Es ist schwierig, einen Vortrag von Simone Fleischmann angemessen wiederzugeben, weil sie dabei ein Netz von Assoziationen, Fragen, Statements und Zitaten ausbreitet, dem man als Chronist kaum gerecht werden kann. Das Folgende steht also unter der Überschrift:
„Eindrücke von einem ganz speziellen Abend“
Frau Fleischmann war in ihrer Rolle als Vorsitzende des Forums Bildungspolitik geladen, nicht als Präsidentin des BLLV, die sie ja hauptberuflich ist. Sie bemühte sich, dies zu trennen, aber vertritt natürlich in beiden Rollen sehr ähnliche Anliegen.
Es beginnt mit der Aussage: „In der Bildungspolitik kann jede:r mitreden, weil ja schließlich jede:r als Kind die Schule besucht hat.“ Aus dieser Erfahrung speist sich das „Expertenwissen“ auch unserer bayerischen Bildungspolitiker:innen.
In der Bildungspolitik kann jede:r mitreden, weil ja schließlich jede:r als Kind die Schule besucht hat.
Recht humorvoll berichtet Simone Fleischmann von ihren eigentlich ärgerlichen Begegnungen im Bildungsausschuss und in so manchen politischen Gesprächen. Es ist leider so, dass von solchen fachfremden – gleichwohl reichlich selbstbewussten – Abgeordneten bestimmt wird, was an unseren Schulen in Bayern geschieht. Fleischmanns Antwort darauf: „Wir pädagogischen Profis müssen da dagegenhalten!“
Die Forderung nach neuen Fächern
Da wird zum Beispiel in Parteirunden beschlossen, dass wir ein eigenes Fach zur Werte- und Demokratieerziehung bräuchten (oder eine Verfassungsviertelstunde), weil es aktuell eine Partei gibt, deren Bestrebungen man sehr kritisch betrachten muss. „Aber warum ein extra Schulfach? Wie soll da was benotet werden? Was ist, wenn ein Schüler alle Stufen eines Konfliktmanagements korrekt wiedergeben kann, wofür er eine 1 oder 2 bekäme, aber dann im Pausenhof einem Mitschüler, der ihn nervt, eine runterhaut? Hat er was gelernt oder nicht?“
An diesem Beispiel macht Frau Fleischmann deutlich, auf welch absurde Wege der politische Schnellschuss als Ruf nach einem neuen Fach führen kann. Als pädagogische Profis sagen wir, dass Demokratie und Werte in unserer Haltung als Lehrer:in und in unserer täglichen Schulpraxis sichtbar werden muss: „Natürlich dürfen die Kinder mitbestimmen, wenn ein Klassenausflug oder anderes Projekt geplant wird.“ Wenn eine Lehrkraft oder eine Schule hier keine demokratischen Prozesse zulässt, was soll dann ein Fach „Demokratieerziehung“? Oder etwa „Antisemitismus“, wie es auch schon vorgeschlagen wurde?!
Das naive Leistungsverständnis
Überhaupt die Noten: Wie im ganzen Volk verbreitet, so gibt es natürlich auch unter Bildungspolitiker:innen die naive Gleichsetzung: Noten = Leistung. Dahinter steckt das alte Modell des Nürnberger Trichters, demgemäß eine Leistung darin besteht, sich als Schüler:in etwas eintrichtern zu lassen und das dann möglichst genau so in einer Probearbeit / Schulaufgabe / Klausur wiederzugeben.
Die Jagd nach guten Noten ist eine völlige Fehlsteuerung, auch aus Sicht der „Abnehmer“ von Absolvent:innen. So berichtete eine anwesende Personalbeauftragte, dass in Bewerbungsverfahren die Zeugnisse der Kandidat:innen rasch zur Seite gelegt werden, um den Blick auf den Menschen zu richten und Antwort auf die Frage zu finden: „An welcher Stelle könnte dieser besondere Mensch mit unserem Unternehmen zusammenpassen?“
Die Jagd nach guten Noten ist eine völlige Fehlsteuerung, auch aus Sicht der „Abnehmer“ von Absolvent:innen.
Der Kernauftrag der Schule
Was muss Schule eigentlich bewirken? Was ist der Kernauftrag? Nach den letzten PISA-Ergebnissen hieß es immer: „Rechnen, Lesen, Schreiben!“ Ja, das sowieso, aber heißt das dann, möglichst jeden Tag ein Diktat zu schreiben, wie eine bildungspolitische Gesprächspartnerin von Simone Fleischmann mal vorschlug? Und wenn man diese „Grundfertigkeiten“ betont, was ist dann mit den anderen Fächern? Müssen wir dafür wirklich Musik oder Kunst oder Werken und Gestalten kürzen? Oder Englisch in der Grundschule (wie es der Philologenverband fordert)? Oder Sport? Nein, beim Sport gibt es eine rote Linie der Kultusministerin. Oder Religion? Nein, hier zieht der Ministerpräsident seine rote Linie (die Kirchen nicht unbedingt).
Und wenn man diese „Grundfertigkeiten“ betont, was ist dann mit den anderen Fächern? Müssen wir dafür wirklich Musik oder Kunst oder Werken und Gestalten kürzen?
Die Zukunft der guten Ganztagsschule
Warum soll überhaupt etwas wegfallen? Wir bräuchten noch mehr Stunden, was ja für einen rhythmisierten Ganztagsunterricht spräche (auch Thema im Forum Bildungspolitik). Aber woher die Lehrkräfte nehmen, beim derzeitigen Lehrermangel?
Gegen die Tendenz, dann die Ganztagsschule zur reinen Betreuung werden zu lassen und dafür gute Lehrerstunden zu verpulvern, wehrt sich Frau Fleischmann ganz entschieden. Sollte es, wie einzelne Prognosen vorhersagen, um das Jahr 2026 herum einen Überschuss (!) an Grundschullehrkräften geben, dürften diese keine andere Verwendung finden – also nicht zum Flicken von Löchern im Gymnasium dienen, sondern dafür, einen vollwertigen Ganztagsunterricht anzubieten.
Die völlige Fehlsteuerung
Eine völlige Fehlsteuerung sieht Simone Fleischmann darin, dass ganz selbstverständlich unterstellt wird, die Schüler:innen müssten in jeder Hinsicht der Schule gerecht werden. „Nein, Schule muss den Kindern gerecht werden, nicht umgekehrt!“ Das sind dabei die laienhaften Sprüche, die den Pädagog:innen immer wieder begegnen: „Da muss man sich halt ein bisschen anstrengen!“ „Ein Fünfer hat noch nie nicht geschadet.“ „Eine Ehrenrunde ist doch gar kein Problem.“
Nein, Schule muss den Kindern gerecht werden, nicht umgekehrt!
Und wenn es für den Übertritt aufs Gymnasium nicht reicht, muss das Kind halt raus aus der Theater-AG und noch zweimal pro Woche zur Nachhilfe.
Dass die meisten Fakten schon nach zwei Wochen wieder vergessen sind?! Oder wer erinnert sich noch an die Einzelheiten des Periodensystems, die irgendwann gelernt worden sind? Ist halt so.
Bewahren als Weg in die Zukunft?
In Bayern gibt es seitens der Regierenden eine überwiegende Tendenz zum Bewahren, weniger zum Verändern. Was man da machen könnte? Simone Fleischmann hat ganz konkrete Ideen:
- Ein Bürgerdialog Bildung muss her!
- Nicht auf die Reformen von oben warten!
- Jede:r Lehrer:in kann (und soll) die Freiheiten nutzen, die sie oder er im Unterricht oder in der Schulleitung hat. Und davon gibt es mehr als man denkt.
Die Anwesenden
Der Abend hätte noch länger gehen können; je später es wurde, desto angeregter wurde diskutiert. Unter den Anwesenden: Etliche Eltern und Lehrerinnen der Montessorischule, einige Schulleiterinnen und Kolleg:innen von benachbarten Schulen, zwei Vertreterinnen des Staatlichen Schulamts Dachau, eine Vertreterin des Bayerischen Fachverbands für Kunstpädagogik, der in diesen Tagen über das Forum Bildungspolitik ein Statement gegen die Kürzungen beim Kunstunterricht in der Grundschule vorbereitet.
Am Ende brauchten alle eine Verschnaufpause.
