Hand aufs Herz: Wer von Ihnen hat „den Hattie“ wirklich von vorne bis hinten gelesen? Also ich meine „Visible Learning“ von 2009 (378 Seiten) und „Visible Learning – The Sequel“ von 2023 (495 Seiten)? Ich gestehe, ich habe beide gelesen, im englischen Original – und nur einen Teil wirklich verstanden… Je mehr ich mit anderen Hattie-Lesern über diese Epoche machenden Bücher diskutiere, desto mehr erkenne ich: Im Lücken haben, bin ich gut. Jetzt wurde mir also dieser Illustrierte Leitfaden geschenkt (Danke, lieber Wolfgang Beywl!), und ich bin einigermaßen begeistert. Das wird jetzt keine neutrale und objektive Rezension.
Bestvater, H. & Beywl, W. (2025). Illustrierter Leitfaden: Lehren und Lernen sichtbar machen: Deutschsprachige Ausgabe von Hanne Bestvater und Wolfgang Beywl (1. Aufl.). Bielefeld: Schneider bei wbv Publikation. ISBN: 978-3-8340-2280-6
Das Titelbild offenbart den Stil des Buches, dessen Aussagen durchgehend mit Grafiken hinterlegt sind. Diese sind kein schmückendes Beiwerk, sondern helfen [mir jedenfalls] beim Verstehen der Inhalte. Dafür ist es hilfreich, dass Taryl Hansen einen Doktorgrad in Erziehungswissenschaften hat. Beispiele folgen.
Nein, es werden nicht sämtliche Aussagen aus Hatties Büchern hier wiedergegeben, der Versuch wäre strafbar – oder zumindest langweilig. Die „Visible Learning“-Bücher werden eingedampft – ich sollte vielleicht besser sagen: reduziert / extrahiert – auf einen grundlegenden „Ideenschatz“ (4 Unterpunkte) und die unverzichtbaren „Denkweisen“ (Mind frames), ehe in 11 Kapiteln je eine „Schlüsselpraxis“ durchbuchstabiert wird.
Mit diesem Ansatz ist es [in meinen Augen] gelungen, die Ergebnisse der Hattiestudien so zu vermitteln, dass man 103 von den heute 438 untersuchten Effekten bezüglich ihrer Wirksamkeit im Unterricht und Umfeld kennen- und einschätzen lernt. Natürlich gehen darüber Details verloren, die man aber bei großem Interesse problemlos nachlesen könnte. Aber als Einführung ist der Illustrierte Leitfaden super geeignet.
Hier zum Vergleich eine Doppelseite aus „Visible Learning – The Sequel“. Wenn man Glück hat, wird der fortlaufende Text durch eine Tabelle – oder sogar durch eine Thermometerdarstellung – aufgelockert (zur Vergrößerung aufs Bild klicken):
Was im Leitfaden nicht fehlt, sind Hinweise auf Hatties Vorgehen bei seiner „Meta-Meta-Studie“ und eine Warnung vor dem Versuch, einfach rasch mal eine „Hitliste“ zu erstellen, mit der man anhand eines leicht lesbaren Rezeptes sofort besseren Unterricht machen kann. Vor Risiken und Nebenwirkungen wird gewarnt.
Es folgt nun eine kleine Auswahl an Seiten, die mir freundlicher Weise vom Verlag zur Veröffentlichung auf diesem Blog freigegeben wurden.
Wie geht Hattie mit den Daten um?
Auf den Einstiegsseiten wird erläutert, was eine „Meta-Studie“ ist, was Hattie mit „Effektstärken“ meint und wie seine Wirksamkeits-Schwelle von 0.40 zustande kommt. Außerdem findet man hier Links zur Datenbank, auf der alle aktuellen Effekte mit ihren Stärken und weiteren Kennzahlen gelistet sind.
Was nicht funktioniert
Schon auf Seite 5 werden Einflussfaktoren in den Blick genommen, die stark negativ, also kontraproduktiv wirken.
Sitzenbleiben -0.24
Diese alltägliche Praxis wird von vielen Pädagog:innen und Eltern für richtig gehalten. Nach Hatties Erkenntnissen muss man hier eher von einem unzerstörbaren Unsinn reden. In diesem Beitrag finden Sie einige ernüchternde Details dazu.
Langeweile -0.46
Hätten Sie´s gedacht, dass gelangweilte Schüler:innen mehr nachlassen als sich verbessern? Wenn Sie bedenken, dass Langeweile nicht nur durch einen öden Unterrichtsvortrag entsteht, sondern auch dadurch, dass Jugendliche beim Sitzenbleiben auch die Fächer noch mal durchkauen müssen, in denen sie keine Probleme hatten, dann sehen sie auch den Zusammenhang mit Punkt oben.
Etikettieren -0.61
Wir Lehrpersonen neigen leider dazu, Schüler:innen mit geistigen Etiketten zu versehen: „ist frech“, „kann kein Mathe“, „ist sprachbegabt“, „behindert“. Dass und wie solche und andere Aufkleber den Lernerfolg stören, weil sie die Erwartungen von Lehrer:innen u. U. so sehr festschreiben, dass die Kinder oder Jugendlichen nicht mehr rauskommen, ist in diesem Beitrag zu Hattie näher ausgeführt. Und die Bildungssoziologin Jonna Blanck hat gezeigt, dass manche Menschen solche Etiketten auch nach dem Schulbesuch nicht mehr loswerden und den negativen Ballast bis in den Arbeitsmarkt hinein mit sich herumtragen müssen.
Feedback
Feedback ist mehr – das wissen natürlich alle Lehrkräfte – als ein paar Anmerkungen unter eine Probearbeit zu schreiben. Es ist ein im besten Fall kontinuierlicher Zyklus, der den Schüler:innen hilft zu erkennen, an welcher Stelle auf dem Weg zu welchem Ziel sie sich gerade befinden und welches die nächsten Schritte sein können. Das alles wird sehr schön dargestellt auf der folgenden Doppelseite.
Diese Beispiele mögen genügen. Ich denke, Sie haben verstanden, wie das Buch konzipiert ist. Wer sich also (mit einem gewissen Recht) scheut, in Hatties Wälzern zu stöbern, bis er auf die ihn oder sie interessierenden Stellen stößt, kann sich mit dem „Illustrierten Leitfaden“ einen guten Einblick in das Denken John Hatties verschaffen. Oder ihn als Anregung nehmen, in „Visible Learning – The Sequel“ alles noch genauer nachzulesen.
