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Sichtweisen #1: Unterrichtsversorgung

Streit und Sichtweise

Wie wir die Dinge wahrnehmen, hängt von unserem Standpunkt ab und der wiederum von unserer Erfahrung. Unterschiedliche Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen und haben deshalb verschiedene Sichtweisen. Manchmal auf ein und dasselbe Ding. Nicht immer lösen sich These und Antithese in einer Synthese auf.

Wir schreiben den März 2017. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband verfasst eine Petition, die SPD stellt einen Dringlichkeitsantrag und das Kultusministerium antwortet mit einer Pressemeldung.

Lehrersicht auf die Unterrichtsversorgung

So sieht das der BLLV:

„An vielen Grund-und Mittelschulen droht die Unterrichtsversorgung nun endgültig einzubrechen. „Es fehlt an allen Ecken und Enden Personal. Die Lage ist vielerorts wirklich dramatisch. So kann das nicht mehr weitergehen“, kritisierte die Präsidentin des BLLV, Simone Fleischmann, heute in München. Wenn Lehrkräfte aus Oberfranken schilderten, sie wüssten nicht mehr, wie sie „den normalen Schulbetrieb aufrecht erhalten sollen“ oder wenn Kolleginnen und Kollegen aus der Oberpfalz meldeten, dass es seit Schuljahresbeginn an ihren Schulen nur wenige Tage gegeben hätte, an denen „wir Unterricht nach Stundenplan halten konnten“ – an einer Schule sei von nur 10 Tagen die Rede gewesen –  sei etwas gewaltig in eine Schieflage geraten. Fleischmann verlangte in einem Schreiben an Kultusminister Spaenle die sofortige Umsetzung eines Notprogramms, um betroffene Schulen zu entlasten.“

Sicht der SPD:

„Die Mobilen Reserven an den bayerischen Pflichtschulen sind bereits zu Beginn des Schuljahres komplett ausgebucht. Die Ausfälle von Lehrkräften aufgrund von Schwangerschaft, Mutterschutz und langfristigen Erkrankungen führen dazu, dass später im Jahr kurzfristige Krankheitsfälle durch Grippewellen nicht mehr aus der Mobilen Reserve heraus abgefedert werden können. Schulorganisatorische Maßnahmen wie Mehrarbeit der gesunden Lehrkräfte, Zusammenlegung von Klassen, verkürzter Unterricht, Wegfall von Förderstunden gehen voll zu Lasten der regulären Lehrkräfte. Die Qualität der Bildung steht in Frage und die Gesundheit der Lehrkräfte wird enorm belastet. Diesem Teufelskreis muss das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst als der zur Fürsorge verpflichtete Arbeitgeber Einhalt gebieten.“

Sicht des Kultusministeriums:

„Die Situation ist aufgrund des hohen Zustroms von jungen Zuwanderern und der dazu nötigen Klassenbildung sowie der mancherorts noch spürbaren Grippewelle zwar angespannt. Allerdings sichern das Bildungsministerium, die Regierungen, die Schulämter und die Schulen mit verschiedenen Instrumenten den Unterricht. Die mobilen Reserven sind im Einsatz, schulhausinterne Maßnahmen wirken ergänzend.“

Die einzelnen Maßnahmen werden im Folgenden aufgeschlüsselt. Die Pressemeldung des KM schließt mit dem Fazit:

„Trotz dieser umfangreichen Bereitstellung von Lehrkräften für Vertretungsfälle lässt sich nicht restlos ausschließen, dass es an einzelnen Schulen zu unvorhersehbaren Engpässen kommt…“

Außensicht

(Anmerkung: Dem Verfasser ist klar, dass es eine „rein objektive“ Sichtweise nicht gibt, die er hier einnehmen könnte. Auch das im Folgenden Geäußerte ist anhand eigener individueller Erfahrungen gewachsen, vielleicht sogar gereift. Es ist im Höchstfall eine Außenperspektive, die einen gewissen Abstand vom Streit hat; aber gewiss kann man sich dessen nie sein.)

Perpetuum immobile

Die Lehrer sagen: „Die Lehrer reichen nicht!“ und erwarten, dass das Kultusministerium antwortet: „Ja, sie reichen nicht, und wir sind dafür verantwortlich.“ So antwortet das KM aber nicht, sondern sagt: „Die Gründe liegen nicht in unserer Verantwortung, aber wir tun dies und das, um die Unterrichtsversorgung sicher zu stellen.“ Und es erwartet, dass die Lehrer sagen: „OK, das erkennen wir an.“ Die Lehrer antworten so aber nicht, sondern sagen: „Die Lehrer reichen nicht…!“ Und so streiten sie auf ewig weiter.

Ursachensuche

Der gemeinsame Grund, den beide Parteien einnehmen, könnte in der Aussage liegen: „Ja, wir haben ein Problem.“ Von da aus kann man Ursachentypen für dieses Problem auseinander halten.

1. Unverschuldete Ursachen

2. Halbverschuldete Ursachen

Die vier oben genannten Punkte als „unverschuldete Ursachen“ zu bezeichnen, ist ein eher verwaltungsfreundlicher Ansatz. Hier kann man nämlich noch zwischen vorhersehbar und nicht vorhersehbar unterscheiden.

Damit sind diese Mangelerscheinungen zumindest halb verursacht.

3. Verschuldete Ursachen

Im Grunde war das alles also vorhersehbar. Es wurden dafür entweder keine oder zu geringe Vorkehrungen getroffen. Wer trägt dafür die Verantwortung?

Die Mobile Reserve ist nicht ausreichend. Diese Klage wird seit Jahren geäußert. Offensichtlich ist der Puffer nicht ausreichend, jedenfalls nicht zu bestimmten Spitzenzeiten. Dazu stellt sich die nächste Frage: Gibt es die zusätzlichen Lehrer nicht oder fehlen die zusätzlichen Gelder für Planstellen?

Beides liegt offensichtlich in der Verantwortung der steuernden Behörde.

Es gibt ein Zuviel an ausgebildeten Realschul- und Gymnasiallehrkräften. Diese können als solche freiwillig entweder befristet aushelfen oder umschulen und zu geringer alimentierten Grund- oder Mittelschullehrern werden – aber dafür wenigstens verbeamtet.

Was ist mit Stufenlehrern?

Eine Unterversorgung auf dem einen Markt und ein Überangebot auf dem anderen wäre eigentlich ein Grund, über die Ausbildung von Stufenlehrkräften nachzudenken. Eine Lehrkraft mit einer Sekundarstufenausbildung könnte dann in Mittelschule, Realschule oder Gymnasium eingesetzt werden. Dass das KM diese Flexibilität nicht will, hängt mit politischen Vorentscheidungen zusammen. Oder mit der Ideologie, alle Ansätze von Gemeinschaftsschulen unbedingt im Keim ersticken zu wollen. So sah das jedenfalls der ehemalige Kultusminister Hans Maier.

Maier hat 1976 den „Stufenlehrer“ als „Trojanisches Pferd“ gegen das gegliederte Schulwesen desavouiert um die Gemeinschaftsschule zu verhindern. Es wäre an der Zeit, diesen Gedanken auch in Bayern wieder denken zu dürfen. Er böte einen guten Ansatz dafür, das jährlich wiederkehrende Problem der gut qualifizierten, aber arbeitslosen Junglehrer, bzw. des zu beobachtenden „Schweinezyklus“ auf dem Lehrerarbeitsmarkt, zu lösen. Erfahrungen mit der Ausbildung von Stufenlehrkräften gibt es bereits in Deutschland (Berlin, Brandenburg, BW, Hamburg, NRW, Saarland, Sachsen, SH, Thüringen…) und im benachbarten Ausland (Österreich, Schweiz…); die Bayerische Staatsregierung könnte sich kundig machen.

Fazit

Das Bayerische Kultusministerium nennt Dinge „unvorhersehbar“, die man a) schon mit einem geringen Maß an Weitsicht erkennen konnte und b) mit einer minimalen Portion an Ideologiefreiheit hätte abpuffern können.

Vielleicht spüren, denken oder wissen das die betroffenen Lehrkräfte und Schulleitungen und sind deshalb mit den Äußerungen des KM so unzufrieden.

Quellen:

http://www.bllv.de/BLLV-Ressort-Presse.6506.0.html?&cHash=fadaaa608c6fc144f1c47c8977d61b66&tx_ttnews%5Btt_news%5D=8123

https://www.km.bayern.de/pressemitteilung/10586/nr-074-vom-06-03-2017.html

Dringlichkeitsantrag der SPD: Bayerischer Landtag, Drucksache 17/15840

 

 

 

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