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Gast #3: Joachim Lohmann über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Schule für alle

Joachim Lohmann studierte Pädagogik, Philosophie und Politik und promovierte in Würzburg. Später arbeitete er im Pädagogischen Zentrum Berlin und war Stadtschulrat in Kiel. Er war Vorstandsmitglied der GEW und Bundesvorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule. Joachim Lohmann war MdL im Landtag von Schleswig-Holstein und dort auch Staatssekretär.
Seine scharfen Analysen der schulpolitischen Vorgänge in Deutschland sendet er an einen ausgewählten Leserkreis. Mit Herrn Lohmanns freundlicher Genehmigung veröffentliche ich hier Auszüge aus seiner Arbeit: „Gegen die gesellschaftliche Spaltung in Schritten hin zur gemeinsamen Schule für alle“ vom Januar 2017 ab. Die ausführliche Darstellung findet sich hier.

Gegen die gesellschaftliche Spaltung in Schritten hin zur gemeinsamen Schule für alle

Das deutsche Schulsystem tradiert die soziale Schichtung

Doch in kaum einem Land ist die soziale Schichtung so verkrustet wie in Deutschland. Im Vergleich unter 26 OECD-Staaten erhalten in Deutschland Kinder von Eltern ohne Sekundarstufen-II-Abschluss am fünfthäufigsten ebenfalls keinen höheren Abschluss. Entsprechend ist auch der Aufstieg zwischen den Generationen fast nirgends so gering wie in Deutschland. Das gilt für Kinder von Eltern ohne oder auch mit abgeschlossener Berufsausbildung (OECD,2016, T.A 4.3 sowie in 2014, T. A4.1a).

Ein Grund ist, dass sich die Schülerleistungen in Deutschland sowohl allgemein als vor allem auch sozial so drastisch wie in kaum einem anderen Land unterscheiden. 2 ½ Jahre beträgt der Leistungsabstand zwischen dem sozial privilegiertesten gegenüber dem sozial unterprivilegiertesten Viertel (Quartil) in Mathematik. Fast ¾ aller Staaten schaffen geringere soziale Differenzen. In den Naturwissenschaften schneidet Deutschland etwas günstiger ab und im Lesen schafft Deutschland gerade einen Mittelplatz. Es ist das deutsche Schulsystem, das die soziale Schichtung tradiert. (S. 9)

Die gravierenden Schwächen des deutschen Schulwesens liegen am System

Deutschlands Schulwesen hat sich im OECD-Vergleich gegenüber PISA 2000 leitungsmäßig zwar deutlich verbessert, doch die schulische Selektivität besteht weiterhin in voller Schärfe:

  • Die Leistungsunterschiede zwischen Schülerinnen und Schüler allgemein gehören zu den schärfsten unter den OECD-Ländern,
  • die soziale Leistungsdiskriminierung ist eine der gravierendsten,
  • der intergenerative Bildungsaufstieg ist extrem schwach,
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund sind leistungsmäßig gegenüber Einheimischen fast am stärksten abgehängt,
  • sie fühlen sich von der Schule besonders wenig angenommen und am wenigsten wohl,
  • fast kein Land hat eine so niedrige Quote tertiärer Abschlüsse wie Deutschland.

Diese fast einmaligen Schwächen des deutschen Schulwesens sind nicht außerschulisch bedingt, denn die Sozialstruktur im Allgemeinen wie die des unteren sozialen Quartils liegt über dem OECD-Schnitt (Lohmann 2014, S. 12 f.).

Das Armutszeugnis des deutschen Schulwesens ist auch nicht den finanziellen Rahmenbedingungen geschuldet. Zwar liegen die Bildungsausgaben in Deutschland unter dem OECD-Schnitt, aber deren Wirkung ist gering (a.a.O., S. 14 ff.). Auch am Ausbau des Elementarbereiches kann es kaum liegen, denn der liegt inzwischen sowohl bei den Krippen wie bei den Kitas über dem OECD-Schnitt. Zugegebener Maßen hat sich der Ausbau noch nicht voll auf die Sekundarstufe I ausgewirkt.

Die Schulschwächen sind mit Sicherheit nicht auf die Lehrkräfte in Deutschland zurückzuführen, denn deren Ausbildung ist besonders lang.

Die gravierende soziale Schwäche des deutschen Schulwesens ist die Schulstruktur. Die PISA-Vergleichsdaten führen zu einem eindeutigen Ergebnis: die Diskriminierung der Leistungsschwächeren und erst recht die der sozial und ethnisch Benachteiligten korrelieren sehr hoch mit dem Zeitpunkt der ersten Auslese und der Anzahl an unterschiedlichen Schulformen. Je früher ausgelesen wird und je mehr Schulformen existieren, umso schärfer ist die Benachteiligung. Es ist die hierarchische Schulstruktur, die benachteiligt. Sie ist in Deutschland so ausgeprägt wie sonst nur noch in Österreich. Es ist also die Struktur, aber nicht nur sie, sondern die damit verbundenen Einstellungen, Erwartungen von Lehrkräften, Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie der Öffentlichkeit. Die Struktur ist ein Element eines hierarchischen Systems, das umzustrukturieren ist. (S. 10–11)

Die vertikale Struktur muss reformiert werden

Wer dennoch verneint, dass die hierarchische gegenüber der egalitären Schulstruktur die Leistungsstreuung nicht beeinflusst, der negiert die PISA-Ergebnisse. Die allgemeinen, die sozialen und die ethnischen Leistungsstreuungen korrelieren eindeutig mit dem Zeitpunkt der Selektion und der Anzahl separater Schulformen.

Eine auch nur halbwegs überzeugende alternative Erklärung besteht nicht – es ist vielmehr das Schulsystem, das verantwortlich ist, dass das deutsche Schulwesen nicht den Herausforderungen gewachsen ist.

Die Reform der Vertikalstruktur ist mithin das dringendste schulische Reformvorhaben für Deutschland. Die Dringlichkeit wird auch nicht durch die Gefahr geschmälert, dass ein Teil bildungsbewusster Eltern der gemeinsamen Schule für alle ausweichen will und wird. (S. 12)

Das Alternativsystem verbessert das deutsche Schulwesen, ist aber keine endgültige Lösung

[Unter „Alternativsystem“ versteht Lohmann das Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasium und einer Schule für Alle]

Weitere notwendige Reformschritte

Die gemeinsame, die inklusive Schule für alle wird kommen

Trotz aller zu erwartenden Widerstände wird die gemeinsame Schule für alle kommen. Die Tendenzen sind klar:

  • Das Hierarchiesystem existiert in 6 Bundesländern nicht mehr, in den übrigen zeichnet sich die Auflösung ab bzw. ist weit vorangeschritten.
  • Das Alternativsystem wird sich über die 6 Länder hinaus in weiteren Bundesländern durchsetzen.
  • Der Anspruch des Gymnasiums gerät immer stärker in den Widerspruch zu seiner Realität. Sie ist nur noch beschränkt die Schule der Leistungsauslese. Die Übergangsauslese wird verstärkt durch das Elternrecht eingeschränkt bzw. aufgehoben und die innerschulische Auslese durch Abschulung rechtlich in mehreren Ländern eingeschränkt.

Mit dem Verlust ihrer gesellschaftlichen und theoretischen Legimitation werden sich staatliche Einrichtungen nicht halten lassen – trotz aller Widerstände der sozioökonomisch und durch Bildung Privilegierten. Denn eine auf Exklusivität beruhende staatliche Einrichtung widerspricht den Grundwerten einer Demokratie. Das Gymnasium ist ein gesellschaftlich-politisches Ärgernis in einer Demokratie. Unter dem ständigen öffentlichen und politischen Druck wird sie sich zu einer gemeinsamen Schule umwandeln lassen.

Jetzt scheint uns das letzte westliche Land mit vergleichbar früher Selektion wie in Deutschland zu überholen: In Österreich wird in wenigen Jahren die Umwandlung des dortigen Hierarchiesystems in ein Alternativsystem abgeschlossen sein, und bis 2025 können in bis zu 15 % der Standorte Modellregionen entstehen, in denen nur noch die gemeinsame Schule für alle existiert (Feyerer).

Mit überzeugenden Konzepte und Strategien wird auch Deutschland die gemeinsame Schule für alle schaffen. (S. 35–36)

Literatur:
Lohmann, J. (2017). Gegen die gesellschaftliche Spaltung in Schritten hin zur gemeinsamen Schule für alle.

 

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