Das Schuldrama … und wie wir unsere Kinder für die Zukunft stärken

04. Nov 2024

Eine Rezension


Rasfeld, M. & Puder, U. (2024). Das Schul-Drama. … und wie wir unsere Kinder für die Zukunft stärken | Mit einem Vorwort von Dr. Gerald Hüther (1. Auflage). München: bene!


Uff! Man kann dieses Buch nicht am Stück durchlesen, weil man immer wieder erschlagen ist von der Fülle. Erst ist es die Fülle an Druck und Entfremdung, die die Kinder und Jugendlichen in ihren Schulen erfahren und in berührenden Briefen zum Ausdruck bringen. Die beiden Verfasserinnen haben siebzig solcher Selbstzeugnisse im RealLabor in Leipzig entgegennehmen und veröffentlichen dürfen. Hier nur ein Beispiel:

»Manchmal möchte ich heulen. Vor Verzweiflung und diesem tagtäglichen Stress und Druck und Klassenarbeiten und Hausaufgaben. Gerne würde ich mal so richtig laut schreien. Einfach nur schreien. Ich würde mich besser fühlen. Doch ich schreie nicht. Ich fühle mich alleine. Niemand versteht mich richtig. Niemand bemerkt meinen Schmerz, niemand.« (Schülerin, 17 Jahre)

Danach ist es eine andere – ermutigenderweise viel größere – Fülle, nämlich die an Leben, Bewusstsein, Verantwortung und Kreativität, die Schülerinnen und Schüler, auch Elfjährige schon, entwickeln können, wenn man ihnen Räume gewährt, sich mit ihrer eigenen Welt auseinanderzusetzen, Probleme zu erkennen und für Lösungen aktiv zu werden. Eine Vielfalt von Aktivitäten führen die Schüler:innen aus dem Schulhaus heraus und mit Eltern zusammen in den Stadtteil hinein. Auch hier ein Beispiel:

Die 5a entwickelte zusammen mit fair handel e. V. ein Straßentheater »Kleider machen Leute«, in dem es um den 15 000 Kilometer langen Weg einer Jeans von den Baumwollfeldern in Kasachstan über die Verkaufsregale in Deutschland und über die Altkleiderentsorgung bis zum Wochenmarkt in Afrika ging, wo sie wieder verkauft wird. Alle Kinder, auch die geistig behinderten, hatten Rollen übernommen. Zum Europäischen Tag der Kleidung führten die Kinder am 9. Mai 1998 ihr selbst entwickeltes Stück an einem verkaufsoffenen Samstag in der Innenstadt mehrfach mit viel Publikum vor der Marktkirche auf, verbunden mit einer Modenschau mit fair gehandelten T-Shirts.

Das Buch ist nun keine bloße Aneinanderreihung von schulischen Sorgen und Nöten auf der einen und gelungenen Projekten auf der anderen Seite, sondern diese werden von Margret Rasfeld und Ute Puder immer wieder auf dem Hintergrund von Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, Biologie, Medizin, Pädagogik, Soziologie usw. belegt, reflektiert und eingeordnet. Dadurch wird die Kluft sicht- und spürbar, über die unsere Schüler:innen zwischen den traditionsgeprägten Lernzielen und den existenziellen Notwendigkeiten, wie sie von den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen formuliert werden, springen müssen – auf dem Weg heraus aus ihrer familiären Vergangenheit und schulischen Gegenwart in ihre doch so deutlich gefährdete Zukunft.

Sprung in eine ungewisse Zukunft. Bild von Riette Salzmann auf Pixabay

Es geht die Frage an uns Lehrerinnen und Lehrer: Lassen wir unseren Schüler:innen die Zeit zum Innehalten und zum Nachdenken über sich und die Welt? Oder überschütten wir sie weiter mit Stoff, der für gute Noten und Abschlüsse gelernt werden muss? Folgen wir einer Ethik, wie sie in den Reckahner Reflexionen niedergelegt ist?

Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Kinder und Jugendliche diskriminierend, respektlos, demütigend, übergriffig oder unhöflich behandeln.

Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Produkte und Leistungen von Kindern und Jugendlichen entwertend und entmutigend kommentieren.

Geben wir den Schülerinnen und Schülern  Gelegenheiten, sich selbst auch in unserem Unterricht als Person zum Ausdruck und zur Existenz zu bringen oder sehen wir es als Erfolg, wenn sie das Fremde der schulischen Leistungsforderungen erfüllen – innerlich unbeteiligt zwar, vielleicht verletzt, vielleicht voller Ängste, aber gut funktionierend und ohne zu stören?

Ja, leider besteht dieser Gegensatz – Kinder und Jugendliche als Menschen oder als Schüler:innen –, den John Hattie mit dem banking model of education in Zusammenhang bringt, das (oberflächlich betrachtet) zu aufmerksamen und gehorsamen Lernenden führt, aber die Schülerinnen und Schüler als Objekte des Unterrichts festschreibt, statt sie zu Subjekten ihres eigenen Lernprozesses werden zu lassen.

»Eigentlich geht man ja in die Schule, um gehorchen zu lernen. Den ganzen Tag tust du das, was die Lehrer dir sagen, und so lernst du zu gehorchen.« (Schülerin, 13 Jahre)

Die AGENDA 21, die für die beiden Verfasserinnen maßgeblich ist und aus der sie Formate wie Klassenrat und Schulversammlung ableiten, fordert im Kapitel 25, aus Betroffenen Beteiligte zu machen:

Es ist zwingend erforderlich, dass Jugendliche aus allen Teilen der Welt auf allen für sie relevanten Ebenen aktiv beteiligt werden, weil dies ihr heutiges Leben beeinflusst und Auswirkungen auf ihre Zukunft hat. Zusätzlich zu ihrem intellektuellen Beitrag und ihrer Fähigkeit, unterstützende Kräfte zu mobilisieren, bringen sie einzigartige Ansichten ein, die in Betracht gezogen werden müssen.

In den Schulversammlungen geben die Schüler:innen positive und persönliche Botschaften weiter. Schon allein für die bewegenden Beispiele davon lohnt sich eine Lektüre dieses Buches.

Kinder und Jugendliche wollen nicht nur bedient werden, sie übernehmen gerne Verantwortung, man muss ihnen nur auch in der Schule Gelegenheit dazu geben. Deshalb haben Margret Rasfeld und Kolleg:innen in Essen schon 1999 für die 7. und 8. Klassen das fächerübergreifende „Projekt Verantwortung“ als Lernformat eingeführt, in dem sich alle Schülerinnen und Schüler für das Gemeinwesen engagieren.

Ihre Verantwortungsaufgabe suchen sich die Jugendlichen aus den siebten Klassen selbst. Sie sind vielfältig aktiv in Sportvereinen, Kitas und Grundschulen, unterstützen geflüchtete Kinder, erfreuen krebskranke Kinder in Kliniken durch Lesen und Spielen. Sie übernehmen Patenschaften für Spielplätze oder Grünflächen, initiieren Umweltschutzprojekte, bilden Kinder zu Klimabotschaftern aus. Andere helfen in Seniorenheimen, werden Freunde für Senioren, die zu Hause alleine sind und sich über Unterstützung und Abwechslung freuen, oder sie helfen Senioren bei Technik – Handy oder Computer.

Die Fülle an Beispielen von erfolgreichen Lesepatenschaften („Lauschohr“), Lernpartnerschaften („Bildungsbande“), „Herausforderungen“, Klimabotschaftern („Plant for the Planet“) oder „Schüler schulen Lehrer“ ist überwältigend. Und diese Formate sind überzeugend:

»Ich bin hellauf begeistert. Ich arbeite als Berater für das Kultusministerium. Ich wäre sehr dankbar, wenn wir Sie mit Ihren Schülern für eine große Tagung mit Lehrern, Schulleitern und Schulamtsvertretern gewinnen können. Danke für Ihre Inspirationen, Schule im Aufbruch und Ihr Mut machendes Engagement.«

Margret Rasfeld und Ute Puder zeigen, dass das alte lehrplangesteuerte und vereinzelnde Betriebssystem Schule dringend ein Update braucht, um die Schülerinnen und Schüler für die Herausforderungen ihrer Gegenwart und Zukunft zu befähigen. Dabei geben sie zahlreiche Beispiele für den großen Wert, den die Künste und das Theater für ein Lernen haben, das es nicht aus-, sondern einschließt, sich selbst zum Ausdruck zu bringen.

Können die Kinder und Jugendlichen mit dem gegenwärtigen Betriebssystem Schule ihre Zukunft bewältigen? Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

In Summe: Ein gutes Buch. Ein wichtiges Buch, mit einer Fülle von Anregungen für engagierte Lehrkräfte und Schulleitungen!

P.S. Die produktive Fülle, die dieses Buch enthält, kann in dieser Rezension gar nicht umfasst werden. Von daher sei das Inhaltsverzeichnis angehängt, das einen Überblick über die angesprochenen Themen, Probleme und Antworten bietet.

P.P.S. Diese Besprechung ist zu wenig objektiv und mit zu wenig Abstand geschrieben? Ja. Der Verfasser bekennt sich zu der Arbeit und den Gedanken von Margret Rasfeld und Ute Puder und wünschte sich, er hätte als Lehrer und Schulleiter selbst mehr davon gehabt und umgesetzt – zum Wohl der Kinder und Jugendlichen!

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