Sichtweisen #59: Elternbeirat gegen Kultusminister

Es geht um Gemeinschaftsschulen in Sachsen Anhalt. Genauer: um die Frage, ob sie eine Sekundarstufe II (jenseits der 10. Klasse) aufbauen dürfen, auch wenn sie die ministeriellen Mindestschülerzahlen unterschreiten. Die betroffenen Schulen müssten ihre Sekundarstufe II dann zum Halbjahr auflösen und die SchülerInnen an die benachbarten Gymnasien schicken. 

Eine der betroffenen Gemeinschaftsschulen steht in Aschersleben. Der dortige Elternbeirat nimmt wie folgt Stellung zu der Absicht von Minister Tullner:

Leserbrief zum Beitrag vom 16.09.2019 Bildungsminister Tullner will die gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschule abschaffen

Sehr geehrte Damen und Herren.

Wir, der Schulelternrat der Gemeinschaftsschule Albert Schweitzer, möchten die  Äußerungen des Bildungsministers Tullner nicht einfach so im Raum stehen lassen und folgendes dazu bemerken:

Wir haben mit Empörung die Äußerungen des Herrn Tullner zur Kenntnis genommen. Als erstes stellen wir uns die Frage: Ist Herr Tullner als Bildungsminister nun für oder gegen gute Bildung? Bildung  sollte auf vielfältigen Wegen  den Schülern vermittelt werden. Dies hat Herr Tullner wohl völlig aus den Augen verloren.

Insbesondere die Äußerung, dass die Gemeinschaftsschulen ihm ein Dorn im Auge sind, hat uns doch sehr überrascht. Woher hat Herr Tullner seine Meinung zu den Gemeinschaftsschulen? Hat der doch von uns ausgesprochene Einladungen und somit die Möglichkeit sich eine auf Tatsachen beruhende Meinung zu bilden, ausgeschlagen bzw völlig ignoriert.

Wir hätten ihm gern unser Konzept vorgestellt.

Wir Eltern der Schüler der Gemeinschaftsschule Albert Schweitzer Aschersleben haben uns ganz gezielt für die Bildung unserer Kinder in dieser Schule entschieden. Genau das Konzept der Gemeinschaftsschule und somit die Möglichkeit in 13 Schuljahren das Abitur zu erreichen, hat uns so sehr zugesagt, dass wir unsere Kinder einzig und allein an dieser Schule unterrichten lassen wollten. Viele Eltern der Schüler der 11. Klassen mussten damals sogar einen Antrag beim Landesschulamt Magdeburg stellen, damit die Kinder an dieser Schule beschult werden können. Einen solchen Aufwand betreibt man nicht einfach so.

An dieser Schule herrscht kein Prestigedruck. Hier wird auf ein würdiges und respektvolles Miteinander Wert gelegt. Jeder Schüler wird mit seinen Eigenheiten akzeptiert und gefördert und gefordert. Hier wird nicht rücksichtlos der Schulstoff reingeprügelt nach dem Motto: Wer mitkommt hat Glück – wer nicht hat Pech.

Auch die Schulleiterin, Frau Jelitte, und auch ihre Kollegen der Schule hab unendlich viel Zeit, Herzblut und Mühe und Kraft in das Konzept und dessen Verwirklichung gesteckt. Und jetzt, wo etwas Ruhe einkehrt und die Schüler voller Optimismus ins neue Schuljahr starten, lässt Herr Tullner eine Bombe platzen und macht mit solchen Äußerungen in Zeitung und TV sämtliche Hoffnungen zu nichte. Er tritt mit solchen Worten die jahrelange Arbeit der Lehrer und der Schulleiterin mit Füßen. Es gibt nicht mehr viel Kollegen, die so wahnsinnig engagiert sind, wie die Kollegen unserer Gemeinschaftsschule. Leider wird dies hier nicht gewürdigt sondern herabgewürdigt.

Die Schule wird mit Anrufen besorgter Eltern bombardiert.

Nicht genug, dass Schüler direkt von anderen Gymnasien abgeworben werden – auch Rufmord und Boykott wird durch  Gymnasien praktiziert. Dies hatte auch zur Folge, dass Eltern Ihre Kinder von der Schule wieder abgemeldet haben. Und daher ist unter anderem auch in diesem Schuljahr die Mindestschülerzahl nicht erreicht worden. Nun bläst Herr Tullner auch noch in das Horn der Zweifler und äußert sich im TV auch noch so, dass er die Qualität der Bildung an den Gemeinschaftsschulen für fraglich hält. Wie bereits erwähnt – Einladungen zur Vorstellung des Konzeptes und des laufenden Unterrichtes hat er abgeschlagen. Uns drängt sich der Verdacht auf, dass Herr Tullner sich nicht durch Tatsachen überzeugen lassen will sondern lieber an seiner alten Meinung festhält. Ist doch auch viel bequemer so.

Kein Kind ist wie das andere. Unterschiedlich Kinder brauchen auch unterschiedliche Art und Weisen wie Bildung vermittelt werden kann. Das sollten wir nicht außer Acht lassen. Überall wird Vielfalt gewünscht und praktiziert. Und genau diese Vielfalt möchte Herr Tullner jetzt abschaffen und negieren.

Wir haben viele talentierte und interessierte Kinder, die genau diesen Weg des Abiturs gehen möchten und für die genau dieser Weg der richtige ist.

Es darf nicht nur eine gymnasiale Schulform geben. Es solle eine Auswahl der gymnasialen Schulform für alle Kinder geben. Auch wenn Herr Tullner an der Qualität zweifelt – jedes System hat eine Chance verdient und muss reifen. Und weil wir gerade bei Chancen sind – unter dem Aspekt der Chancengleichheit möchten wir anmerken, dass so einige Gymnasien seit Jahren in einigen Klassenstufen nicht die erforderliche Schülerzahl erreichen. Dort wird nicht diskutiert und angedroht die Klassenstufen zu schließen.

Eine weitere Frage möchten wir in den Raum werfen – darf Bildung sich „wirtschaftlich rechnen“? Eine Politik, die versucht die Bildung wirtschaftlich zu gestalten und ohne Rücksicht auf Verluste neues, gerade erschaffenes, wieder gnadenlos zu zerstören, denkt doch wohl sehr kurzfristig. Bildung ist wie jede andere Investition – sie zahlt sich erst nach Jahren aus.

Wir denken, dass Herr Tullner mit diesem Paukenschlag nur noch anderen Problemen ablenken möchte. Unsere Kinder aber zum Spielball der Politik zu machen ist mehr als schändlich.

Wir fordern hiermit Herrn Tullner auf, Stellung zu nehmen.

Und wir laden Ihn hiermit nochmals herzlich ein unsere Schule zu besuchen und sich davon zu überzeugen, mit welcher Motivation und Freude die Schüler hier in der 11. Klasse lernen und mit welcher Motivation die Lehrer hier den Schulstoff vermitteln.

Michaela Haas als Vertreterin und im Namen

des Schulelternrates der Gemeinschaftsschule Albert Schweitzer

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