Sichtweisen #53: „Schwarzmalerei!“

„Schwarzmalerei“ nennt der bayerische Kultusminister Piazolo eine Prognose, die die Grünen zum zukünftigen Lehrerbedarf veröffentlicht haben. Da lohnt sich ein genauerer Blick.

Stimmen und Stimmungen

Die Grünen

Bleiben wir noch mal kurz auf der emotionalen Ebene. Die bayerischen Grünen sprechen von einem „düsteren Bild“ und einem „dramatischen Lehrkräftemangel“; das liest sich in einer PM so:

Der Lehrkräftemangel in Bayern ist hausgemacht. Die Stopp-und-Go-Personalpolitik der vergangenen Jahre der bayerischen Staatsregierung nach dem berüchtigtem Schweinezyklus rächt sich jetzt. Die Personaldecke an den bayerischen Schulen – besonders an den Grund- und Mittelschulen, auch an den Förderschulen – ist auf Kante genäht. Es kommt schon jetzt zu Unterrichtsausfällen und einer kontinuierlich hohen Arbeitsbelastung der Lehrkräfte. Viele Lehrerinnen und Lehrer überschreiten ihre Belastungsgrenze dauerhaft und werden krank.

Der BLLV

Mit dieser Darstellung bewegen sich die Grünen am unteren Rand einer Gefühlsskala. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband BLLV klettert da schon um einige Stufen höher:

„Die Hütte brennt“. Wir „rennen sehenden Auges weiter in eine Krise hinein“. Schulen würden „über Jahrzehnte geschwächt“ und es müsse „alles daran gesetzt werden, diese verheerende Entwicklung zu stoppen“.

Wie sieht das vor Ort aus?

Nehmen wir meine eigene Grund- und Mittelschule (400 SchülerInnen) als Beispiel: Im gerade beendeten Schuljahr hatten wir ungefähr 960 Lehrerstunden abzufangen, die durch Krankheit, Fortbildungen, Projekte oder ähnliches zustande kamen. Da mein zuständiges Schulamt es genau wissen wollte, habe ich nachgezählt: Nicht einmal ein Viertel dieser Vakanzen konnte durch mobile Reserven abgefangen werden. Das meiste trugen die KollegInnen durch Mehrarbeit oder Mitführungen (Zusammenlegung von zwei Klassen/Gruppen) mit. Aber ungefähr ein Fünftel aller zu vertretenden Stunden musste ersatzlos getrichen werden.

Mehrere Aufreger gab es dabei

Erstens haben sich einige KollegInnen bei mir beschwert, dass sie so viel vertreten mussten und mir zum Vergleich Gymnasiallehrkräfte vorgehalten, die ab einem gewissen Umfang ihre Überstunden bezahlt bekämen. Eine kurze Recherche bestätigte das, und der Sachverständige des BLLV erläuterte mir, dass bei Grund- und Mittelschulen die Mehrarbeit in der Regel durch Stundenausgleich abgegolten werden – das heißt nichts anderes, als dass die KollegInnen eine Stunde Mehrarbeit durch eine „abgehängte“ Stunde ausgleichen sollen, also eine Streichung.

Zweitens habe ich mich ständig beim Schulamt beschwert, warum wir keine mobilen Reserven mehr erhielten. Das erntete immer nur die lakonische Antwort, es gäbe eben keine Reserven mehr. Und weiter gedacht: Es seien keine Lehrkräfte mehr auf dem Markt.


Keine Lehrkräfte auf dem Markt? Aber Hunderte sind arbeitslos!


Das hatte bei mir den nächsten Aufreger zu Folge, denn natürlich gibt es massenhaft gut ausgebildete LehrerInnen: Von 626 jungen Gymnasiallehrerinnen wurden zum letzten Februar nur 177 fest übernommen (28%). Die Zahlen stammen aus dem Mitgliederbereich des BLLV. Bei der Realschule waren es 195 von 746 (26%) und 287 von 1246 Wartelisten-KandidatInnen, also 23 Prozent.

Es mag zwar inzwischen ermüdend wirken, aber ich kann nicht anders, als immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass hier der Stufenlehrer weiterhelfen würde. Ähnlich gehen das die Grünen an, wenn man sich insbesondere die folgenden Punkte 2 und 5 der oben verlinkten Pressemeldung ansieht:

6 Punkte gegen den Lehrkräftemangel an Grund- und Mittelschulen

  1. Erfolgsquote für Studierende im Lehramt verbessern 42 Prozent der Studienanfänger „gehen unterwegs verloren“. (Klemm-Gutachten) Die Gründe hierfür müssen analysiert werden und auf dieser Basis Möglichkeiten für eine Erhöhung der Erfolgsquote entwickelt werden. Unabdingbar ist eine gute Begleitung der Studierenden durch das gesamte Studium hinweg.

  2. Wechsel in Studium und Referendariat zu Lehramt Grund- und Mittelschule erleichtern Bis zum 1. Staatsexamen muss ein Wechsel zwischen den Lehramtsstudiengängen erleichtert werden, durch eine großzügigere Anerkennung von Studienleistungen und mit Angeboten Studienleistungen nachzuholen. Nach dem 1. Staatsexamen muss der Wechsel in das Referendariat Grund- oder Mittelschule von einem anderen Lehramtsstudiengang ermöglicht werden.

  3. Zweitqualifizierung dauerhaft gut ausstatten Viele Jahre noch werden Lehrkräfte anderer Schularten gut und zügig für Grund- und Mittelschulen „zweitqualifiziert“ werden. Dafür muss das System der Zweitqualifizierung dauerhaft mit guten Arbeitsbedingungen (Reduzierung der Unterrichtsstunden und Zeit für pädagogische Begleitung) für die jungen Lehrkräfte und einer entsprechenden Begleitung durch Seminare und Schulen ausgestattet werden.

  4. Mehr Studienplätze für Grundschullehramt an den Universitäten Die Ausbildungskapazitäten für die Lehrämter an Grund- und an Mittelschulen müssen in dem Umfang erhöht werden, der erforderlich sein wird, um den Bedarf in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre zu decken. Vorranging an oberbayerischen Hochschulen müssen mehr Grundschullehrkräfte ausgebildet werden, da dort aufgrund der Entwicklung der Schülerzahlen und der fehlenden Studienplätze schon seit Jahren Grundschullehrkräfte fehlen.

  5. Reform der Lehrkräfteausbildung Der starre Schulartbezug blockiert den flexiblen Einsatz der Lehrkräfte. Die einfache Formel „Lehramt gleich Schulart“ geht aber schon heute nicht mehr auf. Wir müssen die Lehrkräfteausbildung so zu reformieren, dass die Studierenden für mehrere Schularten qualifiziert werden. Das heißt: gemeinsames Grundstudium für alle Lehrämter und ein Lehramt Sekundarstufe I.

  6. Besoldung der Lehrkräfte an den Grund- und Mittelschulen verbessern Die unterschiedliche, schulformspezifische Besoldung der Lehrämter ist nicht nur historisch überholt. Wir setzen uns für ein Einstiegsgehalt für alle Lehrkräfte in der Gruppe A13 ein. Das ist eine Sache der Gerechtigkeit, steigert zudem die Attraktivität des Lehrberufs. Mittlerweile haben schon andere Bundesländer die Bezahlung nach A13 vorgenommen. In einem Stufenmodell kann das Einstiegsgehalt angehoben werden.

Das Klemm-Gutachten

Die Grünen beziehen sich in ihrer Pressemeldung auf ein Gutachten von Klaus Klemm. Und tatsächlich hat der ehemalige Professor der Erziehungswissenschaften, der bis Ende 2006 im wissenschaftlichen Beirat der PISA-Studien sowie bis 2008 im Beirat für die deutsche Bildungsberichterstattung saß, für die bayerischen Grünen ein Gutachten zum Lehrerbedarf erstellt, das hier nachgelesen werden kann.

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Links Klaus Klemm, Mitte Thomas Gehring, rechts Anna Toman Quelle: Bündnis 90/Die Grünen

Darauf bezieht sich also die Aussage des bayerischen Professors (!) Piazolo von der „Schwarzmalerei“. Was schließen wir aus dieser Begrifflichkeit?

Jeder, der schon einmal etwas aus der Feder von Klaus Klemm gelesen hat, kann sicher bestätigen, der er nicht nur solide, sondern auch transparent arbeitet. Im besagten Gutachten hat er seine Zahlengrundlagen und die Annahmen, auf denen seine Prognosen fußen, transparent gemacht und einsichtig begründet, zum Teil auch mit Aussagen der bayerischen Staatsregierung.

Diese schwergewichtige Arbeit versucht nun Piazolo rein auf der politischen Ebene – weil ja die Grünen damit argumentieren – von der Schulter zu schnipsen wie eine lästige Fliege. Das ist für mich die große Enttäuschung. Als Wissenschaftler, der er nun mal ist und als der er sich auf der Website seines Ministeriums freundlich grinsend vorstellt, hätte er die Verpflichtung, sich intensiv und sachlich argumentativ mit dem wissenschaftlichen Gutachten zu beschäftigen.

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Prof. Dr. Michael Piazolo Quelle: Pressebereich KM Bayern

In meinen Augen bietet Prof. Dr. Piazolo ein Beispiel dafür, wie ein wissenschaftlicher Geist durch politische Beschäftigung oder Zwänge in der Gefahr steht, korrumpiert zu werden. Ich hoffe, er kriegt noch die Kurve!

 

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