SZ von heute: In einer internationalen Schule kommen Virtual-Reality-Brillen seit Beginn des Schuljahrs zum Einsatz. In Physik, in Geografie, aber auch in Geschichte, wo die moderne Technik es erlaubt, durch die Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu hasten, wie der Oberstufenkoordinator schwärmt.
Hhm. Das ist jetzt eine Frage an die Gedächtnispsychologie: Lernen Schüler Inhalte dann besser, wenn sie ihnen mühelos vor Augen gehalten werden, oder ist ein erhöhter Suchaufwand allein schon eine Anbahnung von Gedächtnisspuren?
Versuchen wir es mit einer Definition: Technologie ist Entlastung des Körpers auf Kosten körperlichen Vermögens.
Wer ein Auto oder ein Fahrrad hat, muss nicht mehr so viel zu Fuß gehen. Das erleichtert vieles. Man erspart seinem Körper lange Wege und – zum Beispiel beim Einkaufen – das gleichzeitige Tragen von Lasten. Ergebnis ist, dass Muskeln und Kreislauf weniger strapaziert, also auch weniger trainiert werden, also auch weniger Leistungsvermögen aufbauen, was man dann durch Freizeitsport oder Fitnessstudio ausgleichen könnte, aber nicht immer tut. Technologie kann unter der Hand auf Kosten der Körperlichkeit gehen.
Nun ist die Frage, ob diese Definition auch auf den Geist übertragbar ist:
Technologie ist die Entlastung des Geistes auf Kosten geistigen Vermögens. Dickes Fragezeichen.
Das führt zur allgemeinen Frage: Wieviel oder welcher intellektuelle oder geistige Aufwand ist für das Lernen wann wesentlich? Oder auf das Beispiel vom Anfang gewendet: Ist die VR-Brille mit den Szenen aus dem Ersten Weltkrieg ein Segen – wegen der Anschaulichkeit – oder ein Hindernis für das Lernen – wegen des geringeren intellektuellen Aufwands?
Hier wird es mühsam, denn die Antwort kann nur lauten: Das kommt darauf an. Und zwar kommt es auf jede/n einzelne/n Schüler/in an. Bei einigen ist die intellektuelle Arbeit mit dem Absetzen der VR-Brille beendet, und es bleiben ein paar Eindrücke im szenischen Gedächtnis haften.
Bei anderen werden weitere Gedankengänge ausgelöst: Wie ging es den Soldaten im Schützengraben? Wie haben sie in der Kälte gefroren? Hatten sie genug zu essen und zu trinken? Wie kamen sie mit Regen und Schlamm und Ungeziefer und der dauernden Todesgefahr zurecht? Was empfanden die, die das Giftgas freisetzten? Wer hat das überhaupt erfunden? Wie macht das Gas im menschlichen Körper? Welche Traumata brachten die Soldaten mit nach Hause, sofern sie das Glück hatten, die Heimat wieder zu sehen? Wer hatte ihnen überhaupt den Weg nach Verdun befohlen? Warum gerade Verdun? Warum hatten sie dem Befehl gehorcht? Haben sie sich selbst als Kanonenfutter wahrgenommen? Wer hatte den Marschbefehl gegeben und warum? Hat dieser Krieg überhaupt sein müssen? Welche politischen Zusammenhänge oder Abhängigkeiten haben dazu geführt? Was sagte die Propaganda und welche Wirkungen hatte sie?
Man kann das vielleicht so sagen: Während bei einigen Schülern der Unterricht mit der VR-Brille solche Fragen aufgrund der überwältigenden Bilder eher erschlägt, werden andere erst zum Weiterdenken angeregt.
Genauso wie der Taschenrechner bei einigen meiner Achtklässler/innen die intellektuelle Bequemlichkeit unterstützt, nutzen ihn andere um mehr herauszufinden.
Pädagogisches Urprinzip I: Individualisierung
So gesehen, führt die Debatte um die Digitalisierung der Schule zu einem pädagogischen Urprinzip, nämlich der Individualisierung. Als Lehrer muss ich immer im Blick haben, was ein/e Schüler/in aus einer Methode oder einem Material oder einer Technologie macht. Führt es zur geistigen Bequemlichkeit – blöd. Hilft es dem Denken und der Phantasie auf die Sprünge – gut. Dem einen Schüler muss ich den Taschenrechner wegnehmen, der andere kriegt ihn, damit er seine komplizierten Gedankengänge verifizieren kann.
Problem gelöst? Leider nein. Hinter der nächsten Ecke lauert bereits das nächste. Damit die Lehrkraft einen solch differenzierenden und individualisierenden Blick auf die Schüler/innen haben kann und damit diese Schüler/innen auch weitergehende Gedanken haben und entwickeln können, braucht es vor allem eines: Zeit.
Pädagogisches Urprinzip II: Zeit
Und da kriege ich doch dicke, fette Bedenken, wenn ich einerseits die Stofffülle vieler, vor allem gymnasialer, Lehrpläne ansehe und mir andererseits das eher beamtige Umgehen mancher Lehrkräfte mit dieser Fülle vor Augen halte. Wenn es zum Selbstverständnis einer Lehrkraft gehört, immer alle Lehrplaninhalte an die Schüler/innen abzuliefern ohne danach zu fragen, wie die das alles verarbeiten (können), dann bleibt den Jugendlichen oft nur die Alternative – wie Hattie es ausdrücken würde – ihre kognitive Last zu reduzieren und das Zeug wieder loszuwerden. Dann können sie die vielen Angebote von VR-Brille, Smartboard und neuen Medien gar nicht verarbeiten und weiterdenken, weil im Dreiviertelstundenrhythmus das eine vom anderen überdeckt wird.
So, was haben wir als Zwischenergebnis:
Eine Beschleunigung, Erleichterung und Veranschaulichung durch neue Technologien, die unbedingt eine Verzögerung, intellektuellen Aufwand und mehr Zeit zur Verarbeitung erfordern, damit die Inhalte nicht nur an den geistigen Oberflächen dümpeln wie vergessenes Treibgut.
Da muss noch mehr nachgedacht werden!
Um Ihre Phantasie anzuregen, falls Sie bis hierher gelesen haben: Was wäre aus der Relativitätstheorie geworden, hätte der kleine Albert Einstein schon einen Unterricht mit iPad, Smartboard und VR-Brille genossen? Wäre er überhaupt darauf gekommen, solche Fragen zu stellen? Wären ihm seine Antworten darauf besser gelungen?
Nota bene: Hier regt sich Harald Lesch darüber auf, dass den Schülern zu wenig Zeit gegeben wird.

