Fail #38: Ausgebildet und abserviert

Es wird nicht besser: Jedes Jahr schließen zahlreiche Absolventen ihr Lehramtsstudium ab, hoffen auf eine Anstellung – und müssen feststellen, dass sie nicht gebraucht werden.

Ceterum censeo. Jedes Mal, wenn die Einstellungszahlen veröffentlicht werden, komme ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Hier nun mal eine zusammenfassende Betrachtungsweise: Ich habe die Einstellungszahlen der letzten vier Jahre in Diagramme umgewandelt, deren Säulen den Unterschied der Gesamtzahl an Absolventen (hell) und dem Anteil der Eingestellten (dunkel) verdeutlichen.

Einstellungen ins Gymnasium nach Prüfung

Gym-nachPrüfung

 

Einstellungen ins Gymnasium von der Warteliste

Gym-nachWarteliste

 

Einstellungen in die Realschule nach der Prüfung

RS-nachPrüfung

 

Einstellungen in die Realschule von der Warteliste

RS-vonWarteliste

Es wäre interessant, sich mal genauer anzusehen, worin im September 2016 die Gründe dafür lagen, dass alle Absoventen eingestellt wurden (dafür nur 4% von der Warteliste). Aber heute geht es mir mal um die schiere Menge.


Nicht gebrauchte RealschullehrerInnen: 6243

Nicht gebrauchte Gymnasiallehrkräfte: 10 228 (plus 1577 zum jeweiligen Halbjahr)

insgesamt: 18 048


Frustrierend, oder?

In dreieinhalb Jahren leistet es sich Bayern, über 18 000 Lehrer/innen auszubilden und dann ihrer Wege gehen zu lassen. 

In Handwerk und Industrie nennt man die nicht mehr zu verwendenden Materialreste „Ausschuss“. So dürften sich diese jungen Menschen auch fühlen.

Da stellen sich einige Fragen:

Brauchen wir die nicht?

jobless
Ausschnitt aus einem Titel des Economist

Das kommt darauf an, wie pädagogisch man denkt. Wenn es einem reicht, dass gerade in Realschulen und Gymnasien immer noch zahlreiche Klassen mit an die 30 SchülerInnen und einer Lehrkraft besetzt sind, dann sind diese JunglehrerInnen verzichtbar.

Wenn man allerdings auch nur ansatzweise in diesen Schularten so etwas wie Differenzierung oder individualisiertes Arbeiten haben will, dann würden die Überzähligen helfen, viele Potenziale zu entfalten. Was kein Luxusproblem ist, sondern für eine Nation, die im Wesentlichen nur die Ressource Bildung besitzt, eine Überlebensfrage.

Und was ist mit der Inklusion? Laut Schulgesetz sind alle Schulen in Bayern dazu verpflichtet, sich in Richtung Inklusion zu entwickeln. Die Erfahrungen vor Ort zeigen, dass dazu viel zu wenige PädagogInnen in den Klassen sind, so genannte „Profilschulen Inklusion“ eingeschlossen.

Ein anderer Aspekt, nein: eine allgemeine Erfahrung, ist der Umstand, dass das Verhältnis von Lehrer- und Schülerzahl auf Kante genäht ist. Es gibt mobile Reserven. Aber es gibt auch Krankheitswellen, Schwangerschaften und daraus resultierende Beschäftigungsverbote. An meiner Schule, nur ein Beispiel unter vielen, mussten wir zum Halbjahr fast durchgehend auf die Unterstützung durch mobile Reserven verzichten, was Mehrarbeit von KollegInnen zur Folge hatte und viele entfallene Unterrichtsstunden.

Was machen die?

Die überzähligen JungpädagogInnen kommen hoffentlich unter in anderen Bundesländern, denen es in Bezug auf schulische Fachkräfte wesentlich schlechter geht als Bayern und die nicht einmal die Grundversorgung stemmen können.

In Bayern gibt es die Möglichkeit der Zweitqualifikation (hier das KM-Merkblatt für die Grundschule und hier für die Mittelschule). Das bedeutet etwas überspitzt: Die gut ausgebildeten Realschul- und Gymnasiallehrkräfte qualifizieren sich durch Fortbildungen und Praxis im Verlauf von noch einmal zwei Jahren für den Einsatz an Grund- und Mittelschulen, um dann eine Gehaltsstufe niedriger eingestellt zu werden.

Leider habe ich keine Zahlen gefunden, sonst wäre es interessant zu wissen, wie viele der ausgebildeten Lehrkräfte dann in andere Berufe wechseln um überhaupt ein Einkommen zu haben.

Kann man da nichts machen?

Doch. Man (also die Entscheidungsträger) könnten den Abiturientinnen neben den traditionellen Ausbildungsgängen nach Schularten auch noch ein Studium für Stufenlehrkräfte anbieten. Dann können sie sich entscheiden, ob sie sich für Schularten oder für Altersgruppen qualifizieren lassen wollen. Letzteres wäre die sicherere Variante. Das geht aber nicht, weil: CSU.

In diesem Blog bereits erschienen:

Fail #35: 70 Prozent werden nicht gebraucht – oder doch?

Fail #26: Lehrerberuf als Notlösung?

Fail #21: Chance verpasst!

Fail #20: Lehrerarbeitslosigkeit

Fail #18: „Addition des Grauens“

Fail #17: In den Klauen des Schweinezyklus‘

Fail #13: Lehrermangel und kein Ende

 

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