Unter dem Motto „Gemeinsam Vielfalt erleben“ fand am Samstag, den 15. Februar 2025 eine Fachtagung des Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern in der Montessori-Schule Dachau statt. Die Veranstaltung stand ganz im Zeichen des Diskurses von Expertinnen und Experten, Lehrkräften und Bildungsinteressierten um Schulreform, Inklusion und Zukunft einer Gemeinschaftsschule in Bayern.
Inklusionsreform in Bayern. Eine kritische wissenschaftliche Bilanz
Das war der Titel des Hauptvortrags von Prof. em. Hans Wocken.
Professor Hans Wocken wies eindrucksvoll nach, dass die UN-Behindertenrechtskonvention in Bayern zwar dahin geführt hat, dass mehr Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in bayerischen Schulen gewissermaßen erzeugt wurden (‚“Etikettierungsschwemme“), dass aber der Anteil der in den Förderschulen verbleibenden Schüler:innen stets gleich geblieben sei. Es fand also keine Inklusion statt, die doch von Menschen wie dem ehemaligen Kultusminister Dr. Spaenle als „Herzensangelegenheit“ bezeichnet wurde und vom Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz ausdrücklich gefordert wird.
Die inklusive Schule ist ein Ziel der Schulentwicklung aller Schulen.
BayEUG, Art. 30b (1)
Wockens Ziel von daher: Bayern braucht eine Schule des längeren gemeinsamen Lernens für alle Kinder neben den bereits bestehenden Schularten. Dafür arbeitet das Bündnis Gemeinschaftsschule und führt unermüdlich Gespräche mit dem Kultusministerium und Bildungspolitiker:innen, von denen auch einige anwesend waren, zum Beispiel Gabriele Triebel, MdL (Die Grünen), Nicole Bäumler, MdL (SPD) und Nicole Gohlke MdB (Die Linke).
Aufruf zum Umdenken
Im Anschluss folgte eine lebhafte Podiumsdiskussion unter dem Titel „Warum die Gemeinschaftsschule zukunftsweisend ist“. Zu den Teilnehmern zählten neben Professor Wocken Stefan Ruppaner (Alemannenschule Wutöschingen), Dr. Michael Kirch (Bildungsreferat Stadt München) , Engelbert Schmidt (Aktion Humane Schule), Konstanze von Unold (Grundschulverband) und Vanessa Hartmann (Familientreff Inklusion). Die Diskussion war geprägt von provokanten Thesen und engagierten Wortbeiträgen. Gleich zu Anfang wurde auf eine aktuelle Aussage des renommierten australischen Bildungsforschers John Hattie verwiesen, der zum deutschen Bildungssystem kürzlich feststellte:
Es ist das ungerechteste Schulsystem, das ich kenne.
John Hattie in einem Interview mit dem Spiegel
Die Diskussion verlief äußerst angeregt. So forderte Wocken u.a. den Abschied vom Frontalunterricht. Kirch bemerkte: „Warum tun wir nicht Dinge, von denen wir alle wissen, dass sie gut sind? Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Transformationsproblem.“ Ruppaner, dessen Alemannenschule in Wutöschingen den Deutschen Schulpreis 2019 erhielt, fasste die derzeitige Situation pointiert zusammen:
Wir haben den Unterricht abgeschafft.
Stefan Ruppaner
Das Fazit der Diskussion: Die Gemeinschaftsschule, die in vielen deutschen Bundesländern seit Jahren erfolgreich Bestand hat und im Grunde das Leitmodell in der OECD ist, muss auch in Bayern Umsetzung finden und wir müssen hin zu einer integrativen, selbstbestimmten Form des Lernens kommen, gleichermaßen für alle Kinder.
Angstfreies Lernen in der humanen Schule
Diese Forderung wurde auch unterstrichen von der anwesenden Amelie N. Die 17-jährige Schülerin hat vor Kurzem die Petition „Schluss mit Abfragen und Exen!“ gestartet, in der sie die Abschaffung unangekündigter Leistungsnachweise in bayerischen Schulen fordert. Inzwischen haben sich mehr als 47.000 Menschen ihrer Forderung angeschlossen, den Schülerinnen und Schülern ein angstfreies Lernen an den bayerischen Schulen zu ermöglichen.
Der Impulsvortrag „Gedanken über eine humane Schule“ von Tim Wiegelmann, selbst körperbehindert, regte mit seinen Wünschen an eine humane, für alle Kinder geeignete und sie bestärkende Schule sehr zum Nachdenken an und bildete den Auftakt für eine weitere, ebenfalls sehr engagierte Podiumsdiskussion.
Appell: Haltung statt Geld
Die zweite Podiumsdiskussion stand unter dem Titel „Wie setzen wir die Gemeinschaftsschule in Bayern um?“ und zeigte eindrücklich, wie hitzig und kontrovers die Debatten um die Zukunft der Schulbildung geführt werden.
Nicole Gohlke, Mitglied des Bundestages und Bildungspolitikerin von DIE LINKE, forderte mehr Geld für das Bildungssystem und das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in Sachen Bildungspolitik aufzuheben. Dem entgegnete Stefan Ruppaner von der Alemannenschule Wutöschingen, dass es nicht allein an finanziellen Mitteln liege. „Wir brauchen nicht mehr Geld in Bildung, wir brauchen mehr Haltung in Bildung und mehr Herz in Bildung“, betonte er.
Während der Diskussion wurde die Notwendigkeit einer tiefgreifenden strukturellen Reform thematisiert. Florian Kraus, Stadtrat in München, Dominik Streher und Richard Freis vom Landesschülerrat beschrieben ihre persönlichen Erfahrungen mit dem schwierigen Kampf für Veränderungen im bayerischen Schulsystem.
Kleiner Anfang – Große Visionen
Die Fachtagung machte deutlich, dass der Bildungsdiskurs in Bayern mehr denn je von Reform- und Transformationsbedarf geprägt ist. Zwischen kritischer Bilanz und innovativen Impulsen kristallisiert sich das Ziel heraus, ein Schulsystem zu etablieren, das Vielfalt nicht nur anerkennt, sondern aktiv lebt und damit den Anforderungen der Kinder und der Zukunft entspricht.
Zentrale Erkenntnis der Tagung: eine grundlegende Neubewertung des bayerischen Bildungssystems ist nicht nur wünschenswert sondern zum Wohle aller (Kinder und Pädagoginnen und Pädagogen) absolut unabdingbar. Allerdings scheint die angestrebte und dringend erforderliche Reform derzeit in weiter Ferne. Also bleibt die Erkenntnis, dass der Weg zu einer modernen Schule in Bayern wenn schon nicht direkt über die Politik, dann über den Mut, klein anzufangen und dabei groß zu denken führt. Die Forderung nach einer Weiterentwicklung von Schule und Lernen steht exemplarisch für den notwendigen Paradigmenwechsel: Es geht darum, den schulischen Alltag neu zu denken, innovative Konzepte zu fördern und vor allem die Haltung aller Beteiligten zu verändern.
Bericht: Konstanze Fiola, redaktionell bearbeitet.

