Sichtweisen #72: Welchem Experten glauben?

Wir müssen Stellung beziehen in den unterschiedlichsten Konflikten unserer Zeit: Ist der Klimawandel natürlich oder menschengemacht? Sollen wir in einer Pandemie auf Isolation setzen oder auf Herdenimmunität? Ist ein gemeinsames Schulsystem besser als ein separierendes? Jede uns noch so dämlich vorkommende freie Meinungsäußerung öffentlich zulassen oder besser „moderieren“? Da wir in der Regel auf keinem dieser Gebiete ausgewiesene Experten sind, empfiehlt es sich, auf solche zu hören. Was aber, wenn sie sich gegenseitig und oft auch heftigst widersprechen?

Portraitfoto Konrad Lehmann

Was uns Konrad Lehmann sagen könnte

Konrad Lehmann forscht und lehrt als Neurobiologe an der Friedrich Schiller-Universität Jena und schreibt unter anderem für das Heise-online-Magazin Telepolis. In einem heute veröffentlichten lesenswerten Beitrag stellt er solche Fragen wie oben und gibt interessante Antworten. Darunter bin ich auf ein Beispiel aus dem Bereich Erziehung und Lernen gestoßen, das ich so noch nicht kannte.

Watsons Erziehungsstil

Das Folgende habe ich von Lehmann übernommen: John B. Watson war der Begründer des so genannten „Behaviorismus“, das heißt, jemand der nicht an innere Zustände und Weltmodelle des Kindes glaubte; für ihn war – übertragen aus der Tierwelt – alles Reiz, Reaktion und Konditionierung in einer ansonsten schwarzen Box.

Es war daher folgerichtig, dass John B. Watson in seinen Erziehungsratschlägen verlangte, Mütter sollten ihre weinenden Kinder nicht auf den Schoß nehmen. Denn das Hochnehmen ist eine Belohnung; wer das Kind auf den Arm nimmt, verstärkt damit – so die Theorie – das Weinen.

Andere Experten wiesen Jahre später nach, dass das Gegenteil stimmt: Kinder, die sogleich getröstet werden, wenn sie weinen, weinen nach einiger Zeit weniger als solche, die ignoriert werden. Aber das war über vierzig Jahre, nachdem Watson seinen Ratgeber „Psychological Care of Infant and Child“ veröffentlich hatte. Er hatte seine drei Kinder selbst nach seinen Prinzipien erzogen; alle drei unternahmen später Selbstmordversuche, ein Sohn erfolgreich. Wie viele weitere Kinder mögen in diesen Jahrzehnten um seinetwillen traumatisiert worden sein, weil die Eltern – vielleicht verunsichert, aber besten Willens – dem Rat eines ausgewiesenen Fachmanns gefolgt waren?

Expertenkrise

„Expertenkrise“ nenne ich es, wenn wir Laien eine Krise kriegen, weil wir gern dem Rat von Experten folgen würden, aber erkennen müssen, dass diese sich völlig uneinig sind. Und das ist häufig der Fall, wie jede/r merkt der/die mit offenen Augen durch die Welt geht. Haben wir eine Chance, gute und und glaubwürdige Experten in dem großen Haufen zu erkennen? Da gibt es ein paar Strategien.

So viele Wissenschaftler – das zweifelhafte Mengenargument!

Wir könnten uns die Menge als Maßstab nehmen und darauf hoffen, dass Quantität notwendig auch in Qualität umschlägt. Wenn eine große Anzahl von (doch hoffentlich) anerkannten Experten eine gemeinsame Position einnehmen, dann müsste das doch wohl die richtige sein, oder?! Das ist leider nicht so eindeutig wie es scheint, wie folgende Aspekte zeigen:

Es kann verschiedene Gründe geben, warum eine Menge kluger Menschen falsch liegen, zum Beispiel wenn sie Tradition oder Ideologie aufsitzen.

  • Als evangelischer Mensch denke ich da an Martin Luther, der das Recht des Einzelnen auf unmittelbaren Gottesbezug entdeckte und verkündigte und damit gegen den umfassenden Vermittlungsanspruch der katholischen Kirche in Widerspruch trat. Ein einzelner die Bibel studierender Mönch gegen die versammelte katholische (und politische) Expertise seiner Zeit auf dem Reichstag zu Worms – er hatte zwar eine wichtige Wahrheit entdeckt, aber (zu diesem Zeitpunkt) keine große Chance.
  • Ein ähnliches Beispiel bringt Konrad Lehmann in seinem erwähnten Beitrag: Als im Jahr 1931 sich hundert Autoren gegen die allgemeine Relativitätstheorie aussprachen, brachte Einstein es auf den Punkt:

„Hätte ich unrecht, würde ein einziger Autor genügen, um mich zu widerlegen.“

Albert Einstein
  • Es gibt also auch in den so genannten „harten“ Wissenschaften so etwas wie Tradition oder Ideologie oder auch Korpsgeist. Alexander Unzicker wird nicht müde, darauf hinzuweisen, wie die dominierenden Standardmodelle in der Kosmologie und in der Elementarteilchenphysik abweichende Meinungen niederschreiben oder gar nicht erst laut werden lassen. Lektürevorschlag: „Vom Urknall zum Durchknall„.
  • In der Auseinandersetzung um den Klimawandel hat eine sehr große Menge von Wissenschaftlern eindeutig Stellung bezogen: Es sind 26 800 Experten, die die Proteste der Bewegung Fridays4Future unterstützen. Ich hatte dieses Mengenargument auch schon in meinem Blog verwendet und kann mir tatsächlich überhaupt nicht vorstellen, dass diese Wissenschaftler, die sehr transparent und nachvollziehbar argumentieren, nicht Recht haben sollten. Welche weiteren Kriterien könnte man da anlegen?

Wie wird gestritten?

Konrad Lehmann gibt dazu folgende Beispiele:

„… ich vermute, dass der Mensch am aktuellen Klimawandel schuld ist. Nicht, weil ich irgendetwas davon verstünde. Auch nicht wegen oder trotz irgendwelcher Mehrheiten. Sondern weil ich, wann immer ich mich mit ‚Klimaskeptikern‘ befasst habe, nur Argumente gesehen habe, die von der Gegenseite längst widerlegt waren. Ich habe offensichtlichen Unsinn vorgesetzt bekommen, der als Offenbarung gehandelt wurde. Habe bösartige Unterstellungen und persönliche Angriffe beobachtet. Und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die geduldig und transparent Fakten dagegenhalten.

Argumentationsweisen können eine gewisse Orientierung bieten. Selbst da, wo man vom Thema keinerlei Ahnung hat, ist es meist möglich zu erkennen, welcher der Kontrahenten sachlich argumentiert. Und wer sich in Häme, Sarkasmus, Ad-hominem-Argumente* und Ausweichmanöver rettet.“

*Ad-hominem-Argumente richten sich nicht auf die Sache, sondern gegen eine Person: So wurde zum Beispiel die Relativitätstheorie als „jüdische Physik“ diskreditiert. Die Theorie der Evolution brachte u.a. diese despektierliche Karikatur von Charles Darwin zutage:

Quelle: Wikipedia

Man kann sich also durchaus am Stil der Auseinandersetzung orientieren: Wer andere niederbrüllt, verdient wohl kaum unser Vertrauen. Wer andere nicht zu Wort kommen lässt, ebenso wenig. Das hat nun den interessanten Nebenaspekt der besonderen Art von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, nämlich dem peer review, das bedeutet: Wissenschaftliche Aufsätze werden eingereicht und von anderen Wissenschaftlern beurteilt, ehe sie veröffentlicht (oder eben abgelehnt) werden. Da kann es schon mal passieren, dass vom mainstream abweichende Meinungen entweder auf die ganz lange Bank geschoben oder eben blockiert werden.

Im Zweifel für den Zweifel!

Neben dem sachlichen Argumentieren sieht Lehmann ein zweites Merkmal wissenschaftlichen Denkens:

Gewissheiten vermeiden, Meinungen entlarven, Behauptungen hinterfragen. Mit einem Wort: zweifeln. 

Der Zweifel an der Position der anderen ist uns ja anscheinend in die Gene geschrieben. Was aber ist mit dem Zweifel an der eigenen Erkenntnis? Karl Popper hat den Wissenschaftlern und uns interessierten Laien diese Haltung ins Stammbuch geschrieben, und mit Zitaten aus seinem Buch „Vermutungen und Widerlegungen“ soll dieser Beitrag enden:

„Nach der hier umrissenen Theorie der Erkenntnis kann man die Überlegenheit einer Theorie gegenüber einer anderen hauptsächlich nach folgenden Gesichtspunkten beurteilen: ob sie mehr erklärt; ob sie gründlicher überprüft ist, das heißt, ob man über sie ernsthafter und kritischer diskutiert hat im Lichte von all dem, was wir wissen, von allen möglichen Einwänden, und insbesondere auch von allen Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen, die wir entwerfen konnten mit dem Plan, die Theorie zu kritisieren und sie, wenn möglich, zu widerlegen.“ (Popper 2009, S. 235–236)


Unsere Theorie sagt: der Fortschritt des Wissens besteht aus Vermutungen und Widerlegungen.

(Popper 2009, S. 236)


„Wir sind nicht daran interessiert, wissenschaftliche Theorien als sicher, gewiß oder wahrscheinlich nachzuweisen. Eingedenk unserer Fehlbarkeit sind wir nur daran interessiert, sie zu kritisieren und zu prüfen, wobei wir hoffen, die von uns gemachten Fehler zu entdecken, aus ihnen zu lernen, und, wenn wir Glück haben, zu besseren Theorien zu gelangen.“ (Popper 2009, S. 354)

Literatur & Links

Popper, K. R. (2009). Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis (Gesammelte Werke, in deutscher Sprache ; 10, 2. Aufl.). Tübingen: Mohr Siebeck.

Initiative #28: Wissenschaftler: „Die Schüler haben Recht!“

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