Fail #52: „Unser Produkt ist der Zweifel“

Leider gibt es das, noch dazu von mächtigen Playern: gezielte Verunsicherung, Verdunkelung, Ablenkung, Vermeidung, Lüge. Erst heute gewährte uns die Süddeutsche Zeitung einen interessanten Einblick in die entsprechenden Machenschaften von Vertretern der Ölindustrie. Hier mal ein Überblick und eine kurze Einführung in die „Agnotologie“.

Agnotologie

Mit der gezielten Erzeugung von Nichtwissen, beziehungsweise mit der Verdunkelung oder Verunsicherung von Wissen aufgrund wirtschaftlicher oder weltanschaulicher Interessen befasst sich ein neuer Zweig der Erkenntnistheorie: die „Agnotologie“. Geprägt wurde dieser Begriff von Robert N. Proctor, einem Historiker der Standford University. Dem von ihm herausgegebenen Buch Agnotology verdanken sich die folgenden Ausführungen.

Das Zitat „Unser Produkt ist der Zweifel“ (doubt is our product) steht wörtlich in einem internen Dokument für eine PR-Kampagne des Zigarettenherstellers Brown & Williamson zu lesen. Die solcherart angelegte Kampagne der amerikanischen Tabakindustrie bildet den Hintergrund für die wissenschaftsgeschichtlichen Erkenntnisse, welche den neuen Zweig Agnotologie ins Leben riefen. Im gleichen Fahrwasser bewegten sich die Versuche einflussreicher Teile der US-amerikanischen Industrie, Erkenntnisse zum Klimawandel mit permanenten Fragezeichen zu versehen.

Die Strategie des Bezweifelns folgt einer inneren Logik, die hier kurz zusammengefasst wird.

1. Stufe: No news

Aus Sicht der Interessenvertreter ist es gut, wenn das Thema nicht in den Nachrichten und Medien erscheint. Unter dem Schutz des Schweigens geht alles seinen gewohnten Gang.

2. Stufe: Wissenschaft gegen Wissenschaft

Wenn einer breiten Öffentlichkeit wissenschaftliche Einsichten bekannt werden, die bestimmten (Absatz-) Interessen entgegen stehen, wird eine eigene Forschung als Kontra-Position auf die Beine gestellt. Sie soll ebenso seriös sein – oder wenigstens wirken – wie die neutrale Wissenschaft zum Thema. Man kann nun jederzeit auf dieses „wissenschaftliche Gegengewicht“ verweisen und behaupten, dass die andere Seite nicht den kompletten Stand der Forschung wiedergibt, sondern nur eine Position unter mehreren möglichen. Auf diese Weise gelingt eine Relativierung der absatzbedrohenden wissenschaftlichen Positionen.

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Bewusstes Verwirren. Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay

3. Stufe: „Wir wollen einen vollständigen Nachweis!“

Wenn in den aufmerksamen Schichten der Bevölkerung der Eindruck wächst, die interessenunabhängige Forschung würde doch die stabileren Erkenntnisse liefern und den Konsens der Experten doch deutlicher repräsentieren, wird eine erste Rückzugsposition eingenommen: Das alles dürfe so nicht behauptet werden, denn es sei noch nicht gelungen, einen vollständigen Zusammenhang herzustellen zwischen … (Lungenkrebs und Rauchen; Klimawandel und CO2-Produktion etc.). Die Beweislast wird von den Interessenvertretern und Lobbyisten also den neutralen Experten aufgebürdet. Ihre kritischen Anmerkungen folgen den wissenschaftlichen Berichten häufig wie der Schwanz dem Drachen – like a tail of a kite, no story about the risk of smoking goes anywhere without a tobacco industry rebuttal trailing along behind (Proctor 274). Diese Strategie ist erfolgreich, weil ein vollständiger Nachweis per definitionem erst dann gelungen ist, wenn es keinen Widerspruch mehr gibt; diesen gibt es aber auf jedem Fall von den Vertretern der betroffenen Industrien und ihren Hauswissen­schaftlern.

4. Stufe: Umkehr der Beweislast

Irgendwann wird jedoch von der aufgeklärten Öffentlichkeit gefordert, die Beweislast umzukehren. Das erleben wir gegenwärtig bei der Einführung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in der EU: Die Erzeuger von GVOs müssen nachweisen, dass ihre Organismen sich ohne Schaden in die Umwelt ausbringen lassen. Die EU hat deshalb beispielsweise die Einfuhr von gentechnisch verändertem Rindfleisch untersagt. Die Reaktion folgt auf dem Fuße.

5. Stufe: „Handelshemmnisse!“

Die Welthandelsorganisation WTO hat (möglicherweise nach entsprechenden Initiativen der Biotech-Industrie) dieses Vorsichtsprinzip als Handelshemmnis interpretiert und entsprechend reagiert: Mit der Behauptung, das Einfuhrverbot sei nicht ausreichend wissenschaftlich begründet – siehe Strategie Nr. 3 -, wurden der EU eine Strafzahlung von $ 124 Mio auferlegt und Strafzölle auf einige EU-Güter erhoben.

6. Stufe: „Sauberer Journalismus!“

Wenn die wissenschaftliche Ansicht der interessenunabhängigen Experten immer übermächtiger wird und immer mehr Verbreitung über die Medien findet, wird man versuchen, nach den Wissenschaftlern die Journalisten bei ihrer Ehre zu packen: Sie haben sich selbst der Objektivität verpflichtet; folglich kann man sie dem Verdacht der einseitigen Berichterstattung aussetzen und moralisch zwingen, auch der Meinung Raum zu geben, die sie selbst nicht vertreten. Man fordert eine „ausgewogene Berichterstattung“. Das kann zur Folge haben, dass eine interessengesteuerte Minderheiten-Meinung ähnlich viel Gewicht bekommt wie die Ansicht der überwiegenden Expertenmehrheit. Man stellt also die Journalisten in den Verdacht der Unprofessionalität und Einseitigkeit, wenn sie die Dinge nicht so beschreiben, wie man es gern haben möchte.

Journalisten sollen die Wahrheit lieben. Bild von Engin Akyurt auf Pixabay

7. Stufe: No news at all

Wenn gar nichts mehr hilft, dann ist Schweigen immer noch das Beste. Also ist man froh, wenn die Öffentlichkeit irgendwann des Themas überdrüssig wird oder nichts Entscheidendes und Berichtenswertes mehr geschieht – damit sind wir wieder bei Stufe 1 der Strategie. Das Problem besteht noch, aber es ist weitgehend aus den Medien verschwunden. Das scheint gegenwärtig in Bezug auf die gesundheitlichen Folgen des Rauchens der Fall zu sein. Die Zigarettenindustrie darf also weiterhin ein Produkt vermarkten, das allein in den USA täglich 4000 Teenager abhängig macht und weltweit jährlich Millionen Menschen vor der Zeit sterben lässt.

8. Weitere Strategien

Neben dieser abgestuften Strategie gibt es noch weitere Techniken, die allesamt nicht neu, aber selten bewusst sind – jedenfalls nicht den unbedarften Konsumenten von Nachrichten. 

a. „Hide the numbers!“

Die Gewichte werden verschoben: Ein Flugzeugabsturz mit Hunderten von Opfern ist – bei aller Tragik – wesentlich spektakulärer und erlangt weitaus mehr Aufmerksamkeit und Trauer als die täglichen Rauchertoten, obwohl deren Zahl unvergleichlich höher ist. In seinem Buch über Intuition bringt David G.Myers diesen drastischen Vergleich: „Each year throughout the world, tobacco kills some three million of its best customers. That’s equivalent to 20 loaded jumbo jets daily” (Myers 209). Myers hat für sein eigenes Denken und Urteilen das Motto entwickelt: Show me the numbers!

b. Sprache

Sprache könnte ja ein Medium zur Klärung von Sachverhalten sein. In der Hand spezifischer Interessen wird sie aber zu einem Werkzeug der Verharmlosung und Verdunkelung. Hier ein paar aktuelle Beispiele:

  • Die Zigarettenindustrie beschreibt sich selbst als a responsible manufacturer of a risky product (Proctor 269) und minderjährige Raucher als “junge erwachsene Konsumenten”.
  • Amerikanische Kriegsstrategen haben vor einigen Jahren damit begonnen, zivile Opfer als „Kollateralschaden“ zu bezeichnen; der Begriff „intelligente Wirksysteme“ bezieht sich unter anderem auf Streubomben, und Folter wird zu „umstrittenen Verhörmethoden“.
  • Wenn man Tiere auf engstem Raum zusammenpfercht, nennt man das „Intensivhaltung“.
  • Die Berliner Mauer, welche ein ganzes Volk effektiv und unter Todesdrohung einsperrte, war ein „antifaschistischer Schutzwall“.
  • Ein Unfall in einem Kernkraftwerk ist auf dem besten Weg in Zukunft nur noch ein „Ereignis“ zu sein, ein schwerer Unfall wäre dann lediglich ein „bedeutsames Ereignis“. 

Wachsamkeit ist angebracht!


Literatur

Myers, D. G. (2002). Intuition. Its powers and perils. New Haven: Yale Univ. Press.

Proctor, R. N. & Schiebinger, L. (Hrsg.). (2008). Agnotology. The making and unmaking of ignorance. Stanford, California: Stanford University Press.

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