Leistungsdruck in der Schule kann die Zukunft mancher Schüler:innen erheblich beeinträchtigen. Natürlich dürfen und sollen wir Lehrer:innen Leistungen erwarten. Aber es gilt genau hinzuschauen, von wem. Hier der Blick auf eine neue Studie, ich zitiere die Pressemeldung.
Pressemitteilung: Schulischer Leistungsdruck mit erhöhtem Depressionsrisiko bei Jugendlichen verbunden
Peer-reviewte Veröffentlichung University College London
Leistungsdruck in der Schule im Alter von 15 Jahren steht in Zusammenhang mit depressiven Symptomen und einem erhöhten Risiko für Selbstverletzung – und dieser Zusammenhang scheint bis ins Erwachsenenalter fortzubestehen. Das ergab eine Studie unter der Leitung von Forschenden des University College London (UCL).
Die Autor:innen der neuen Studie, die im The Lancet Child & Adolescent Health veröffentlicht wurde, betonen, dass ihre Ergebnisse darauf hindeuten, dass eine Verringerung des schulischen Leistungsdrucks Depressionen und Selbstverletzungen unter jungen Menschen reduzieren könnte.
Jugendliche berichten, dass schulischer Druck eine ihrer größten Stressquellen ist.
Prof. Gemma Lewis
Die leitende Autorin, Professorin Gemma Lewis (UCL Psychiatrie), sagte: „In den letzten Jahren sind die Depressionsraten bei jungen Menschen im Vereinigten Königreich und in anderen Ländern gestiegen, und auch der schulische Leistungsdruck scheint zuzunehmen. Jugendliche berichten, dass schulischer Druck eine ihrer größten Stressquellen ist. Ein gewisser Druck, in der Schule erfolgreich zu sein, kann motivierend wirken, aber zu viel Druck kann überwältigend sein und sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken.
Wir fanden heraus, dass Jugendliche, die sich im Alter von 15 Jahren stark durch die Schularbeit unter Druck gesetzt fühlten, in den folgenden Jahren bis ins frühe Erwachsenenalter hinein höhere Werte bei depressiven Symptomen angaben.“
Für ihre Studie analysierten die Forschenden Daten von 4.714 Jugendlichen aus der „Children of the 90s“-Geburtskohortenstudie (Avon Longitudinal Study of Parents and Children – ALSPAC). Diese Langzeitstudie begleitet Eltern und ihre Kinder, die 1991 und 1992 im Südwesten Englands geboren wurden, und erhebt regelmäßig Daten.
Die Autor:innen der aktuellen Studie nutzten Fragebogenantworten der Teilnehmenden im Alter von 15 Jahren – also in der Nähe der GCSE-Prüfungen – um den schulischen Leistungsdruck zu erfassen. Die Jugendlichen gaben an, ob sie sich große Sorgen machen, ihre Schularbeiten zu erledigen, ob sie von zu Hause aus starken Druck verspüren, in der Schule gut abzuschneiden, und wie wichtig es ihnen ist, mindestens fünf GCSE-Abschlüsse zu erreichen.
Depressive Symptome wurden anhand von Umfragen von den Teilnehmenden im Alter von 16 bis 22 Jahren wiederholt erfasst, während Selbstverletzungen bis zum Alter von 24 Jahren untersucht wurden.
Die Forschenden fanden deutliche Hinweise darauf, dass schulischer Leistungsdruck im Alter von 15 Jahren mit stärkeren depressiven Symptomen im Alter von 16 Jahren zusammenhängt.
Die Forschenden fanden deutliche Hinweise darauf, dass schulischer Leistungsdruck im Alter von 15 Jahren mit stärkeren depressiven Symptomen im Alter von 16 Jahren zusammenhängt – und dieser Zusammenhang über mehrere Jahre hinweg bestehen bleibt. Teilnehmende, die im Alter von 15 Jahren einem hohen schulischen Druck ausgesetzt waren, berichteten auch in den folgenden Jahren bis zum Alter von 22 Jahren kontinuierlich über mehr depressive Symptome.
Jeder Anstieg um einen Punkt auf einer neunstufigen Skala des schulischen Leistungsdrucks im Alter von 15 Jahren war mit einer um 8 % erhöhten Wahrscheinlichkeit für Selbstverletzungen verbunden – und zwar von der mittleren bis späten Adoleszenz bis ins frühe Erwachsenenalter. Schulischer Druck im Alter von 15 Jahren stand sogar noch im Alter von 24 Jahren mit einem erhöhten Risiko für Selbstverletzungen in Verbindung.
In einer weiteren Analyse stellten die Forschenden fest, dass schulischer Leistungsdruck bereits im Alter von 11 und 14 Jahren mit depressiven Symptomen zusammenhing.
Die Forschenden betonen, dass eine Verringerung des schulischen Leistungsdrucks für Jugendliche positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben könnte.
Die Forschenden betonen, dass eine Verringerung des schulischen Leistungsdrucks für Jugendliche positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben könnte. Schulen und Bildungspolitiker:innen sollten dies berücksichtigen. Mögliche Lösungsansätze könnten eine Reduzierung von Tests und Leistungsbewertungen oder die Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen umfassen.
Sie hoffen, ein schulweites Interventionsprogramm zu entwickeln, das die Schulumgebung, -kultur und -werte so verändert, dass der Leistungsdruck sinkt und die psychische Gesundheit sowie das Wohlbefinden der Schüler:innen verbessert werden.
Professorin Lewis sagte: „Aktuelle Ansätze zur Unterstützung der psychischen Gesundheit von Schüler:innen konzentrieren sich meist darauf, einzelnen Schüler:innen zu helfen, mit dem Druck umzugehen. Wir möchten den schulischen Leistungsdruck auf der Ebene der gesamten Schule angehen, indem wir die Schulkultur verändern.“
Wir möchten den schulischen Leistungsdruck auf der Ebene der gesamten Schule angehen, indem wir die Schulkultur verändern.
Prof. Gemma Lewis
Die Autor:innen weisen darauf hin, dass weitere aktuelle Daten benötigt werden, um zu verstehen, wie der heutige Leistungsdruck mit der psychischen Gesundheit zusammenhängt. Die Teilnehmenden der Studie waren 2006–2007 15 Jahre alt, sodass die Ergebnisse keine Auswirkungen späterer Politikänderungen oder der COVID-19-Pandemie widerspiegeln. Sie betonen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt und die Ergebnisse daher keine Kausalzusammenhänge beweisen können. Zudem wurde kein standardisiertes Maß für schulischen Druck verwendet; die verwendete Skala kombinierte sowohl externen Druck (z. B. von Eltern oder Lehrkräften) als auch internen Druck, der durch die eigenen Sorgen und Prioritäten der Schüler:innen entstehen kann.
Dies bestätigt die früheren Erkenntnisse von Mind, wonach fast vier von fünf jungen Menschen (78 %) angaben, dass die Schule ihre psychische Gesundheit verschlechtert hat.
Tolu Fashina-Ayilara
Tolu Fashina-Ayilara, Senior Policy and Influencing Officer bei der psychischen Gesundheitsorganisation Mind, kommentierte: „Die Studie des UCL unterstreicht die erheblichen negativen Auswirkungen, die schulischer Leistungsdruck auf die psychische Gesundheit junger Menschen haben kann. Dies bestätigt die früheren Erkenntnisse von Mind, wonach fast vier von fünf jungen Menschen (78 %) angaben, dass die Schule ihre psychische Gesundheit verschlechtert hat. Solche Belege zeigen, wie ernst wir die steigenden Raten psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen nehmen müssen. Es ist entscheidend, die sozialen, emotionalen und wirtschaftlichen Faktoren zu untersuchen, die diese Trends vorantreiben. Dieser Fokus ist notwendig, um die Zahl der jungen Menschen zu verringern, die mit psychischen Problemen kämpfen, und sicherzustellen, dass alle jungen Menschen die richtige Unterstützung erhalten, um sich entfalten zu können.“
Hinweis: UCL200 2026 markiert einen wichtigen Meilenstein für das UCL – 200 Jahre seit der Gründung als erste Universität Londons. Am 11. Februar 2026 beginnt das UCL mit einem Jahr voller Feierlichkeiten zum 200-jährigen Jubiläum, darunter eine spektakuläre Serie von Licht- und Toninstallationen namens UCL Illuminated.
Das UCL200-Programm verspricht ein spannendes und vielfältiges Angebot an Aktivitäten, Veranstaltungen und Geschichten, um das Engagement für die Gründungswerte des UCL zu feiern, die Exzellenz und den Einfluss der bahnbrechenden Arbeit und der Menschen am UCL zu würdigen und ein ambitioniertes, inspirierendes Porträt der Zukunft zu zeichnen. Zu den Highlights des Programms gehören: eine große, kostenlose Ausstellung – Two Centuries Here –, die die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des UCL erkundet; ein Programm für öffentliche Kunst; sowie drei speziell veröffentlichte Bücher über die Geschichte des UCL, Bloomsburys und der Studierenden in London.
Zeitschrift The Lancet Child & Adolescent Health
DOI 10.1016/S2352-4642(25)00342-6
Forschungsmethode Beobachtungsstudie
Forschungsthema Menschen
Artikeltitel Der Zusammenhang zwischen schulischem Leistungsdruck und depressiven Symptomen sowie Selbstverletzung bei Jugendlichen: Eine longitudinale, prospektive Studie in England
Die Studie wurde von Wellcome und der Royal Society finanziert.
Veröffentlichungsdatum des Artikels 12. Februar 2026
Quelle: https://www.eurekalert.org/news-releases/1116184
Übersetzt mit Le Chat
Beitragsbild: WordPress-KI






2 comments On Argumente #36: Schulischer Leistungsdruck und Depression
Vielen Dank fürs Teilen der Studie. Ich habe mal die KI bemüht und sie gefragt, inwieweit die Schule erst nach der Wahrnehmung von Social Media bzw. Smartphone-Nutzung im wissenschaftlichen Apparat als „Problemfaktor“ für psychische Gesundheit erkannt wurde. Hier ein Ausschnitt aus ihrer Antwort, den ich bemerkenswert finde:
3. Warum die Schule als Faktor oft „übersehen“ wurde
Es gibt drei Gründe, warum die Schule in der Wahrnehmung erst später als „Täter“ auftauchte:
Institutionelle Trägheit: Es ist politisch und gesellschaftlich schwerer zu akzeptieren, dass eine staatliche Pflichtveranstaltung (Schule) Kinder krank macht, als ein kommerzielles Produkt (Smartphone) zu verteufeln.
Kausalitäts-Verschleierung: Wenn ein Kind gemobbt wird, passiert das heute auf WhatsApp. Die Ursache (das soziale Gefüge der Schulklasse) wird oft übersehen, weil das Medium (das Smartphone) sichtbarer ist.
Die „G8“-Debatte: In Deutschland war die Verkürzung der Gymnasialzeit (G8) ein Katalysator. Erst die sichtbare Überforderung ganzer Jahrgänge führte dazu, dass die Wissenschaft den Faktor „Zeitstress“ massiv untersuchte.
4. Aktueller Forschungsstand: Das Interaktionsmodell
Die moderne Forschung (seit ca. 2015) trennt diese Faktoren nicht mehr strikt:
Die Schule erzeugt den Stress; das Smartphone verhindert die Erholung davon.
Fazit
Es ist nicht so, dass die Wissenschaft die Schule erst seit 10 Jahren „erkennt“. Vielmehr hat sich die Beweiskette geschlossen: Wir wissen heute, dass die biologischen Bedürfnisse (Schlaf, Bewegung, angstfreies Lernen) durch das aktuelle Schuldesign oft systemisch verletzt werden. Das Smartphone kam als Beschleuniger hinzu und hat die Probleme der Schule lediglich sichtbarer und unentrinnbarer gemacht.
Hochinteressante Anmerkungen, danke Bernhard!