Sichtweisen #64: Realschulleiter in BW – es gibt solche und solche

Selten hat man das Glück, auf der Hinterbühne der Realschulen die Akteure zu beobachten. Die einen sorgen sich um den Mechanismus der Sortierung und rufen nach Homogenität. Die anderen sehen gerade in der Heterogenität eine pädagogische Chance. Ich stelle mal zwei bezeichnende Meldungen aus Baden-Württemberg nebeneinander.

Die Realschulen in BW möchten den Hauptschulabschluss wieder loswerden (2019)

Das Kultusministerium und der Städtetag äußerten Verständnis für die Sorgen der Realschulen.

Ministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte: «Von den Schwierigkeiten in der Orientierungsstufe höre ich schon seit längerem in zahlreichen Gesprächen mit Lehrkräften und Schulleitern vor Ort.»

Den Gesprächspartnern sei eines gemein – «der Wunsch, die Grundschulempfehlung wieder verbindlicher zu regeln, da die hohe Heterogenität vor allem an den Realschulen eine enorme Herausforderung für die Lehrer darstellt». Auch eine Stärkung der Werkrealschulen stoße auf große Zustimmung bei den Realschulen.

 

Holger Gutwald-Rondot [Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektoren] sagte: «Jeder zehnte Schüler in der Orientierungsstufe der Realschulen ist definitiv auf der falschen Schule und wäre auf der Hauptschule besser aufgehoben.»

Zu viele überforderte Schüler: Realschulen wollen Hauptschulabschluss loswerden

 

 

 

 

 

Aufruf von RektorInnen von Gemeinschaftsschulen/Realschulen in BW (2014)

Wir sehen in der Gemeinschaftsschule eine hervorragende Möglichkeit, gerade auch die Realschulen in ihrer pädagogischen Entwicklung zu stärken und zukunftsfähig zu machen.  Heterogenität  sehen  wir  als  Chance.  Was  die  Realschulen  in jahrzehntelanger  Arbeit  ausgezeichnet  und  zu  ihrer  hohen  Akzeptanz  beigetragen hat, wird in unseren Gemeinschaftsschulen fortgesetzt und intensiviert…

Wir  gestalten  unsere  Schulen  so,  dass  sich  die anerkannten  Vorzüge  der  Realschule  mit  den  Möglichkeiten  der Gemeinschaftsschule verbinden und dadurch verstärken. Wir  haben  als  Realschulen  schon  immer  Kinder  unterschiedlichster Leistungsfähigkeit  unterrichtet.  Nun  aber  haben  wir  die  Möglichkeit,  die  einzelnen Niveaustufen genau zu beschreiben und damit jedem Kind zu seinem individuellen Erfolg  zu  verhelfen…

Wie  in  den  Realschulen  gilt  auch  in  unseren  Gemeinschaftsschulen  das Leistungsprinzip…

Die  Eltern  unserer  Kinder  erkennen  den  Wert  der  engen  und  regelmäßigen Zusammenarbeit  mit  den  Lehrkräften.  Nicht  zuletzt  schätzen  sie,  dass  die Gemeinschaftsschule Brüche in der Schullaufbahn eines Kindes – mit den traurigen Begleiterscheinungen – vermeidet.

https://paedagokick.de/aufruf-der-rektorinnen-und-rektoren-von-gemeinschaftsschulen-realschulen/

Es handelt sich also auf beiden Seiten um Schuleiter/innen von Realschulen; die einen sind es noch; die anderen haben ihre RS in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt.

Auf der linken Seite kommt die Ansicht deutlich zum Ausdruck: „Die gehören nicht hierher!“ Und die Änderung dieses Zustands wird mit den Leiden der Fehlplatzierten begründet und als Stärkung der Werkrealschulen verbrämt.

Auf der rechten Seite nehmen die Lehrkräfte den Auftrag der Förderung an. Und wie man sieht, mit Erfolg: Die angeblich dort nicht hingehörenden Schüler/innen werden zu solchen, die – im Nachhinein gesehen – eben doch dorthin gehörten. Viele kommen mit Hauptschulempfehlung und gehen mit Realschulabschluss. Das ist die pädagogische Kunst!

Kein gutes Haar…

…lässt der Verein für Gemeinschaftsschulen in BW an dieser Haltung der Realschulrektoren:

Datum: 27. Januar 2020 um 12:09
Betreff: Zumeldung: Sorge um überforderte Schüler

Liebe Vertreterinnen und Vertreter der Landespresse,

erneut machen die StandesvertreterInnen der Realschulen keinen Hehl aus ihrem Wiederwillen und ihrer Überforderung, mit der realen Heterogenität an ihren Schulen gelingend umzugehen. Dabei zeigen sowohl engagierte Realschulen, als auch die über 300 Gemeinschaftsschulen in Land, dass ein bewusster Umgang mit Diversität sehr wohl zu blendenden Ergebnissen führen kann.

Wenn es an der Einstellung und am Berufsethos hapert, müssen formale Verpflichtungen den Beteiligten Orientierung geben. Bitte beachten Sie zur weiteren Information die beiliegende Pressemeldung.

Für Fragen stehen wir Ihnen sehr gerne zur Verfügung.

Mit herzlichen Grüßen

Matthias Wagner-Uhl

PS: Zum selben Thema haben wir unsere Pressemitteilung „Hoffnungslos überfordert“ vom November 2019 ebenfalls nochmals beigefügt.

 Unwissenheit schützt vor Scheitern nicht

Mit den Vorstößen zur Rücknahme des Hauptschulabschlusses an den Realschulen sowie der Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung ist im Bildungsbereich der Startschuss für den Landtagswahlkampf gefallen. Dabei überbieten sich konservative PolitikerInnen und schulische Ständevertretungen mit realitätsfernen Positionen, die die längst laufenden Entwicklungen außerhalb der baden-württembergischen Bildungsblase völlig außer Acht lassen.

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit konservative PolitikerInnen genau wie VertreterInnen tradierter Schularten wie der Realschule die Augen vor der Realität in unserer Gesellschaft verschließen: Diese ist vielfältig und wird täglich bunter. Dabei zeigt sich Vielfalt keinesfalls nur in Herkunft, Muttersprache oder sozio-ökonomischem Hintergrund. Diversität zeigt sich auch in Begabungen, Interessen und persönlichen Entwicklungspotenzialen.

Erstaunlich ist auch, mit welcher Chuzpe eben genannte PolitikerInnen und StandesvertreterInnen die Bewahrung von bildungspolitischen Pfünden vor die aktive und mutige Gestaltung der Zukunft unserer Kinder und des Landes stellen. „Die Gemeinschaftsschulen zeigen mittlerweile seit Jahren, dass das Lernen höchst unterschiedlicher Kinder innerhalb einer Klasse sehr gut funktionieren kann – die Ergebnisse unserer letzten Prüfungsläufe, gerade zum Realschulabschluss belegen dies in harten Fakten eindrücklich“, sagt Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg.

„Dass der Wahnsinn des Sortierens von Kindern in drei willkürlich vorgegebene Schubladen, längst nicht mehr den Rahmenbedingungen unserer globalisierten Welt entspricht, dies zu verstehen, sollte für angeblich gebildete Menschen nicht so schwer sein“, sagt Wagner-Uhl. Dies lasse nur einen Schluss zu: „Hier geht es nicht um die Kinder und deren möglichst guten Weg ins und durch das Leben“. Es gehe um politische Machtspiele, persönliche Eitelkeiten – und letztlich auch den Wunsch vieler Beteiligten, den Aufwand im Beruf überschaubar zu halten. In genau diese Kategorien ist auch der Vorstoß der Realschul-Vertreter sowie des Kultusministeriums und der FDP-Fraktion im Landtag zur Wiedereinführung der verbindlichen Grundschul-Empfehlung einzuordnen. Wenn sich die Standesvertretung der Realschulen in der Presse nun angeblich um die Überforderung der Kinder sorgt, muss man sich leider fragen, ob es hier nicht eigentlich vielmehr um die vorgeschobene Überforderung unbeweglicher Lehrerkollegien an zahlreichen Schulen geht.

„Eine intensive und individuelle Begleitung von Schülerinnen und Schülern macht viel Arbeit – das weiß man übrigens auch an jenen Realschulen, die die Herausforderung, junge Menschen zum Hauptschulabschluss zu bringen bereitwillig angenommen haben und hier auch reüssieren“, erklärt Wagner-Uhl. Immerhin würden dort die genau für diese Aufgabe vorgesehenen Poolstunden adäquat eingesetzt. Die für die gelingende Gestaltung von Heterogenität ebenfalls so wichtigen Coaching-Stunden seien in der Stundentafel der Gemeinschaftsschule beispielsweise immer noch nicht hinterlegt. Aus Sicht der Interessensvertretung ein Skandal. Auch die Grundschulen, welche ohne Zweifel täglich mit höchst diversen SchülerInnen-Gruppen arbeiten, müssen im Gegensatz zu den Realschulen ohne Poolstunden auskommen.

„Wir müssen nur auf internationale Bildungsnationen schauen, dort findet gemeinsames Lernen weitaus länger statt, als bei uns in Deutschland“, sagt Wagner-Uhl. Dass PolitikerInnen seit Jahren nach Finnland und Kanada reisen, in ihrer Heimat die Weiterentwicklung der Schulwelt jedoch stagniert, ja schlimmer noch, gerade im Südwesten die konservative Politik die Rolle rückwärts forciert, macht den engagierten Schulleiter wütend: „Schule muss für Kinder da sein, nicht Kinder für Schule – das müssen wir endlich leben und nicht nur über den Stellenwert der Jugend für unsere Zukunft schwadronieren. Jedes Kind hat eine Chance verdient!“ Wagner-Uhl hält es da lieber mit Ministerpräsident Kretschmann, der in seinen Neujahresansprachen immer wieder betont, dass für eine Demokratie die Frage wo ein Mensch hinwill, entscheidend ist – nicht die Frage, wo er herkommt. Auch zum bestehenden Sortierwahn in der Schul-Welt hat dieser sich immer wieder geäußert: Es sei schlichtweg unmöglich, eine solche Vielzahl an Schulen zu eröffnen, wie die Kinder in Baden-Württemberg ihrer Vielfalt wegen benötigen würden.

Neben der Politik, die die Rahmenbedingungen für Schule setzt, entscheidet sich schulisches Gelingen vor allem im Klassenzimmer, dies hat die Bildungsforschung hinreichend belegt. Dabei spielt die Grundhaltung von Lehrerinnen und Lehrern eine zentrale Rolle, wie sich nicht zuletzt in den von deren Interessensvertretungen immer wieder forcierten Debatten zur Selektion von Schülerinnen und Schülern über ein dreigliedriges Schulsystem zeigt. Für Matthias Wagner-Uhl und den Verein für Gemeinschaftsschulen ergibt sich daraus eine eindeutige Forderung: „Die Verantwortung von Lehrerinnen und Lehrern für die Zukunft unserer Kinder und unseres Landes ist immens. Dies muss sich in einer formalen Verpflichtung zum Kindeswohl widerspiegeln – insofern halten wir ein Bekenntnis zum Berufsethos als Pädagoge quasi als Pendant zum hippokratischen Eid bei Ärzten für äußerst angemessen!“

Bitte beachten Sie zu diesem Thema auch unsere Pressemitteilung vom 15.11.2019 „Hoffnungslos überfordert“, die wir zur Information dieser Mail ebenfalls annfügen:

 

Hoffnungslos überfordert

Wir leben in einer bunten Gesellschaft, in der Individualität groß geschrieben wird. Und doch hat der Glaube Bestand, man könne Kinder ideal auf die Zukunft vorbereiten, wenn man sie in drei vorgefertigte Schubladen steckt. Als Argument muss nicht die Leistungsfähigkeit der Kinder, sondern die Kompetenz der Lehrerinnen und Lehrer herhalten: Sie sehen sich an den Realschulen hoffnungslos überfordert. Da stellt sich die Frage: Was ist da denn los?

„Wenn ich den Worten von Frau Broszat, Vorsitzende des Realschullehrerverbandes BW, Glauben schenken würde, müsste ich davon ausgehen, dass viele Lehrerinnen und Lehrer an Baden-Württembergs Realschulen in ihrem Beruf als Pädagoginnen und Pädagogen kläglich versagen“, sagt Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt die Interessensvertretung der Gemeinschaftsschulen im Südwesten die lauter werdenden Klagen über Schulempfehlungen, Elternwille und das Versagen der Realschule.

Dort kämpft man verbissen gegen jene Kinder, die sich mit der Option auf einen Hauptschulabschluss für die Realschule entschieden haben. „Viele Realschul-Kollegien wollen der Öffentlichkeit weismachen, dass ein Unterrichten auf zwei Leistungsniveaus in einer Klasse unmöglich ist – da fragt man sich ja, wie das die vielen Tausend Lehrerinnen und Lehrer an der Gemeinschaftsschule BW hinbekommen“, sinniert Wagner-Uhl. Dort lernen Schülerinnen und Schüler auf drei Niveaustufen miteinander, häufig flankiert von Kindern mit inklusiver Beschulung. In den Grundschulen gehört der gelingende Umgang mit Diversität ebenfalls zum Tagesgeschäft, genau wie an zahlreichen anderen Schulen im Land, die diesbezüglich mit der Zeit Schritt gehalten haben.

Für Wagner-Uhl lassen die Klagen seiner Realschul-Kolleginnen und Kollegen nur einen Schluss zu: „Da sind gelernte Pädagoginnen und Pädagogen sehr weit weg von ihrer beruflichen Qualifikation und ihrer professionellen Qualität – denn letztlich erfolgt in jeder Klasse völlig unabhängig von der Schulart eine individualisierte Betrachtung der Kinder“. Wer hier die Segel streicht, gebe eine pädagogische Bankrotterklärung ab.

So wie die Realschul-Szene ihres Klagens nicht müde wird, pocht Wagner-Uhl auf das Lob der Gemeinschaftsschul-Kollegien im Land: „Dort wird gezeigt, dass binnendifferenziertes Arbeiten selbstverständlich möglich ist – vorausgesetzt der Wille der beteiligten Lehrkräfte ist da“. Die Realität an den Schulen gehe sogar weiter: Dies gelingt selbst, wenn die politisch Verantwortlichen die notwendigen Rahmenbedingungen immer weiter erschweren. Dass in der Öffentlichkeit ein anderes Bild gezeichnet wird, habe nicht zuletzt mit Komfortzonen und dem Sehnen nach längst vergangenen Zeiten zu tun, so Wagner-Uhl: „Wer vor einer sich immer schneller verändernden Zukunft die Augen verschließt, vergibt die Chance, das Leben zu gestalten – und Baden-Württemberg als Wirtschafts- und Innovationsstandort weiter in der ersten Liga zu halten.“

Die Augen wiederum öffnen muss die Bildungspolitik im Südwesten endlich vor der Conclusio, die sich aus den Klagen der Realschul-Szene ergibt: „Wenn die Realschule den Realitäten einer hoch-diversen Schülerschaft nicht gerecht werden kann, wird es Zeit, sich von dieser Schulart zu verabschieden“, sagt der Vereinsvorsitzende. Das Konzept der Gemeinschaftsschule – orientiert am Deutschen Schulpreis – sieht die oft beklagte Heterogenität als Bereicherung durch längeres gemeinsames Lernen. Die Ergebnisse der ersten Realschulabschlüsse an den Gemeinschaftsschulen BW unterstreichen die Leistungsfähigkeit dieser Schulart. Tatsächlich ist es an der Zeit, an den Realschulen in Baden-Württemberg die Reißleine zu ziehen.

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Verein für Gemeinschaftsschulen
in Baden-Württemberg e.V.
Öhringer Str. 2
74632 Neuenstein

Telefon 0152-28575158
Telefax 07942-911722

gmsbw.verein@gmail.com
www.verein-gemeinschaftsschulen-bw.org

Vorsitzender Matthias Wagner-Uhl
Stellvertr. Vorsitzende Dr. Ulrike Felger
Stellvertr. Vorsitzende Angela Keppel-Allgaier

Stellvertr. Vorsitzender Dr. Joachim Friedrichsdorf

 

 

 

 

 

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