Sichtweisen #66: Verband der Gymnasiallehrer geht Gemeinschaftsschule an

Heute wurde in Baden-Württemberg (zum Beispiel auch auf den Landtagsseiten) von den Philologen die Nachricht verbreitet, dass – mit meinen Worten – die Gemeinschaftsschule das viele Geld nicht wert sei, das das Land in diese Schulart investiere. Das liest sich dann in Ausschnitten so:

Die Kritik

Stuttgart (dpa/lsw) – Die Interessenvertretung der Gymnasiallehrer hat harsche Kritik an den Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg geäußert. Die Gemeinschaftsschulen seien finanziell ein Fass ohne Boden und brächten keine besseren Lernleistungen der Schüler (1). Ausschließlich die Anhänger von «Eine Schule für alle Kinder» sehen in ihr einen Fortschritt, teilte der Philologenverband am Mittwoch in Stuttgart mit (2). Die grün-rote Vorgängerregierung hatte die Gemeinschaftsschule 2012 im Südwesten neu eingeführt. Mittlerweile bieten einige von ihnen auch eine gymnasiale Oberstufe an.

Der Landeschef des Philologenverbandes, Ralf Scholl, plädierte dafür, die Lernerfolge der Gemeinschaftsschüler wissenschaftlich zu untersuchen (3). Er forderte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) auf, den klassischen Gymnasien und Realschulen mehr Geld zu geben und ihnen kleinere Klassen zu ermöglichen. «Dann zeigen wir Ihnen, wie viel mehr man mit diesem Geld an klassischen Gymnasien und Realschulen erreicht.» …

Die Kritik der Kritik

Die Aussagen der Gymnasiallehrer wirken auf mich etwas eigenartig, denn sogar mir in Bayern sind folgende Dinge bekannt:

(1) Kosten- und Leistungsvergleich

Finanzierung_GMS_Gym

Diese Zahlen habe ich der o.g. Landtagsdrucksache entnommen und in dieser Tabelle einander gegenüber gestellt. Man erkennt: Die Kosten der Gemeinschaftsschule pro Schüler liegen auf gleicher Höhe mit denen der Gymnasien. Die Leistungen sind wesentlich höher, wenn man die Heterogenität der Schülerschaft zum Maßstab nimmt.

(2) Kein „Fortschritt“?

Wenn man die Einstiegsprognosen der Fünftklässler zu Beginn ihrer Karriere mit den Abschlussquoten fünf Jahre später vergleicht, dann zeigt sich, dass sehr viele als „Hauptschüler“ – oder in BW „Werkrealschüler“ – definierte Kinder in der Gemeinschaftsschule zu Realschülern wurden. In meinen Augen ist das ein sehr ungewöhnlicher Fortschritt!

Dieses Diagramm habe ich aus den Zahlen von Norbert Zeller und dem Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg erstellt. Hier gibt es weitere Einzelheiten.

Folie36

(3) Wissenschaftliche Untersuchung!

Der Schulversuch zur Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg wurde von acht wissenschaftlichen Einrichtungen begleitet:

WissGem_Unis

Da lässt sich alles nachlesen.

WissGem

In diesem Faktencheck habe ich ein paar Ergebnisse daraus zusammengetragen.

Es gibt auch noch ein Buch über die Erfolgsfaktoren der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg.

Also?

Entweder gibt es neue Fakten, die mir noch nicht bekannt sind. Dann lasse ich mich gern belehren.

Oder die Gymnasien – nein: die organisierten Gymnasiallehrer – führen eine Neiddebatte, weil ihnen der Erfolg der Gemeinschaftsschulen nicht geheuer ist.

Oder das Ganze gehört zu dem Anliegen, eine gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen um jeden Preis verhindern zu wollen, weil das ja die Einzigartigkeit des Gymnasiums relativieren würde.

Oder hier spricht sich die alte Ideologie gegen den „Einheitsbrei“ von Gemeinschafts- und Gesamtschulen aus.

Wie auch immer – wir werden sehen.

 

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