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Gast #28: Das deutsche gegliederte Schulwesen zerfällt

Joachim Lohmann studierte Pädagogik, Philosophie und Politik und promovierte in Würzburg. Später arbeitete er im Pädagogischen Zentrum Berlin und war Stadtschulrat in Kiel. Er war Vorstandsmitglied der GEW und Bundesvorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule. Joachim Lohmann war MdL im Landtag von Schleswig-Holstein und dort auch Staatssekretär.

Die gemeinsame Schule für alle – die totgesagte hat ihre Zukunft noch vor sich

Trotz mancher Resignation: Die gemeinsame Schule für alle ist schrittweise zu schaffen – nicht durch Aufhebung, sondern durch Umwandlung des Gymnasiums. Notwendiger Schritt ist eine Gleichstellung der Gesamtschule mit dem Gymnasium.

Vor kurzem veröffentlichte K-H. Heinemann ein Interview mit dem Bildungsforscher Klaus Klemm unter der Überschrift „Die Gesamtschule ist ein totes Pferd“. Diese Einstellung ist unter Gesamtschulanhängern ziemlich verbreitet. Sie argumentieren mit der starken gesellschaftlichen Stellung des Gymnasiums und seiner Anhängerschaft, gegen deren Widerstand eine gemeinsame Schule für alle nicht realisierbar sei.

An der Argumentation ist richtig, dass die gemeinsame Schule für alle zurzeit nicht durchzusetzen ist: Keine im Bundes- oder in einem Landtag vertretene Partei ist gegenwärtig bereit, wegen des zu erwartenden gesellschaftlichen und politischen Widerstandes die gemeinsame Schule für alle zu realisieren. So hatten sich alle Kultusminister nach dem PISA-Schock versichert, die schulische Strukturdebatte nicht wieder aufleben zu lassen.

Doch die Schulstrukturdebatte ist nicht sakrosankt, es gibt kein Ende der Geschichte. Vielmehr ist die Entwicklung der Schulstruktur in Deutschland seit zwei Jahrhunderten maßgeblich durch die beiden Trends der Aufwertung von Schulformen und der Vereinheitlichung der Schulstrukturen bestimmt.

Das gegliederte Schulwesen implodiert

Im 19. Jahrhundert war das deutsche Schulsystem völlig zersplittert. Wo immer möglich gab es quer durch alle Schulformen hindurch eine getrennte Erziehung nach Geschlechtern und Konfessionen. Darüber hinaus war die als das Nonplusultra gefeierte Dreigliedrigkeit im 19. Jahrhundert bis nach der Befreiung im Jahr 1945 immer noch in weitere Schulformen aufgesplittet. So gab es vor der Jahrhundertwende 1900 neben der Volksschule die ländliche Halbtagsschule und die Fabrikschule. Neben den Realschulen bestanden Bürger- und Stadtschulen und neben dem (humanistischen) Gymnasium existierten Realgymnasium sowie Oberrealschule.

Inzwischen implodiert die hierarchische Dreigliedrigkeit – nicht lange nach ihrer endgültigen Etablierung.

Das deutsche gegliederte Schulwesen zerfällt.

Das Gymnasium verliert Privilegien

Weder die Dreigliedrigkeit noch das Gymnasium sind sakrosankt – und dies trotz seiner starken gesellschaftlichen und politischen Verankerung. Denn auch das Gymnasium hat erhebliche Veränderungen ertragen müssen:

Inzwischen sind die Gymnasien und die Schulen des gemeinsamen Lernens in Teilen gleichgestellt, dennoch besitzen die Gymnasien weiterhin Privilegien: eine ständische Lehrkräftebildung und -besoldung sowie das Recht auf eine Übergangs- und eine innerschulische Auslese. Aber in den Ländern mit einem Alternativsystem sind die Schulen des gemeinsamen Lernens gesellschaftlich und politisch so stark, dass hier diese gymnasialen Privilegien bröckeln.

Insgesamt sind also schon jetzt die Privilegien des Gymnasiums trotz seiner starken gesellschaftlichen Stellung nicht unantastbar. Die Zukunft wird das Nebeneinander von Gymnasium und der Schule des gemeinsamen Lernens überwinden. Die zwei Trends, die die Entwicklung der Schulstruktur in den letzten zwei Jahrhunderten maßgeblich bestimmt haben, werden auch künftig wirken: die Trends der Gleichstellung und der Vereinheitlichung von Schulformen. Dabei wird auch künftig im Allgemeinen die Gleichstellung der Vereinheitlichung vorangehen. Vorangetrieben wurden diese Trends von den Betroffenen in den benachteiligten Schulformen – den Eltern und den Lehrkräften – sowie deren Interessenvertretungen, bis die Politik deren Interessen umsetzte. Es ist davon auszugehen, dass die Schulen des gemeinsamen Lernens mit ihrer Anhängerschaft und Interessenvertretung darauf bestehen, dass sie und ihr Personal nicht gegenüber dem Gymnasium benachteiligt werden, dass sie vor allem nicht weitgehend die soziale, die ethnische und die sonderpädagogische Inklusion allein tragen müssen. Solange die Herausforderungen nicht gleichmäßiger verteilt werden, werden die Schulen des gemeinsamen Lernens auf einer Ressourcenausstattung bestehen, die ihren besonderen Herausforderungen entspricht.

Auf Gleichstellung und Vereinheitlichung auch in Zukunft zu setzen ist keine Illusion, vielmehr wirken sich diese Trends selbst in der Sekundarstufe II und im Tertiärbereich aus.

Defätismus ist nicht angesagt

Defätismus ist nicht angemessen. Es gibt keine überzeugenden Argumente gegen eine gemeinsame Schule für alle, vielmehr haben die Schulen des gemeinsamen Lernens deutlich nachgewiesen, dass sie mehr Chancengleichheit und mehr sozialen Aufstieg verwirklichen können.

Statt vor den gesellschaftlichen und politischen Widerständen zu kapitulieren, ist strategisches Denken angesagt. In Schritten ist die Vereinheitlichung der Schulstruktur zu erreichen. Die wichtigsten nächsten Schritte sollten sein:

Statt Defätismus ist weiterhin das Ringen um eine gemeinsame Schule für alle angesagt.

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

Zuerst erschienen auf bildungsklick

Siehe auch diesen Beitrag:

Gast #3: Joachim Lohmann über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Schule für alle

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