Gast #68: Die Pathologie der Normalität (Schüler:innen schreiben)
Wir, Magret Rasfeld und Ute Puder, verfolgen die kontroverse Diskussion, die die Petition zu Abfragen und Exen ausgelöst hat. Wir wollen uns in die Debatte einmischen. In Leipzig haben 2022 Schüler:innen eines Gymnasiums 70 Briefe geschrieben, in denen sie ihren Gefühlen Ausdruck geben, wie es ihnen wirklich in der Schule geht. Und sind damit in die Öffentlichkeit gegangen. Dies war der Ausgangspunkt für die Gründung des Reallabors Friedliche Bildungsrevolution. Viele weitere Briefe haben uns seitdem erreicht. Unser Anliegen ist es, in der Debatte nun den Betroffenen, nämlich den Kindern und Jugendlichen, Stimme und Raum zu verschaffen.
Symbolbild von pixabay
Ich habe oft Angst, dass ich nicht alles schaffen kann, obwohl ich so viele Stunden am Tag lerne und lerne und lerne. Und meinen Freundinnen geht es auch so und oft haben wir Angst, dass wir nicht gut genug sind und die Arbeit nicht schaffen und schlechte Noten kriegen und dann Stress haben zu Hause und auch mit den Lehrern.
Schülerin
Ja, ich habe einen Durchschnitt von 1,0 geschafft. Ich habe zehn Stunden am Tag dafür gelernt, auch an jedem Wochenende. Und ich habe dafür Angst, Panik und Zusammenbrüche in Kauf genommen.
Schülerin, 15 Jahre
Das Schlimmste sind die Tests und die Klassenarbeiten. Kaum hat man den einen geschrieben, kommt schon der nächste. Du lernst zu funktionieren, wie eine Maschine. Eine Maschine, die Stoff ausspuckt, wie abgeschnitten vom Leben und von Leichtigkeit.«
Schülerin, 15 Jahre
Symbolbild von pixabay
Schule lässt uns Fassaden bauen. Uns darf es nicht schlecht gehen. Uns darf nichts wehtun. Uns darf keine Träne über das Gesicht laufen. Wenn ich in die Schule gehe, verstecke ich, was hinter der Fassade ist.
Schüler, 16 Jahre
Ich wünsche mir, dass wir nicht so viel Druck haben und nicht so viel Stoff in uns reinpressen müssen. Wir sind doch noch kleine Menschen.
Schüler 12 Jahre
Ich will meine Eltern nicht enttäuschen. Mein Körper schreit nach einer Pause, aber ich muss weiterlernen. Dabei habe ich Schuldgefühle, dass ich vor Verzweiflung heulen könnte. So versuche ich, weiterzumachen, obwohl ich nicht mehr kann.
Schülerin, 14 Jahre
Ich will ja lernen, ich will ja Leistung bringen, ich bin bereit, mich für gute Noten anzustrengen und alles zu geben. Und dann merkst du auf einmal: Das geht ja gar nicht, das kannst du gar nicht alles hinkriegen, du verlierst die Kontrolle. Und dann merkst du, dass die Freude am Lernen verloren gegangen ist.
Schülerin, 15 Jahre
Ich habe oft schlaflose Nächte, ich zittere, mein Herz rast. Viele Mitschüler:innen haben Kopfschmerzen und dolle Bauchschmerzen. Manche melden sich krank, weil sie nicht mehr können. Die kommen dann aber in einen Teufelskreis, weil sie Stoff verpasst haben.
Schülerin, 15 Jahre
Symbolbild von pixabay
Wenn ich einmal eine schlechte Note mit nach Hause bringe, mach ich mir den ganzen Weg über schon Gedanken. Ich möchte meine Eltern nicht schon wieder enttäuschen. Ich werde vor Scham ganz rot und kann meinen Eltern nicht in die Augen blicken.
Schülerin, 15 Jahre
Das Schlimmste sind die Abfragen vor der ganzen Klasse. Ich hab mich so oft geschämt. Und schlimm ist es auch, wenn andere Kinder weinen. Das tut einem dann selbst auch richtig weh.
Schüler, 10 Jahre
Ich musste nach vorne und habe vor Angst gestottert, ich hab mich geschämt.
Schüler, 10 Jahre
Ich kam gerade aus der Grundschule und hatte die große Selektion überstanden. In der neuen Schule hatte ich seit dem ersten Moment Angst vor dem Scheitern, den Fehlern, der Demütigung, den schlechten Noten, der Ex und der Abfrage. Und das jede einzelne Unterrichtsstunde, jeden Tag, fünfmal die Woche. Immer quälte mich die Frage: Schreiben wir heute die Ex? Bin ich gut genug vorbereitet? Werde ich heute abgefragt? Wen trifft es stattdessen?
Schülerin
Und das Schlimmste ist, dass es normal ist. Zu leiden wird normalisiert. Niemand kritisiert es. Machen ja schließlich alle so. Was wir nicht verstehen ist, dass wir in der Mehrheit sind. Wir haben die Macht zu ändern, was uns nicht recht ist. Wir sind nur schon zu müde, ausgelaugt und kaputt, schon zu tief drin, um das zu realisieren. Ich kann nicht mehr.
Schüler 16 Jahre
Viele Erwachsene haben Muster entwickelt, die der Härte zusagen und dem »Weiter so, hat mir auch nicht geschadet«. Muster, die uns führen, aber nicht mehr tragen. Tragende Ideen von Zukunft sind mit dem Fokus auf das Lebendige, Mitfühlende, Verletzliche verbunden. Unsere Kinder sind das innigste Symbol für alles Lebende, Anrührende, Zärtliche, Lächelnde, was unsere Herzen wirklich bewegt. Lassen wir uns von ihnen berühren.
Es geht meines Erachtens nicht darum, Leistungsbeurteilungen abzuschaffen, sondern eine neue Lernkultur zu fördern. Denn ohne Leistungsbeurteilungen (durch Lehrkräfte, Peers oder die eigene Person) erfahren Lernende auch nicht, wo sie stehen, um ihr Handeln dementsprechend anpassen zu können. Ich empfehle die Techniken der formativen Evaluation nach Wiliam & Leahy, die ein Gamechanger sein können und zum Teil niederschwellig zu implementieren sind: https://educerio.com/formativeevaluation.
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Es geht meines Erachtens nicht darum, Leistungsbeurteilungen abzuschaffen, sondern eine neue Lernkultur zu fördern. Denn ohne Leistungsbeurteilungen (durch Lehrkräfte, Peers oder die eigene Person) erfahren Lernende auch nicht, wo sie stehen, um ihr Handeln dementsprechend anpassen zu können. Ich empfehle die Techniken der formativen Evaluation nach Wiliam & Leahy, die ein Gamechanger sein können und zum Teil niederschwellig zu implementieren sind: https://educerio.com/formativeevaluation.
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