andere Kinder weinen. Das tut einem dann selbst auch richtig  weh.

Schüler, 10 Jahre

Ich musste nach vorne und habe vor Angst gestottert, ich hab mich geschämt.

Schüler, 10 Jahre

Ich kam gerade aus der Grundschule und hatte die große Selektion überstanden. In der neuen Schule hatte ich seit dem ersten Moment Angst vor dem Scheitern, den Fehlern, der Demütigung, den schlechten Noten, der Ex und der Abfrage. Und das jede einzelne Unterrichtsstunde, jeden Tag, fünfmal die Woche. Immer quälte mich die Frage: Schreiben wir heute die Ex? Bin ich gut genug vorbereitet? Werde ich heute abgefragt? Wen trifft es stattdessen?

Schülerin

Und das Schlimmste ist, dass es normal ist. Zu leiden wird normalisiert. Niemand kritisiert es. Machen ja schließlich alle so. Was wir nicht verstehen ist, dass wir in der Mehrheit sind. Wir haben die Macht zu ändern, was uns nicht recht ist. Wir sind nur schon zu müde, ausgelaugt und kaputt, schon zu tief drin, um das zu realisieren. Ich kann nicht mehr.

Schüler 16 Jahre

Viele Erwachsene haben Muster entwickelt, die der Härte zusagen und dem »Weiter so, hat mir auch nicht geschadet«. Muster, die uns führen, aber nicht mehr tragen. Tragende Ideen von Zukunft sind mit dem Fokus auf das Lebendige, Mitfühlende, Verletzliche verbunden. Unsere Kinder sind das innigste Symbol für alles Lebende, Anrührende, Zärtliche, Lächelnde, was unsere Herzen wirklich bewegt. Lassen wir uns von ihnen berühren.

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