Gast #35: Auslese als Lösungsweg?

Norbert Zeller, ehemaliger Leiter der Stabsstelle für Gemeinschaftsschule und Inklusion beim Kultusministerium Baden-Württemberg, kommentiert die jüngsten Entwicklungen in der Schullandschaft von Baden-Württemberg.

Eisenmann verstärkt Ausleseprozess an unseren weiterführenden Schulen und verstärkt die Bildungsungerechtigkeit

Wir brauchen eine Schule, auf der alle Kinder willkommen sind

Mit der Aussage, zu viele Kinder besuchten zunächst die falsche weiterführende Schule, zeigt Kultusministerin Eisenmann erneut ihre wahre bildungspolitische Einstellung. Obwohl es wissenschaftlich und praktisch längst bewiesen ist, dass eine frühe Auslese von Kindern Bildungsverlierer fördert, will Eisenmann nun zusätzliche Prüfungen in der vierten Grundschulklasse durchführen. Diese Prüfungen sollen nicht diagnostischen Erkenntnissen dienen, sondern die Auslese für weiterführende Schulen passend machen. Eisenmann sieht ohnehin die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung als Fehler an. Bildungssysteme, die erst am Ende der Schulzeit die Frage des Abschlusses stellen, hält sie für falsch. Stattdessen sollen Kinder nach der 4. Klasse getrennt werden. Längst ist bewiesen, dass nicht die Begabungen und Fähigkeiten der Kinder über die Entscheidung, welche weiterführende Schulart besucht werden kann, ausschlaggebend sind, sondern die soziale Herkunft der Eltern eine zentrale Rolle spielt. Bürgerlich akademisierte Eltern wollen nicht unbedingt, dass ihre Kinder mit „Unterschichtskindern“, Migrantenkindern oder Flüchtlingskindern gemeinsam lernen, selbst wenn diese dieselben oder höhere  Leistungspotentiale haben, wie es in einer OECD-Studie beschrieben wird.

Nicht Transparenz und Durchlässigkeit ist das, was unser Schulsystem ausmacht, wie Eisenmann behauptet, sondern die gnadenlose Auslese von Kindern zu Lasten ihrer künftigen Bildungs- und Entwicklungschancen. Dass Eisenmann dabei den Beifall des Philologenverbands und des Realschulverbands bekommt, war zu erwarten und spricht nicht für die Richtigkeit ihrer Bildungspolitik. Wenn die Realschulen von Überforderung sprechen, so haben sie immer noch nicht kapiert, dass sie eigentlich auch für den Hauptschulabschluss zuständig sind. Dafür bekommen sie inzwischen gleich viele Poolstunden wie die Gemeinschaftsschulen, obwohl letztere alle drei Niveaustufen anbieten und weder Kinder noch Jugendliche auf eine andere Schulart „abschieben“, mit all den sozialen und psychischen Problemen für die Kinder. So werden Versager produziert, oft mit Langzeitfolgen.

Statt Abschiebung auf eine andere Schulart, sollte Frau Eisenmann sich einmal fragen, wie eine Schule aussieht, auf der alle Kinder willkommen sind und es keine „falschen Kinder“ auf der „falschen Schule“ gibt. Nicht die „falsche Beschulung“ der Kinder ist das Problem, sondern eine falsche Bildungspolitik von Seiten der CDU – und leider toleriert von den Grünen.

Auch wenn es vordergründig gelungen ist, in der Eingangsstufe Klasse 5 an der Mindestschülerzahl von 16 Schülerinnen und Schüler auch für Haupt- und Werkrealschulen festzuhalten, so wird doch durch die Hintertür erreicht, dass diese Schulen auch mit einer geringeren Schülerzahl erhalten bleiben, um angeblich den flächendeckenden Werkrealschulabschluss zu garantieren. Kleinstschulen sind nicht nur enorm teuer, sondern bieten auch nicht das fachlich und pädagogisch notwendige Angebot. Wenn Eisenmann schon den überholten Werkrealschulabschluss unbedingt erhalten will, soll sie doch die Realschulen verpflichten, den Werkrealschulabschluss neben dem Haupt- und Realschulabschluss anzubieten. Die erforderlichen Poolstunden haben die Realschulen ohnehin. Und es wäre deutlich kostengünstiger und effizienter. Auch die Wirtschaft braucht inzwischen den Werkrealschulabschluss nicht mehr.

In der ARD-Themenwoche können wir derzeit tagtäglich erleben, wie überholt das baden-württembergische Schulsystem ist, das auf Auslese und nicht auf optimaler Förderung beruht. Längst ist es bewiesen, dass längeres gemeinsames Lernen erfolgreich ist, bezogen auf das einzelne Kind. Dazu wäre aber ein neues Verständnis von individualisiertem und kooperativem Lernen notwendig und nicht das krampfhafte Festhalten an überholten Strukturen.

12.11.2019

 

 

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