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Sichtweisen #27: Ausbau der Wirtschaftsschule – Erhalt der Mittelschule?

Bild von Buono Del Tesoro auf Pixabay

1         Wahrscheinlichkeit

Es könnte ja auch sein, dass die Wechsel auf die Wirtschaftsschule Klasse 5 vollständig von Nichtwechseln auf die Realschule „bezahlt“ werden.

Die Note im Übertrittszeugnis der 4. Klasse muss – das besagt die amtliche Meldung – wie bei der Realschule mindestens 2,66 sein. Die Familien entscheiden sich also zwischen Wirtschaftsschule und Realschule. Es gibt an der Realschule die Möglichkeit eines Probeunterrichts, nicht aber an der Wirtschaftsschule.

Vermutung dazu:

Wenn der Wechsel auf die 5. Klasse der WS unter denselben Bedingungen möglich ist wie auf die RS 5, wird die Realschule bevorzugt, weil sie das höhere Prestige aufgrund des allgemeineren Bildungsabschlusses besitzt. Die Wirtschaftsschule ist nämlich aus Sicht des Kultusministeriums eine berufliche, die Realschule eine allgemeine Schule.

2         Sicht der Realschullehrer

Die Realschule scheint in den Verhandlungen eine Art Bestandsgarantie erhalten zu haben. So schreibt der Realschullehrerverband (BRLV), dass eine entsprechende Zusage „ausdrücklich gegeben“ wurde:

Durch die Einführung einer 5. Jahrgangsstufe, der Eingangsstufe an der Wirtschaftsschule, darf das breite und individuelle Bildungsangebot für die Schülerinnen und Schüler an Realschulen, und zwar an keinem einzelnen Realschulstandort, begrenzt werden. Diese Zusage wurde ausdrücklich gegeben und alles andere hätte fatale Folgen.

BRLV

Die Realschullehrer sind sich auch sicher, dass ihre Schulart dadurch keine Einbußen erzielen wird:

Im Kontext der aktuellen Schülerleistungsstudien besteht die Gefahr, dass eine zusätzliche berufliche Schule im Spektrum der Allgemeinbildung bereits ab der 5. Jahrgangsstufe keine Verbesserung bringt, sondern eher eine Schwächung der Allgemeinbildung in anderen weiterführenden Schulen – ausgenommen der Realschule – zur Folge hat.

BRLV

Daraus muss man schließen, dass die Schülerschaft der 5. Klasse Wirtschaftsschule sich aus Kindern rekrutiert, die ansonsten auf der Mittelschule gelandet wären. Da dies bei gleichen Übertrittskriterien unwahrscheinlich ist, muss man wohl das Kooperationsmodell ins Auge fassen.

3         Kooperation der Mittelschule mit der Wirtschaftsschule

Dieses Modell sieht eine Kooperation u.a. auch dadurch vor, dass die Wirtschaftsschule so etwas wie „Außenklassen“ in der Mittelschule unterbringt. Es hat dabei die eindeutige Richtung von der MS -> auf die WS. So steht auf der Seite des Kultusministeriums zu lesen:

Allen Wirtschaftsschulen – unabhängig von der Trägerschaft – ist bewusst, dass die Existenz der Schulart Wirtschaftsschule letztlich an den dauerhaften Fortbestand der Mittelschule als abgebende Schulart gebunden ist. Darüber hinaus ist den Wirtschaftsschulen daran gelegen, dass sich ihr traditionsreiches „Erfolgsmodell“ weiterverbreitet und in der sich ändernden Schullandschaft zukunftssicher gemacht wird. Dies geschieht auch dadurch, dass vermehrt Beratungen zum Besuch der Wirtschaftsschule durch die Grund- und Mittelschule zu erwarten sind. Selbst Wirtschaftsschulen, die nicht am Kooperationsmodell beteiligt sind, dürften davon mittelbar profitieren.

(Hervorhebung von mir)

Hier bringt das KM also zum Ausdruck, dass der Bestand der Mittelschule ausgerechnet als „abgebende Schulart“ gesichert ist! Mit einer 5. Klasse Wirtschaftsschule gäbe es diesen Existenzzweck einer Mittelschule nicht mehr – es sei denn, man geht von einer Stärkung des Kooperationsmodells aus, so dass man sich die Zukunft wohl so vorstellen muss:

Übertrittszeugnis in der GS 4 mit Schnitt 2,66:

Schüler:innen wechseln bevorzugt auf die Realschule. Zum Besuch der WS 5 müssten besondere Gründe vorliegen, wie z.B. räumliche Nähe oder der Erhalt von Freundschaften. Wobei die räumliche Nähe ja dann auch durch „Außenklassen“ der Wirtschafts- an der Mittelschule gegeben wäre.

Übertrittszeugnis in der GS 4 mit Schnitt schlechter als 2,66:

Schüler:innen wechseln in die 5. Klasse der Mittelschule, weil die anderen Wege ja verschlossen sind. Viele davon versuchen aber weiterhin, den Übertritt auf die RS zu schaffen, auch indem sie die 5. Jahrgangsstufe dann in der Realschule wiederholen. Andere werden versuchen, auf die Vorklasse der Wirtschaftsschule zu gelangen, besonders dann, wenn es die Kooperation gibt und die Wirtschaftsschule einzelne Klassen in die Räume der Mittelschule auslagert.

Fazit

Ich sehe einen weiteren Rückgang der Schülerzahlen an Mittelschulen voraus.

Es bleibt ein Mysterium: Woher hat die Wirtschaftsschule diesen starken Einfluss auf das Kultusministerium, dass sogar der Bestand der Mittelschulen – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz – immer wieder aufs Spiel gesetzt wird?

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