Gestern habe ich die Initiative #68 vorgestellt, nämlich die Petition: „Schluss mit Abfragen und Exen!“ Heute erreicht mich die Darstellung der Schülerin, die diese Petition unterstützt – und die aus verständlichen Gründen hier nicht namentlich genannt werden möchte. Sie gibt uns einen Einblick in ihr Erleben im schulischen Alltag an einem Gymnasium irgendwo in Bayern.
Schluss mit Abfragen und Exen!

Bloßstellung und Demütigung an Bayerns Schulen
Rechenschaftsablagen, bzw. Abfragen stellt für viele Schülerinnen eine enorme Belastung dar. Diese Praxis bedeutet, dass wir jederzeit unvorbereitet vor der gesamten Klasse geprüft werden könnten. Gerade wenn man die Fragen der Lehrkraft nicht beantworten kann, fühlt man sich gedemütigt und erniedrigt. Fehler werden nicht als bereichernde Chance, sondern als Katastrophe empfunden.
Viele Erwachsene berichten mir noch heute davon, wie belastend es war, wenn die Lehrkraft die Klassenliste durchging, um gezielt jemanden herauszupicken. An diesem demütigenden Ritual hat sich seit dem letzten Jahrhundert nichts geändert. Was schon meine Großeltern als quälend empfanden, belastet auch Schülerinnen wie mich noch jeden Tag.
Fehler werden nicht als bereichernde Chance, sondern als Katastrophe empfunden.
Wir alle kennen den Satz: „Hefte weg, wir schreiben eine Ex!“. Für mich ist dieser Satz mit einem Schockmoment verbunden, besonders dann, wenn er völlig unerwartet kommt. Manchmal beschäftigt man sich tagelang mit der Frage, ob „jetzt wieder mal“ eine Ex anstehen könnte, doch manchmal trifft es einen genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

Diese Prüfungen können jederzeit und ohne Vorwarnung stattfinden, was bedeutet, dass wir ständig in Alarmbereitschaft leben. Der Stress ist immens, weil man oft nicht einmal weiß, worauf man sich eigentlich vorbereiten soll. Lernt man für die anstehenden Abfragen oder doch lieber für den Fall, dass in Mathe eine Ex geschrieben wird? Diese permanente Unsicherheit, der hohe Druck und das Gefühl, keine Kontrolle über die eigene Situation zu haben, schaffen ein Klima der Angst. Anstatt in einer unterstützenden und fördernden Umgebung zu lernen, dominieren Angst und Stress den Schulalltag.
Diese permanente Unsicherheit, der hohe Druck und das Gefühl, keine Kontrolle über die eigene Situation zu haben, schaffen ein Klima der Angst.
Selektion statt Kollaboration
In der Unterstufe, besonders in der 5. Klasse, war für mich die Selektion im Gymnasium besonders schlimm. Die Lehrerinnen legten großen Wert auf das Abfragen und unangekündigte Tests, um möglichst viele Schülerinnen auszusortieren. Auch ich hatte trotz überwiegend guter Noten ständig Angst, nicht zu genügen. Wer diesem Druck nicht standhielt, musste die Schule verlassen. Bei Abfragen wurde das Scheitern der Schülerinnen demonstrativ zur Schau gestellt, was das Selbstbewusstsein schwächte. Ich erinnere mich, wie regelmäßig Schülerinnen bei Abfragen weinten.
Die Lehrerinnen legten großen Wert auf das Abfragen und unangekündigte Tests, um möglichst viele Schülerinnen auszusortieren.
Man muss sich nur vorstellen, was das für ein 10-jähriges Kind bedeutet, das gerade in die neue Schule gekommen ist, seine Mitschülerinnen kaum kennt und schon nach wenigen Tagen in der neuen Umgebung vor der ganzen Klasse abgefragt wird. Die Schülerin kann viele Fragen nicht beantworten, fühlt sich vor der ganzen Klasse gedemütigt und ist so verzweifelt, dass sie weinen muss. Dann wird ihr auch noch erklärt, dass sie, wenn sie weiterhin so unvorbereitet ist, niemals am Gymnasium bleiben kann.
Ich habe schon viele Lehrkräfte erlebt, die „wir schreiben jetzt eine Ex“ als Witz verwenden, um sich an der Panik der Schülerinnen zu erfreuen. Einige Lehrkräfte fragen sogar diejenigen Schülerinnen ab, die davor gesagt haben, dass sie nicht lernen konnten oder es nicht verstanden haben.
Einige Lehrkräfte fragen sogar diejenigen Schülerinnen ab, die davor gesagt haben, dass sie nicht lernen konnten oder es nicht verstanden haben.
Auf der anderen Seite habe ich auch Lehrkräfte, meistens Referendare oder junge Lehrerinnen, die gezielt darauf verzichten, Exen zu schreiben und Schülerinnen abzufragen. Denn vorgegeben ist lediglich, eine bestimmte Anzahl an mündlichen und schriftlichen Noten zu erheben. Diese Lehrkräfte schreiben also angesagte Kurzarbeiten und machen mündliche Noten ohne einzelne Schülerinnen gezielt abzufragen.
Trotzdem verharren viele Schulen in alten Mustern, und es ist immer noch eine Ausnahme, wenn eine Schule wie das Gymnasium Holzkirchen vollständig auf unangekündigte Leistungsnachweise verzichtet. Ich finde, es darf nicht auf Freiwilligkeit berufen, ob eine Schule auf Angst setzt oder moderne Wege einschlägt. Es braucht eine bayernweite Regelung, die sicherstellt, dass keine Schülerin mehr den Schulbesuch fürchten muss, weil sie heute wieder vor allen bloßgestellt oder unangekündigt getestet werden könnte. Ein gerechtes Bildungssystem sollte auf selbstbestimmtem Lernen und individueller Unterstützung basieren, nicht auf Druck und Angst.
Ich finde, es darf nicht auf Freiwilligkeit berufen, ob eine Schule auf Angst setzt oder moderne Wege einschlägt.
Unterschreibt die Petition „Schluss mit Abfragen und Exen!“
Es kann nicht sein, dass tausende von Schüler*innen im 21. Jahrhundert immer noch unter Abfragen und Exen leiden. Deshalb unterstützen über 20 Organisationen und viele bekannte Einzelpersonen die Petition „Schluss mit Abfragen und Exen!“
Unterstütze auch du die Petition zur Abschaffung unangekündigter Leistungsnachweise in Bayern. Das ist unsere Chance gemeinsam etwas zu verändern!
(Gestern waren es noch 6000+ Unterschriften, jetzt sind es schon über 7500!)
Anmerkung
Für alle, die diese Schilderungen leicht übertrieben finden oder der Meinung sind, dass Schule ja „schließlich auf die Leistungsgesellschaft vorbereiten“ müsse, hier zwei Beiträge aus dem sehr lesenswerten Kinderarztblog:






1 comments On Gast #67: Warum ich die Petition gegen Exen unterstütze
Selbstverständlich habe auch ich diese Petition unterschrieben. Was hier anonym geschildert wird, ist pädagogisch inakzeptabel (und widerspricht der Forschungslage). Dabei habe ich einige Bedenken bzgl. der Verallgemeinerungen, z. B. «verharren viele Schulen in alten Mustern». Die letzten PISA-Ergebnisse interpretiere ich so, dass es diese schwarze Pädagogik (offenbar persönlich oft nicht sehr gefestigter oder hilfloser Lehrkräfte) zwar gibt, dass es aber eine traurige Minderheit ist, die mit Angstmachen agiert. https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/die-zehn-wichtigsten-ergebnisse-der-pisa-studie/#die-ergebnisse-der-pisa-studie-2022 , Punkt 8.: Emotionen, Unterstützung und Disziplin im Mathematikunterricht. Gefordert ist die Schulaufsicht, sind die Schulleitungen, die Berufsverbände der Lehrkräfte und letztlich auch das Bildungsministerium, alles zu tun, um auch die genannte Minderheit zu unterstützen, sich zu guten Lehrpersonen zu entwickeln. Die Exen zu verbieten, ist ein erster Schritt.