Faktencheck #95: Sitzenbleiben – eine falsche Maßnahme, die nicht totzukriegen ist!

Der DIPF-Blog „Sitzenbleiben“ versucht, mit wissenschaftlichem Anspruch Fragen zu beantworten, die Eltern an Schule und Unterricht richten. Der erste von inzwischen 16 Blogbeiträgen befasst sich mit dem namensgebenden Problem – eben dem Sitzenbleiben. Hier die Kernaussagen.


Quelle: Ein Blogbeitrag von Prof. Kai Maaz, Bildungsforscher und geschäftsführender Direktor am DIPF (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation). Die Fragen stellte Anke Wilde.


Ist Sitzenbleiben „teuer, unwirksam und stigmatisierend“? Oder hat es schlicht und einfach „noch niemand geschadet“?

„Wenn du etwas in einem Schuljahr nicht verstanden hast, dann machst du dieses Schuljahr halt nochmal“ – diese Logik des „Förderns“ und diese Art der „Zwangshomogenisierung“ erschließt sich Kai Maaz nicht. An späterer Stelle spricht er beim bloßen Nochmal einer Klasse von einem Trugschluss:

Wenn die Lernzugänge der Kinder unterschiedlich sind, dann wird man mit dem puren Wiederholen von Lerninhalten, mit der gleichen Didaktik, mit dem gleichen Stoff, mit dem gleichen Lehrplan möglicherweise die erhofften Wirkungen nicht erzielen.

Prof. Kai Maaz

Deutschlandweit bleiben etwas mehr als zwei Prozent (Bayern fast vier Prozent) der Schüler/innen sitzen. Das klingt nicht nach sehr viel. Allerdings verweist Prof. Maaz auf die erste PISA-Studie, in der für Deutschland festgestellt wurde, dass von den untersuchten 15-Jährigen im Lauf ihrer Schulkarriere 24 Prozent eine Klasse wiederholt haben – also fast ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler. Zum Vergleich: Die meisten OECD-Länder liegen hier unter 10 Prozent.

Werden durch Sitzenbleiben Lernrückstände aufgeholt?

Maaz stellt die Frage, ob dieses institutionalisiertes Verfahren die erhofften Wirkungen zeigt, nämlich dass die Kinder und Jugendlichen ihre Kompetenzrückstände wirklich nachhaltig auffangen können. Die empirische Evidenz für eine solche Annahme findet sich nach seinem Verständnis in der Forschungsliteratur nicht.

Hat sich in den letzten Jahren der Umgang mit dem Sitzenbleiben geändert? Maaz beobachtet in den Bundesländern einen Rückgang des erzwungenen Sitzenbleibens zugunsten einer freiwilligen Wiederholung. Aber die entscheidende und notwendige Änderung sieht er in einer differenzierten Betrachtungsweise, die mit der Diagnose einer Lernschwäche oder Lernstörung einsetzt: Was braucht diese/r eine Lernende an Unterstützung in genau welchen Bereichen? Auf dieser Grundlage muss dann ein individuelles Förderprogramm erstellt werden. Und das alles kann sehr gut im alten Klassenverband geschehen.

Er spricht von den unterschiedlichen Zugängen der Lernenden, die von den Lehrkräften erreicht werden und auf denen sie aufbauen müssten.

Es gibt viele Zugänge – welcher passt am besten? Bild von Simona auf Pixabay

Kann diese individuelle Förderung in den oft sehr großen Klassen verwirklicht werden?

Diese Frage verneint Professor Maaz und sieht dahinter das grundsätzliche Problem, dass ein guter Unterricht sich nicht nur an die „Mittelköpfe“ richten kann, sondern auch die unteren und die oberen Leistungsbereiche in den Blick nehmen und sich überlegen muss, wie allen Schüler/innen die ihnen gemäße Förderung gegeben werden kann.

Seines Erachtens müssen wir (Lehrerinnen und Lehrer) von der Haltung wegkommen, am Ende des Schuljahres mit allen Kindern alle Punkte des Lehrplans oder alle Seiten der Lehrbüchern abgearbeitet zu haben. Er rät dazu, sich schon in der Grundschule auf die Basiskompetenzen zu fokussieren, statt allen Stoff abhandeln zu wollen. Allerdings bräuchte es dazu dann auch zusätzliches Personal unterschiedlicher Qualifikation, eben multiprofessionelle Teams. Man kann in Zeiten des Mangels auch Tutoren dazunehmen oder Kräfte aus dem Ganztag.

Was ist mit den education technologies?

Es sollten stärker forschungsbasierte Materialien verwendet werden, die es ja schon gibt, insbesondere im sprachlichen und mathematischen Bereich. Viele Schulen hätten diese Zugänge noch nicht und müssten sie ihren Lehrkräften eröffnen. Ein Blick auch auf digitale Möglichkeiten würde sich lohnen, in der Umsetzung dann besonders für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler.

OER – Open Educational Ressources haben ihre eigene Problematik. Bild von Annett Zobel auf Pixabay

Zwischenfazit

  • Wir brauchen mehr Personal.
  • Wir brauchen eine andere Haltung, nämlich die Lehrpläne nicht ganz strikt zu erfüllen.
  • Wir müssen bestimmte Basiskompetenzen zuverlässig vermitteln.
  • Wir brauchen den Einsatz von Software.

Diese Punkte ergänzt Maaz noch durch den Hinweis darauf, dass man die Unterrichtszeit für Basiskompetenzen bei den Schüler/innen, die es bräuchten, individuell erhöht und auf andere Dinge verzichtet, bzw. erst in späteren Jahren wieder dazu nimmt, bis die Kinder dann einen Kompetenzstand erreicht hätten, der sie in die Lage versetzt, besser und vielleicht auch selbstständiger zu lernen. Wir wissen, dass die Selbstlernkompetenzen eine wichtige Rolle spielen, wofür natürlich eine gute ausgeprägte Lesekompetenz erst mal erreicht werden muss.

Geht die Ausbildung der Basiskompetenzen dann zu Lasten von Sport, Kunst, Musik oder Sachfächern?

Professor Maaz sieht die Aufgabe, dies zu entscheiden, bei den Grundschulen. Dabei gilt es, nicht nur das aktuelle Schuljahr vor Augen zu haben, sondern einen längeren Zeitraum in der jeweiligen Bildungsbiografie: Was heute durch die Konzentration auf die Basiskompetenzen versäumt wird, kann vielleicht morgen aufgrund besserer Voraussetzungen nachgeholt werden.

Was weiß man über die Sitzenbleiber?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Sitzenbleiben und Geschlecht: Jungs sind im Mittel stärker betroffen von dieser Maßnahme. Wir sehen auch einen Zusammenhang mit der sozialen Herkunft: Kinder, deren Eltern oder die selbst zugewandert sind, haben ein höheres Risiko des Sitzenbleibens, weil vor allem die sprachlichen Kompetenzen nicht ausreichen. Hier stellt sich noch einmal die Frage, ob es denn sinnvoll ist, diese Kinder ein ganzes Schuljahr wiederholen zu lassen. Antwort: Natürlich nicht. Es ist zielführender, dass die Schule nach den speziellen und individuellen Förderbedarfen fragt und die Schwächen zu beheben versucht.

Was macht Sitzenbleiben mit den Kindern (und Eltern)?

Kinder und Jugendliche werden aus dem Klassenverband herausgerissen, können nicht mehr täglich mit den Freunden zusammen sein; es ist ein kritisches Ereignis, eine Kränkung, ein Einbruch des Selbstwertgefühls; es demotiviert deutlich, weil es mit der dokumentierten Botschaft verbunden ist, dass man den Anforderungen der Schule nicht entspricht. Insofern ist es zu vermeiden. Wenn die Schule den Kindern in dieser Weise zurücksetzt, sieht es Prof. Maaz als Aufgabe der Eltern, ihre eigenen Bildungsambitionen zu hinterfragen, das Selbstwertgefühl wieder aufzurichten und das Kind zu stärken.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Es wäre schon ein Unterschied, wenn man dem Kind vermitteln könnte, dass es halt in bestimmten Bereichen Unterstützung benötigt, nicht in allen, und dass es den Weg weiter mit dem Klassenverband gehen kann. Kai Maaz ist kein Freund des Sitzenbleibens, auch nicht in der Folge von Corona.

Ich bin kein großer Freund des Sitzenbleibens.

Prof. Kai Maaz

Normalerweise wäre die pädagogische Förderung eine genuine Aufgabe der Schule. Aber offensichtlich gibt es auch viele Eltern, die bei solchen Problemen die Hilfe außerschulischer lerntherapeutischer Einrichtungen in Anspruch nehmen – was wiederum zu einer größeren Selektion beitragen kann, weil nur privilegierte Eltern auf solche Angebote zurückgreifen können. Konsequenz: Förderung gehört zum Tagesgeschäft der Lehrpersonen.

Wie entwickeln sich die Kinder nach ihrer Zurückversetzung?

Es gibt Befunde, die zeigen, dass im Wiederholungsjahr eine Verbesserung eintritt, die dann aber in den weiteren Jahren nicht überdauert – ein deutlicher Hinweis darauf, dass das reine Wiederholen nichts mit Nachhaltigkeit zu tun hat, dass vielleicht nur Oberflächenwissen gesammelt, aber nicht verankert wird. Das hat dann negative Folgen für Fächer, die kumulativ neue Konzepte auf alten aufbauen.

Wie geht es für Wiederholer nach der Schule weiter?

Sitzenbleiben schließt nicht aus, dass man einen sehr guten Schulabschluss erzielt und danach auch beruflich Karriere macht; das zeigen zahlreiche prominente Beispiele. Allerdings können und sollten solche Einzelfälle nicht generalisiert werden.

Was ist richtig? Was ist machbar?

Kommentar

Kai Maaz macht deutlich, dass er Sitzenbleiben für eine untaugliche Maßnahme hält, die aufgegeben werden sollte zugunsten eines Förderansatzes. Ihm ist bewusst, dass dafür zusätzliches Personal zur Verfügung gestellt werden müsste. Leider hat sich der Personalmangel in den letzten Jahren verstärkt und wird sich auch im nächsten Jahrzehnt nicht beheben lassen.

Als ehemaliger Rektor einer Grund- und Mittelschule kann ich bezeugen, welche fördernde Haltung Lehrkräfte aller Stufen von 1 bis 10 „ihren“ Kindern und Jugendlichen entgegenbringen, dass sie dann aber überfordert sind, wenn die Probleme zu groß sind oder in einer Klasse mehr als eine Schülerin oder einen Schüler betreffen. Da wird es sich nicht vermeiden lassen, genau das zu tun, was Prof. Maaz für kritisch hält, nämlich Unterstützung bei außerschulischen Stellen zu suchen.

Ein weiterer trüber Mosaikstein in einer verfehlten kultusministeriellen Personalpolitik!

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