Faktencheck #56: Getrennte Schultypen und soziale Ungleichheit

Georges Felouzis und Samuel Charmillot von der Genfer Forschungsgruppe zur Bildungspolitik der Psychologischen und Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Genf haben PISA-Daten von 2003 und 2012 von Schweizer Kantonen analysiert und stellen einen Zusammenhang fest zwischen der Separation von Schularten und dem Erwerb von Kenntnissen.


Felouzis, G. & Charmillot, S. (April 2017). Schulische Ungleichheit in der Schweiz. Social Change in Switzerland (8). doi://​10.22019/​SC-​2017-​00002.


Drei Zitate und ein Diagramm

Getrennte Schulsysteme verstärken Ungleichheiten

Danach vergleichen wir zwei Formen, wie Schülerinnen und Schüler auf der Sekundarstufe I Leistungsklassen zugeteilt werden: einerseits solche, die gleichaltrige Schüler in mehreren, nach schulischem Niveau getrennten Schultypen unterrichten; andrerseits integrierte Systeme, die alle Leistungsniveaus in denselben Klassen einschulen. Dabei zeigt sich, dass getrennte Schulsysteme tendenziell Ungleichheiten im Erwerb von Kenntnissen zwischen den Schülern verstärken. Dies erklärt sich aus der Rolle der schulischen Segregation. Schultypen, die Schülerinnen und Schüler nach dem Niveau ihrer schulischen Leistungen in getrennten Schulen und Klassen unterrichten, separieren sie indirekt auch nach ihren sozialen Merkmalen. Das hat einen Einfluss darauf, welche Bildung Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen sozialen Milieus angeboten wird. (Felouzis und Charmillot 2017, S. 3; Hervorhebungen von mir)

Getrennte Systeme sind ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von sozialen Ungleichheiten

Alles weist somit darauf hin, dass die getrennten Schulsysteme dazu tendieren, die Ungleichheiten im Kompetenzerwerb zwischen Schülern am Ende der obligatorischen Schulzeit zu verstärken. Umgekehrt erzeugen die integrierten und gemischten Systeme weniger Lernungleichheiten. Es stellt sich somit die Frage, welche Mechanismen derartige Ungleichheiten im Kompetenzerwerb verursachen. Die internationale Forschungsliteratur betont, dass getrennte Schulsysteme ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von Ungleichheiten zwischen Schülern und Schülergruppen sind (Gamoran et al., 1995; Buchmann et al., 2016). Systeme, die Schüler am Ende der Primarstufe aufgrund ihres schulischen Niveaus trennen, segregieren sie damit auch nach ihren sozialen und kulturellen Merkmalen und nach ihrem Migrationshintergrund. Deshalb unterscheidet sich die Schülern aus unterschiedlichen sozialen Milieus angebotene Bildung qualitativ und quantitativ umso mehr, je stärker der Unterricht getrennt ist. (Felouzis und Charmillot 2017, S. 9; Hervorhebungen von mir)

Diagramm

Das Diagramm weist eine Korrelation auf zwischen der Stricktheit der Trennung von Sekundarschultypen (Rechtsachse) und der sozialen Ungleichheit im Kompetenzerwerb (Hochachse). Die Abkürzungen stehen für die untersuchten Kantone der Schweiz.

Segregation_Schweiz
Getrennte Schultypen und Ungleichheiten in den Kompetenzen (Felouzis und Charmillot 2017, S. 10)

Schlussfolgerungen zur familiären und wirtschaftlichen Nachfrage

Daraus ergibt sich, dass in Kantonen, welche sich für eine getrennte Organisation des Unterrichts auf Sekundarstuft I entscheiden, die in der Schule erworbenen Fähigkeiten am stärksten von der sozialen Herkunft der Schüler abhängen. Der Entscheid für eine durchlässigere Organisation – gemäss einem «integrierten» oder «gemischten» Modell – ermöglicht es umgekehrt besser, das Prinzip der Chancengerechtigkeit beim Kompetenzerwerb am Ende der obligatorischen Schulzeit zu verwirklichen. Heute entscheiden sich eine wachsende Anzahl Kantone für weniger segmentierte oder sogar gänzlich integrierte Schulsysteme. Dies geschieht auch unter dem Druck der Bildungsnachfrage der Familien und den Erwartungen der schweizerischen Wirtschaft, deren Bedürfnis nach qualifizierten Arbeitskräften stark zunimmt (SECO, 2016). (Felouzis und Charmillot 2017, S. 11; Hervorhebungen von mir)

Literatur

Felouzis, G. & Charmillot, S. (April 2017). Schulische Ungleichheit in der Schweiz. Social Change in Switzerland (8). doi://​10.22019/​SC-​2017-​00002.

Auf diesen Aufsatz hat mich Gerd Möller aufmerksam gemacht, der in diesem Blog bereits mehrfach erwähnt wurde, bzw. selbst zu Wort kam:

Gäste #5: Gabriele Bellenberg / Gerd Möller – Ungleiches ungleich behandeln!

Gast #25: Bildungsungerechtigkeit – eine Mär?

Faktencheck #41: Die Elementstudie revisited

Gast #9: Sortieren nach dem Aschenputtelprinzip und die Folgen

 

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