Sichtweisen #56: Klimastreiks

So unterschiedlich können die Positionen sein:

Dafür

Die New Yorker Schulbehörde, die für mehr als 1700 öffentliche Schulen in der Ostküstenmetropole verantwortlich ist, twitterte am Donnerstag, sie werde „das Fehlen der Schüler, die am 20. September für das Klima streiken, entschuldigen“.

Dagegen

Ebenfalls am vergangenen Donnerstag schrieb der Bayerische Schulleitungsverband in seinem Newsletter 137:

Das Schuljahr 2018/2019 ist vorbei und es wird wohl als jenes Schuljahr in die deutsche Schulgeschichte eingehen, in denen das organisierte Schulschwänzen von zehntausenden Schülern von den Medien und von oberster Stelle der Politik für hoffähig erklärt wurde.

Piazolos Verlagerung der Entscheidungsbefugnis in Sachen Klimastreiks auf die Schulleiter kommt bei der Standesvertretung eben dieser nicht gut an. Sie hat tatsächlich so etwas wie Bitterkeit ausgelöst, wie sich aus den oben zitierten Formulierungen und den weiteren Ausführungen herauslesen lässt.

Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, dass es die besonders  verantwortungsbewussten Jugendlichen sind, die für das Klima demonstrieren statt im Unterricht zu lernen, wie die Zukunftsaufgaben technisch und gesellschaftlich zu lösen sind.

Der Gegensatz in der Satzkonstruktion wird wohl auch so in der Wirklichkeit wahrgenommen: Wer für das Klima streikt, sucht nicht nach technischen und gesellschaftlichen Lösungen für die Zukunftsaufgaben. Eine falsche Alternative, denn wer die Verlautbarungen der jungen Menschen von Fridays4Future liest, merkt, dass sie nach solchen Lösungen suchen; der wesentliche Unterschied liegt in der Dringlichkeit und Notwendigkeit des entschiedenen Handelns. Das treibt sie auf die Straßen.

Vereinzelt haben verantwortliche Leute in der Politik auch versucht klarzumachen, dass es so nicht weitergehen könne und nicht jeder Jugendliche mit einem moralischen Habitus als Weltretter es der guten Greta aus Schweden gleich machen und einfach ein Jahr für die gute Sache Pause machen und in der Weltgeschichte herumreisen kann.

Hier wird von oben herab formuliert. Das ist einer ernsthaften Auseinandersetzung unwürdig.

greta_davos
Foto: BR24

Ob die Schulleiter* und Schulverwaltungen das Problem im nächsten Schuljahr noch in den Griff kriegen können, darf hier bezweifelt werden. Wir vom BSV haben vom ersten Tag an auf die Einhaltung der Schulpflicht gepocht und auf ein Demonstrieren an schulfreien Zeiten, egal ob am Freitagnachmittag, an Samstagen oder noch besser in den Ferien, wo genügend Zeit ist für eine breite Mobilisation, …

??? Welcher Streik in welcher Branche wurde schon jemals in der arbeitsfreien Zeit durchgeführt? Ist es nicht das Wesen eines Streiks, dass er Sand ins Getriebe streut und den Normalbetrieb aufhält? Die Schüler/innen zwingen uns Schulleiter doch erst gerade dadurch zur vertieften Auseinandersetzung mit ihrem Anliegen.

Jetzt noch ein kleiner Nackenschlag für die Streikenden:

… wobei allerdings verständnisvoll Rücksicht auf geliebte Fernreisen und persönliche Befindlichkeiten bezüglich der eigenen Freizeit genommen werden müsste.

Als ob das für viele Teilnehmer nicht selbstverständlich wäre. Wenn mich SchülerInnen unserer Schule fragen, ob sie an einem Schülerstreik teilnehmen dürfen, dann ist das meine Gegenfrage: Spiegelt dein sonstiger Lebenswandel ein Interesse für den Klimaschutz? Falls ja, ist für mich eine Teilnahme in Ordnung. Ansonsten gilt für unsere Schule, was der BSV ganz richtig anmerkt:

Zum Glück sind von dem Problem Grund- und Mittelschulen so gut wie gar nicht betroffen, damit müssen sich wohl eher die Direktoren der Gymnasien auseinandersetzen.

Es folgt ein Zweifel an den Unterstützern:

Angeblich unterstützen nach vermeintlich seriösen Umfragen ja mehr als 50 % der Befragten das organisierte Freitagsschulschwänzen…

Sowohl das „Angeblich“ als auch das „vermeintlich“ bringen heftigste Zweifel zum Ausdruck. Dabei wäre es recht einfach gewesen, sich handfeste Zahlen zu verschaffen. In meinen Augen ist es maßgeblich, wenn Wissenschaftler in einer schier unglaublichen Zahl von 26 800 Unterzeichnern sich für die Klimastreiks aussprechen und insbesondere die auf uns zukommende Aktionswoche mit diesen Worten begrüßen:

Scientists for Future unterstützt die „Globale Aktionswoche gegen die Klimakrise“ vom 20. bis 27. September 2019. Die Fakten liegen auf dem Tisch, die Warnungen sind ausgesprochen. Jetzt ist es Zeit zu handeln!

no_planet-B

Und gleich noch ein BSV-Zweifel hinterher:

… und wenn selbst die Bildungsministerin dazu auffordert, auf Instrumente wie Bußgeld und Ordnungsmaßnahmen zur Durchsetzung der Schulpflicht bei medial geförderten „Klimastreiks“ zu verzichten, dann sind die Schulleiter* natürlich aufgeschmissen.

„Medial gefördert“? Das heißt, „die Medien“ schreiben und berichten mehr herbei als vorhanden wäre? Hier spricht sich Frust aus, nicht Wissen.

Wie sie den Spagat hinkriegen, wenn Schüler einzeln oder gruppenweise aus anderen guten Gründen, vielleicht sogar schul- und bildungsbezogen dem Unterricht fernbleiben, bleibt wie immer jedem selbst überlassen, großartige Freiheit! Was dem einen Recht ist, ist dem anderen bekanntlich billig!

Und jetzt kommt auch noch das Argument mit den „anderen guten Gründen“. Dieser Punkt wird immer etwas diffus in den Raum gestellt. Welche anderen guten Gründe und Ansätze für verbreitete Schülerstreiks gab es in der Geschichte der bayerischen Schulen bisher bereits? Nach Jahrzehnten im Schuldienst kann ich mich an keine erinnern. Nicht einmal die überstürzten Reformen R6 und G8 haben zu Streiks geführt, obwohl sie heftige Nachteile für große Gruppen mit sich brachten.

Und selbst wenn – es gibt für mich eindeutige Kriterien einen Schülerstreik zu befürworten oder abzulehnen. Ich hab das an anderer Stelle bereits erörtert (siehe unten), aber hier noch mal kurz zusammengefasst:

Existenzielles Anliegen

Der Klimaschutz ist ein Anliegen, das sich auf einer existenziellen Ebene abspielt; es ist von daher nicht zu vergleichen mit „anderen guten Gründen“ wie Raucherecke für 18-jährige Schüler/innen oder dem G8-G9-Streit. Ähnlich existenziell sehe ich den Schutz des Grundwassers und anderer natürlicher Lebensgrundlagen, deshalb würde ich einen Streik auch mit solchen Zielen unterstützen.

Bildungsziel der Bayerischen Verfassung

Eigentlich sollte man es als Pädagoge freudig zur Kenntnis nehmen, dass ein existenzielles Anliegen mit einem Bildungsziel der bayerischen Verfassung zusammentrifft:

(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.
(2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt.
(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen. (Artikel 131 BV, Hervorhebungen von mir)

Die jungen Menschen zeigen ihr Verantwortungsbewusstsein für die natürlichen Lebensgrundlagen gerade dadurch, dass sie uns ältere Generation an unsere Verantwortung erinnern. Die maßgeblichen Weichen für zu viel CO2 in der Atmosphäre, für zu viel Individualverkehr, für zu viel Plastik in den Ozeanen, für zu viel Nitrat im Grundwasser und für zu viel Gift auf den Äckern wurden doch von uns gestellt – als Bürger und Wähler sind wir mitverantwortlich für diese Entscheidungen! Und als Lehrerinnen und Lehrer müssen wir uns fragen, ob wir unserem Bildungsauftrag gerecht geworden sind, die uns anvertrauten Schüler/innen so zu erziehen und zu unterrichten, dass sie als spätere Erwachsene nachhaltige Lebens- und Wahlentscheidungen getroffen haben. Möglich, dass der BSV unterschwellig diese Verantwortung gar nicht annehmen möchte.

Weitere Beiträge zum Thema:

Initiative #32: Ein Bild mit Botschaft

Initiative #30: Educators For Future

Sichtweisen #48: „Gebt den Schülern Verweise!“

Sichtweisen #47: Gscheithaferl gegen Wissenschaftler

Sichtweisen #46: Vorsicht, wenn dich die Kanzlerin lobt!

Sichtweisen #45: „Streikt doch in eurer Freizeit!“

Sichtweisen #44: „Wohlwollen gegenüber Schulschwänzen – nicht mit uns!“

Sichtweisen #43: Schülerproteste als „hybride Kriegsführung“?!

Sichtweisen #42: Schülerstreiks – nichts begriffen!

Sichtweisen #40: Dürfen Schüler streiken?

Initiative #26: Ich will eure Hoffnung nicht!

Initiative #25: Am Freitag wird gestreikt

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