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Argumente #37: Singapur macht´s vor!

Beitragsbild: WordPress-KI


Sliwka, A. (2025). Zwischen Leistungsanspruch und Chancengerechtigkeit. Prof. Anne Sliwka zum Schulwandel in Singapur. Evido-Maganzin. https://evido-magazin.de/artikel/singapurs-schulwandel-zwischen-einem-hohen-leistungsanspruch-und-dem-willen-zu-mehr-chancengerechtigkeit. Zugegriffen: 13. September 2026.


Singapurs Schulsystem-Reform

Vor der Reform

Singapur hatte nach der sechsjährigen Grundschule eine für alle Kinder verbindliche Prüfung, die Primary School Leaving Examination (PSLE). In den folgenden Jahrgangsstufen 7 bis 10 wurden die Schüler:innen anhand der Ergebnisse auf drei Leistungsschienen aufgeteilt: „Express“, „Normal (Academic)“ oder „Normal (Technical)“.

Gründe für eine Veränderung

Die Gründe kennen wir aus der eigenen Diskussion. Das Selbstbewusstsein der negativ sortierten Kinder muss – davon können besonders die Lehrkräfte der Mittelschulen in Bayern ein lautes Lied singen – mühsam wieder aufgebaut werden. Und die Sortierung ist zu pauschal, weil die Kinder nicht über alle Fächer hinweg gleich stark oder gleich schwach sind.

Ich zitiere Frau Professor Sliwka:

„Mit der Zeit traten jedoch negative Nebenwirkungen zutage: Lernende aus den „Normal“-Zweigen litten unter negativen Zuschreibungen, entwickelten ein schwächeres Selbstkonzept und wurden gesellschaftlich unterschätzt (…). Zudem zeigte sich, dass viele Kinder ein ‚unebenes‘ Begabungsprofil aufweisen – beispielsweise hohe Leistungen in den Naturwissenschaften bei gleichzeitig schwächeren sprachlichen Kompetenzen (…). Erste Lockerungen ab 2014, die punktuelle Hochstufungen in einzelnen Fächern erlaubten, erwiesen sich als erfolgreich und bereiteten den Weg für FSBB (Ministry of Education, 2023).“ (Seite 3f)

Nach der Reform

Die neue Struktur nennt sich „Full Subject Based Banding“ (FSBB), also etwa: Komplett fachleistungsorientierte Aufteilung. Der Clou besteht darin, dass die Schüler:innen auf der Grundlage einer gemeinsamen Beschulung in bestimmten Fächern auf verschiedenen Anforderungsniveaus unterrichtet werden und diese auch flexibel wechseln können.

„Mit FSBB wird diese starre Struktur durch ein System ersetzt, das differentielle Leistungspotenziale berücksichtigt und individuelle Lernprofile ermöglicht. Während des ersten Schuljahres (Secondary 1) können Schülerinnen und Schüler in den Kernfächern Englisch, Muttersprachen (wie Mandarin, Malaiisch, Tamil etc.), Mathematik und Naturwissenschaften diagnosebasiert auf dem für sie passenden Niveau starten. Ab Secondary 2 besteht zudem die Möglichkeit, ausgewählte Geistes- und Sozialwissenschaften wie Geografie, Geschichte und Literatur auf einem anspruchsvolleren Niveau zu belegen – basierend auf der Leistung und den Interessen des vorangegangenen Jahres (Ministry of Education, 2023). FSBB wird somit über die gesamte vierjährige Mittelstufe hinweg angewendet, wobei die Lernenden regelmäßig ihre Fächerwahl und Niveaus anpassen können (Ministry of Education, 2023).“ (Sliwka 2025, Seite 3)

Und jetzt die Fische

Das Bild mit den Fischen stammt vom damaligen Bildungsminister Ong Ye Kung, der den Paradigmenwechsel in einer Parlamentsrede 2019 pointiert auf den Punkt brachte:

Bild: WordPress-KI nach dem Zitat

„Wir werden keine Fische mehr in drei separaten Bächen schwimmen lassen, sondern in einem breiten Fluss, in dem jeder seinen eigenen Weg findet“.

zitiert nach Sliwka 2025, Seite 4

Erfahrungen mit dem neuen System

Lernende

„Lernende berichten von gestiegener Motivation, da der Unterricht besser an ihre Stärken angepasst ist; leistungsstärkere Jugendliche erleben die G3-Kurse als willkommene Herausforderung, während leistungsschwächere von passgenaueren Anforderungen profitieren (Ministry of Education, 2023).

Zudem hat sich das Klassenklima verbessert: Die frühere soziale Trennung ist aufgebrochen, und es entstehen neue Formen gegenseitiger Unterstützung, wobei leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler ihren Peers – unabhängig vom jeweiligen Kursniveau – helfen (…).

Ein weiterer Effekt betrifft das Selbstkonzept: Lernende aus den ehemaligen „Normal“-Streams übernehmen vermehrt Verantwortung, etwa als Klassensprecher (…). Die symbolischen Grenzen zwischen den alten Streams beginnen somit zu verschwinden.“ (Sliwka 2025, S. 5)

Lehrersicht

„Didaktisch erfordert FSBB von den Lehrkräften eine differenzierte Unterrichtsvorbereitung, den Einsatz neuer Diagnose- und Assessmentverfahren sowie eine kontinuierliche Beobachtung der Lernentwicklung. Gleichzeitig passt sich der Unterricht besser an das jeweilige Leistungsniveau der Schülerinnen und Schüler an, ohne dass die soziale Integration im Klassenverband leidet (National Institute of Education, 2022).

Erste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass FSBB die soziale Vernetzung fördert und mehr Lernende dazu ermutigt, ihr Potenzial auszuschöpfen (National Institute of Education, 2022).“ (Sliwka 2025, S. 5)

Elternsicht

Auch aus Elternsicht zeigt sich ein überwiegend positives Bild. Chee Peng Lim, Vater dreier Kinder in Singapur, der aus Elternsicht die Einführung des neuen Konzepts erlebt hat, unterstützt die Reform grundsätzlich: „Wir sehen, dass die flexiblen Lernbänder dazu beitragen, Chancengerechtigkeit zu fördern und das Stigma des früheren ‚Normal Stream‘ abzubauen.“ Besonders für die jüngsten Schüler*innen sei positiv, dass sie nicht mehr durch Leistungszuweisungen pauschal so frühzeitig etikettiert würden.

Gleichzeitig beschreibt er auch Herausforderungen im Schulalltag: „Die Klassenzusammensetzung ändert sich mit jedem Fach, das erschwert möglicherweise den Aufbau enger Freundschaften.“ .Auch logistische Aspekte wie häufigere Raumwechsel hätten seine Töchter erwähnt. Sein Fazit: „Als Eltern unterstützen wir das neue Modell von Schule in Singapur, aber es braucht noch weitere kluge Lösungen, um soziale Bindung zu stärken.“ (Sliwka 2025, S. 5–6)

Können wir in Deutschland von diesen Erfahrungen profitieren?

Viele von Ihnen werden sich erinnern: Nach dem ersten PISA-Durchlauf sind zahlreiche deutsche Bildungspolitiker:innen nach Schweden gereist, um dieses damals so erfolgreiche Schulsystem in Augenschein zu nehmen. Später reisten andere nach Finnland oder Italien, dann auch noch nach Kanada. Was hat dieser Bildungstourismus gebracht? Gemessen an den PISA-Maßstäben (mit denen man vorsichtig umgehen muss): nichts, wenn man die aktuellen Ergebnisse betrachtet. Da bleibt vieles rätselhaft.

Professor Sliwka stellt zur Frage der Übertragbarkeit von Strukturen folgende Überlegungen an:

„Systematischer Umgang mit Heterogenität: FSBB zeigt, dass leistungsdifferenzierter Unterricht in heterogenen Klassen gelingen kann – sofern entsprechende strukturelle, zeitliche und personelle Voraussetzungen geschaffen werden. Modelle der Binnendifferenzierung existieren bereits in integrierten Schularten in Deutschland, doch der Blick auf Singapur könnte wertvolle Impulse liefern.

Entstigmatisierung durch Fachdifferenzierung: In Deutschland dominiert häufig die Gesamteinstufung, die mit stigmatisierenden Schulformzuweisungen einhergeht. FSBB differenziert auf Fachebene, sodass ein Kind in einem Fach als „gymnasial“ und in einem anderen als „realschulgeeignet“ eingestuft werden kann, ohne dass dies seine gesamte Schullaufbahn determiniert (…).

Umsetzung individueller Förderung durch klare Strukturen: FSBB operationalisiert diagnostikgestützte Kurszuweisungen und flexible Wechselmöglichkeiten – auch während des Schuljahres –, was eine passgenaue Förderung ermöglicht. Die singapurische Erfahrung zeigt, dass individuelle Förderung im System verankert werden kann, ohne dabei den Leistungsstandard zu gefährden.“ (Sliwka 2025, S. 6)

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