Fail #39: „Ehrenrunde“ ist pädagogischer Nonsense

Das Sitzenbleiben wird in deutschen Schulen immer noch gepflegt, von einzelnen Mitarbeitern des Bayerischen Kultusministeriums auch mal als spezielle Art der „Förderung“ verbrämt und von vielen ehemaligen SchülerInnen als „Ehrenrunde“ glorifiziert. Wann setzen sich endlich mal die allgemeinen pädagogischen Erkenntnisse durch?

Der aktuelle Stand

Hier mal ein neueres Diagramm des Statistischen Bundesamtes:

schulen-wiederholeranteil

Und dazu ein paar Zitate…

… aus der Hattiestudie

Wer die Hattiestudie wirklich gelesen hat, ist vielleicht über diesen Punkt gestolpert: Die Effektstärke der Wiederholung einer Jahrgangsstufe ist – 0.16 (neuerdings sogar – 0.32). Das bedeutet, es handelt sich um eine negative Wirksamkeit: Sitzenbleiben bringt nicht nur nichts, es bewirkt sogar das Gegenteil einer Verbesserung, so dass Hattie formuliert:

The only question of interest relating to retention is why it persists in the face of this damning evidence (Hattie 2009, S. 98).

Die deutschen Interpreten der Hattiestudie beschreiben die Zusammenhänge genauer:

Denn bei einer genaueren Betrachtung der Ergebnisse zeigt sich, dass die eigentliche Wirkung einer Nichtversetzung erst im weiteren Verlauf der Bildungskarrieren von Heranwachsenden einsetzt. Hattie führt dazu aus, dass der negative Effekt mit der Zeit ansteigt: »Nach einem Jahr erzielen die Wiederholenden einen Wert von 0,45 Standardabweichungen unterhalb denjenigen der Vergleichsgruppen, die in die nächste Klasse versetzt und die oft anhand des entsprechend anspruchsvolleren Stoffs getestet worden sind. Dieser Unterschied vergrößert sich mit jedem weiteren Jahr. Bei Messungen, die vier und mehr Jahre nach der Wiederholung der Klasse erfolgten, erreicht der Unterschied einen Wert von 0,83 Standardabweichungen« (ebd.). Daraus folgt, dass das Nichtversetzen seine weiteren negativen Folgen zunächst gar nicht preisgibt. Hier könnte auch von einem »Depoteffekt« gesprochen werden, weil sich die dramatischen Folgen erst längerfristig sichtbar niederschlagen. Die Folgen zeigen sich auch noch von einer anderen Seite: Werden die Bildungswege der Heranwachsenden am Ende der Pflichtschulzeit betrachtet, dann weisen fast zwei Fünftel (38 Prozent) der 15-Jährigen in Deutschland am Ende der Schulpflichtzeit eine verzögerte Schullaufbahn aus (Datenbasis: PISA 2000; vgl. Schümer 2004). Die Ergebnisse zur Nichtversetzung zählen zu den bestgesichertsten in der Unterrichtsforschung. So gibt es kaum einen anderen Untersuchungsbereich mit einem derart klaren Befund. Hattie fragt sich deshalb, »warum eine solche Praxis angesichts derart vernichtender empirischer Belege immer noch angewandt wird« (ebd.). (Steffens und Höfer 2016, S. 113)

… aus PISA

• In countries, and in schools within countries, where more students repeat grades, overall results tend to be worse.
• In countries where more students repeat grades, socio-economic differences in performance tend to be wider, suggesting that people from lower socio-economic groups are more likely to be negatively affected by grade repetition. (OECD 2010, S. 15)

… von Klaus Klemm

Aber man muss nicht auf einen neuseeländischen Bildungsforscher zurückgreifen, um den Mythos des Sitzenbleibens zu entlarven. Auch die deutschen Wissenschaftler sind sich da einig, zum Beispiel meint Klaus Klemm, dass es keine individuelle Verbesserung und keinen Profit für die „Homogenisierten“ gibt:

Klassenwiederholungen führen weder bei den sitzengebliebenen Schülerinnen und Schülern zu einer Verbesserung ihrer kognitiven Entwicklung, noch profitieren die im ursprünglichen Klassenverband verbliebenen Schülerinnen und Schüler von diesem Instrument. Dies belegen alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien. Klassenwiederholungen sind daher als unwirksame Maßnahme in den deutschen Schulsystemen anzusehen. […] 

Die vorliegende Studie zeigt, dass in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 0,9 Milliarden Euro (931 Millionen Euro) für Klassenwiederholungen ausgegeben werden. (Klemm 2009, S. 5)

… vom Aktionsrat Bildung

Selbst der Aktionsrat Bildung fordert: Klassenwiederholungen vermeiden!

Zur Förderung leistungsschwacher Schüler gehört es, ihr weiteres Abdriften nach unten wirkungsvoll insbesondere dadurch zu unterbinden, dass Klassenwiederholungen vermieden werden und individuelle Förderung gewährleistet wird. (Blossfeld 2007, S. 146)

… vom Statistischen Bundesamt

Aus alledem zieht das Statistische Bundesamt folgende Schlüsse, die es den nüchternen Zahlen zur Seite stellt:

Klassenwiederholungen können die Motivation von Schülerinnen und Schülern positiv, aber auch negativ beeinflussen. Ungeachtet dessen führen Klassenwiederholungen zu erheblichen Mehraufwendungen im Bildungsbereich. Die Kosten vorbeugender Maßnahmen zur Vermeidung von Klassenwiederholungen gelten als wesentlich niedriger als diejenigen, die dadurch entstehen, dass Schülerinnen und Schüler ein weiteres Jahr zur Schule gehen. (S. 24)

Warum lässt man die Kinder trotzdem sitzen?

Ich schätze mal: pädagogische Folklore.

Literaturverzeichnis

Blossfeld, H.-P. (2007). Bildungsgerechtigkeit (Aktionsrat Bildung: Jahresgutachten, Bd. 2007, 1. Aufl). Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss.

Hattie, J. (2009). Visible learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London: Routledge.

Herrmann, U. (2009, Juni). Förderung und Selektion: Der Zielkonflikt der Schulpolitik und seine gesamtgesellschaftlichen Folgen, München.

Klemm, K. (2009). Klassenwiederholungen – teuer und unwirksam. Eine Studie zu den Ausgaben für Klassenwiederholungen in Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

OECD. (2010). PISA 2009 Results: Executive Summary.

Statistisches Bundesamt: Schulen auf einen Blick, Ausgabe 2018 https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Schulen/BroschuereSchulenBlick0110018189004.pdf?__blob=publicationFile

Steffens, U. & Höfer, D. (2016). Lernen nach Hattie. Wie gelingt guter Unterricht? (1. Auflage). Weinheim: Beltz, J.

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