Fail #40: „Faire Schule“ oder Denunziation leicht gemacht?

Sieben Schülerinnen und Schüler lächeln den Betrachter von der Website an. Dazu Daumen hoch und die fett gestellte Frage: „Unterrichtsausfall, defekte Toiletten, politisch inkorrekte Lehrer, Gewalt auf dem Schulhof?“ Darunter der Button „Einen Missstand melden“ – so sieht sie aus, die Seite, die von der AfD-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg hochgeladen wurde. Schauen wir doch mal genauer hin.

Wie ist das Meldewesen aufgebaut?

So lautet der Aufforderungssatz (fetter Abschnitt im Original):

Als Schüler hast Du Anspruch auf Unterricht, eine neutrale politische Willensbildung und intakte Bildungseinrichtungen. Schulleitung und Lehrer haben die Verantwortung, für die Probleme der ihnen anvertrauten Schüler ein offenes Ohr zu haben. An Deiner Schule gibt es Probleme und niemand hört Dir zu? Dann melde es jetzt!

Wenn man den Knopf klickt, öffnet sich ein Auswahlformular mit der Frage, ob man 15 Jahre oder jünger ist, bzw. 16 Jahre oder älter.

Es folgt in beiden Fällen dasselbe Meldeformular mit diesen Fragen und Abschnitten (alles Pflichtfelder):

1. Um welche Schule handelt es sich?

Bitte gib hier möglichst vollständig den Namen, Plz und Ort deiner Schule an.

2. Welche Art Vorfall möchtest Du melden?

Wähle aus den Vorgaben einen Vorfall oder Missstand, den Du melden möchtest oder wähle „Sonstiges“*

3. Beschreibe kurz den Vorfall

Beschreibe bitte mit einigen Worten, was genau vorgefallen ist.

4. Deine Kontaktdaten

Alle personenbezogenen Daten werden gemäß unserer Datenschutzerklärung vertraulich behandelt.

Vor- und Nachname; E-Mail-Adresse; Deine Schulklasse; Betroffener Lehrer/Schulleiter

Das Ganze endet mit dem Hinweis, dass per E-Mail ein Bestätigungslink versendet wird.

Erst nachdem Du über diesen Link bestätigt hast, wird Dein Anliegen von uns bearbeitet.

Das ist es schon im Prinzip. Stellt sich noch die Frage, an welche Missstände die Urheber dieser Seite so denken.

Welche Missstände sollen gemeldet werden?

Bei Frage 2 gibt es ein Dropdown-Feld mit diesen Auswahlmöglichkeiten:

  • Zu viele Unterrichtsausfälle
  • Drogenproblem(e) an der Schule
  • Mängel an der Schulausstattung
  • Gewalt an der Schule
  • Mobbing
  • Politische Beeinflussung
  • Verletzung der Neutralität
  • Sonstiges

Was ist davon zu halten?

Was von der AfD kommt, wird ja bekanntlich von politischen Gegnern rundherum und häufig einfach pauschal abgelehnt. Aber man darf sich ja sein eigenes Urteil bilden und mal ernsthaft nachfragen:

Ist es vielleicht bezeichnend, dass Missstände „gemeldet“ werden sollen?

Warum steht da nicht „Auf welchen Missstand willst du aufmerksam machen“ oder vielleicht „Welcher Missstand soll behoben werden“? Die Begrifflichkeit mit der „Meldung“ weckt gerade im Kontext der AfD ungute Assoziationen an die Zeiten, in der Deutschland von Einheitsparteien beherrscht wurde und Nachbarn sich gegenseitig bespitzeln sollten – zum Wohle des Ganzen. Hier hätte die Fraktion vielleicht etwas sprachsensibler vorgehen sollen. So hat sie ungewollt einen Blick auf ihren politischen Hintergrund freigegeben.

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Bild von Yvette W auf Pixabay

Ist es vielleicht bezeichnend, dass es keinen Hinweis darauf gibt, wie mit den Meldungen umgegangen wird?

„Schreibe uns, und wir senden dir Links von professionellen Beratungsstellen“ – das wäre eine Möglichkeit gewesen.

Oder: „Schreibe uns, und wir geben dir Tipps, wie du mit Hilfe deiner Schülermitverwaltung etwas erreichen kannst.“

Oder: „Wenn deine Eltern schon mit der Lehrkraft geredet und nichts bewirkt haben, wir sagen dir, welche Institutionen du sonst noch einschalten kannst – Elternbeirat, Schulforum, Schulamt usw.“

Oder: „Wenn du es selbst nicht geschafft hast oder dich nicht traust – wir vermitteln dir ein Gespräch mit einem Schulpsychologen / Sozialpädagogen.“

Oder: „Wenn es um bauliche Fragen geht: Wir wenden uns an den Schulträger.“

Nichts dergleichen. Die AfD-Landtagsfraktion erweckt dadurch den Eindruck, dass sie Negatives einfach nur sammeln will, um damit irgendetwas anzufangen. Was, wird nicht verraten. Geht es am Ende nicht um Hilfe, sondern nur um Denunziation?

Wer wendet sich an dieses Portal?

Nachdem nicht klar ist, was mit den Meldungen angefangen werden soll, muss sich ein potenzieller User nach dem Wohin seines Hilferufs fragen – so er/sie denn ein ernstes Interesse mitbringt. Wer meldet dann noch was?

Vielleicht mal probeweise: „Bei uns gab’s schon ein Drogenproblem an der Schule.“

Oder: „Bei uns sind die Toiletten in einem erbärmlichen Zustand.“

Oder: „Heute haben sich zwei Schüler auf dem Pausenhof geschlägert.“

Ich könnte mir vorstellen, dass manche Erwachsenen oder Jugendlichen eigentlich nur dann etwas melden, wenn sie einen Frust loswerden wollen, für den sie sonst keinen Adressaten gefunden haben – oder vielleicht „zum Spaß“ mal eine Kritik absetzen.

GEW Baden-Württemberg

Zurecht besagt die Stellungnahme der GEW:

Die Aufsicht über Schulen liegt nur in totalitären Regimen bei Parteien. In Baden-Württemberg ist dafür zum Glück seit 70 Jahren eine unabhängige Schulverwaltung zuständig.

Fazit

Das Portal „Faire Schule“ Baden-Württemberg ist jedenfalls kein ernsthafter Gesprächspartner, der Lösungen sucht, sondern – das ist jetzt meine Deutung – wohl eher ein Sammler von Hinweisen für seine politischen Zwecke. Die Begrifflichkeit legt einen Schwerpunkt auf das Melden. Das bedeutet, man unterstützt und fördert nicht die einzelnen Schüler oder das Schulwesen als Ganzes, sondern das Denunziantentum. Ich vermute, dass deshalb auch vorwiegend der AfD nahe stehende Personen von dieser Meldemöglichkeit Gebrauch machen werden.

Das kann bedeuten, dass hier viel Staub aufgewirbelt wird und werden sollte, denn eine Nachricht zu sein ist ja politisches Kapital. Wenn nebenbei ein paar MIssstände aufgespießt werden können, um so besser im Sinne der Partei.

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