Deutschland und der Lehrermangel. Unter den Ansätzen, diesen zu beheben, zeichnet sich einer durch ein typisches Missverständnis aus. Das soll hier in aller Kürze beschrieben werden.
Die Ansage
Die Idee, die einem anscheinend als erstes in den Sinn kommt: „Dann lassen wir doch die Leute, die wir schon haben, einfach länger arbeiten.“ Gesagt, getan:
Sprengkraft hat auch Söders Ankündigung, die hohe Teilzeitquote bei Lehrerinnen und Lehrern reduzieren zu wollen. „Wir könnten überlegen, Familienarbeitszeit auch an das Alter der Kinder zu knüpfen. Es ist schon ein Unterschied, ob ein Kind noch in die Kita geht oder volljährig ist.“ Diskutiert werden könne auch, ob Beamte nicht „erst eine gewisse Zeit in Vollzeit arbeiten sollten“ und ob „nicht eine Höchstdauer von Teilzeitjahren vertretbar“ sei. Auch andere kluge und flexible Ideen gebe es. „Wir sind da nicht festgelegt.“ (zitiert nach BR24)
Zu der Empörung, die diese Aussage bei den Lehrerverbänden ausgelöst hat, sage ich weiter unten etwas. Hier zunächst mal das:
So ganz neu ist dieser Vorschlag nicht. Mit Schreiben von 07.01.2020 kündigte der damalige KM Piazolo den Grundschullehrer:innen an – einer Berufsgruppe mit großen Mangelerscheinungen, aber offensichtlich einer nur kleinen Lobby:
Antragsteilzeit ist weiterhin möglich. Das Mindeststundenmaß beträgt jedoch künftig 24 Wochenstundenstunden.
Schreiben auf der Website des bayerischen KM, Hervorhebung von mir
Dazu gab es noch Änderungen beim Antragsruhestand und beim dann nicht mehr möglichen Sabbatjahr. Die GEW und der BLLV reagierten deutlich und not amused. Die Realschul- und gymnasialen Lehrerverbände konnten froh sein, dass dieser Kelch an ihnen vorüberging und ließen zunächst nichts hören.
Das änderte sich diese Woche sprichwörtlich schlagartig.
Die Reaktionen
Ideen des Ministerpräsidenten zur Lehrer-Teilzeit sind kontraproduktiv, solange sie nicht auf Freiwilligkeit setzen – Pauschale Eindämmung der Lehrer-Teilzeit ist ein Attraktivitätskiller
Bayerischer Realschullehrerverband, Pressemitteilung
Was wir … brauchen, ist massive Entlastung statt neuer Belastung der Schulen: Bürokratie abbauen, Unterstützungskräfte einstellen und ein Stopp bei neuen Konzepten, Vorhaben und Projekten – zumal in Zeiten von Lehrermangel!
Philologenverband, hier mit Kontext
Simone Fleischmann, sagte dem BR, der neue Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern sehe „die beste Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ sowie gute Arbeitsbedingungen im Öffentlichen Dienst vor. Daran solle gerade in Zeiten des Lehrermangels festgehalten werden. „Wenn man jetzt weniger Anreize für Teilzeit schafft und gleichzeitig die Attraktivität dieses Berufs erhöhen möchte, dann muss mir mal einer erklären, wie das zusammenpasst.“
Simone Fleischmann (BLLV), Quelle
Der Hintergrund
Dem Ministerpräsidenten waren vermutlich die statistischen Daten zur Lehrkräfte-Teilzeit bekannt geworden, die das Bundesamt für Statistik kurz zuvor veröffentlicht hatte, und haben ihn veranlasst, sogleich auf diesen Maßnahmenzug aufzuspringen. Diese Daten besagen Folgendes und lassen gleich drei Alarmglocken schrillen:
Teilzeitquote bei Lehrkräften auf dem höchsten Stand der vergangenen zehn Jahre
Mehr als ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer ist 50 Jahre und älter
Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger in Lehramtsstudiengängen erneut rückläufig
Quelle
Hier das Diagramm von destatis, das für Bayern eine Teilzeitquote (rot) von annähernd 50% festhält (vergrößerte Ansicht beim Klicken):
Kurzschluss und Rückkopplung
Teilzeitquote hoch – also einschränken, damit die Lehrer:innen mehr Stunden arbeiten. Das ist ein naheliegender Schluss, eben ein Kurzschluss. Es gibt da nämlich eine Rückkopplungsschleife, auf die alle drei Lehrerverbände aufmerksam machen:
Weniger Teilzeitmöglichkeiten -> weniger persönliche und familiäre Flexibilität -> Arbeitsbedingungen weniger attraktiv -> weniger Studienanfänger.
Daneben gibt es auch für Lehrer:innen im System die Überlegung: „Arbeite ich mehr Stunden oder steige ich lieber ganz aus?“ Das war jedenfalls die Frage, die sich einige meiner Kolleginnen im Grundschulbereich stellten, als Piazolo damals mit seiner Verfügung kam.
Beide Rückkopplungsmechanismen können bewirken, dass die Reduktion der Teilzeitmöglichkeiten zu einem veritablen Schuss ins eigene Knie gerät: Es könnte sich herausstellen, dass die neue Regelung entgegen der eigenen Absicht mehr Lehrerstunden wegfallen lässt als schafft.
Wie geht´s weiter?
„Schlag nach bei Hattie“, könnte man sagen. Er hat in seinem neuen Buch (Visible Learning. The Sequel) auch dazu einen interessanten Gedanken.
John Hattie sieht die Dynamik einer gig economy immer stärker um sich greifen. Dies führt dazu, dass Lehrer:innen einer neuen Generation ihre Beschäftigung anders fassen als die älteren:
Younger teachers are familiar with the gig economy, seeing teaching as a shorter and not lifelong vocation.
The Sequel, S. 213
Diese Lehrkräfte wollen – als Folge einer neuen Haltung – mehr Flexibilität und sich nicht mehr dauerhaft festlegen (lassen). Das hat unter anderem zur Folge, dass sich die teacher workforce immer weniger berechnen und aufrechterhalten lässt:
The gig economy is a free-market system where workers work in short-term arrangements. … As the demand for teachers increases (relative to supply), those with hard-to-find expertise will likely become gig workers. It will, however, make it harder to maintain a teacher workforce.
The Sequel, S. 215
Die bisherige Arbeitsstruktur könnte zusammenbrechen:
As more teachers are engaging in gig thinking, wanting shorter-term employment, wanting to work for three to four days a week, and asking for more flexibility then the basic structure of entering the profession, working 20+ years to become a principal may break down.
The Sequel, S.438
Der bayerische Ministerpräsident hat normalerweise seine Nase im Wind, erspürt politische Trends frühzeitig und springt gern auf erfolgversprechende Züge auf. Hier hat er das Problem noch nicht gesehen. Die Lehrerverbände werden´s ihm schon erklären.
