Faktencheck #54: Macht Musizieren Schüler besser?

Die Antwort lautet Ja. Aber man muss genauer hinschauen.

In einer Auswertung der Examensergebnisse von über 110 000 Schülerinnen und Schülern finden die Forscher der University of British Columbia einen Zusammenhang von der Teilnahme an Musikklassen und den Leistungen in Mathematik, Wissenschaften und Englisch.


Guhn, M., Emerson, S. d. & Gouzouasis, P. (2019). A population-level analysis of associations between school music participation and academic achievement. Journal of Educational Psychology, 1–21. Link zur Zusammenfassung / Link zum Artikel


Ich gebe erst mal die Ergebnisse in deutscher Paraphrase wieder, dann formuliere ich meine Skepsis und drucke am Ende des Beitrags noch die Pressemeldung der University of British Columbia ab.

Musikschüler sind in der Schule besser als die nichtmusikalischen Gleichaltrigen

Wenn Schulleiter und die Verwaltung mit knappen Budgets umgehen müssen, dann beschneiden sie als erstes oft den Musikunterricht, weil man gemeinhin annimmt, dass Schülerinnen und Schüler (SuS), die sich der Musik widmen, zu wenig Zeit auf Mathe, Sprache und die Wissenschaften verwenden und dann in diesen Fächern schlechter werden.

Professor Peter Gouzouasis sagt, dass die von ihm und KollegInnen durchgeführte Untersuchung beweise, dass das Gegenteil richtig sei: Je stärker die SuS sich beim Musizieren engagierten, desto besser würden sie in den Kernfächern. Die SuS, die von der Grundschule an ein Musikinstrument gespielt und dies in der High School weitergeführt hätten, zeigten nicht nur deutlich bessere Examensergebnisse, sondern seien den nicht musizierenden Mitschülern in Englisch, Mathematik und in den wissenschaftlichen Fächern um etwa ein Jahr voraus. Und das sei unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund, von ihrer Ethnie, von ihrem Geschecht oder von ihren vorherigen Kenntnissen in Mathe oder Englisch.

Die untersuchten Musikschüler wurden unterteilt in drei Gruppen: von solchen, die einen oder zwei Musikkurse belegten, über Teilnehmer an drei bis vier Kursen, bis hin zu solchen, die fünf oder mehr Kurse besuchten. Dazu muss man wissen, dass in British Columbia die SuS in der High School mindestens einen Kurs in arts oder in applied skills belegen müssen. Zu arts zählen Musik, Theater, Tanz, bildnerische Kunst; unter applied skills hat man sich business education und home economics vorzustellen.

Innerhalb der Musikkurse zeigte sich auch noch ein Unterschied zwischen Instrumentalunterricht (insgesamt wirksamer) und Gesangsunterricht, der nicht ganz so effektiv im Hinblick auf bessere Examensergebnisse auch in den anderen Fächern war.

Deutungsversuche durch die Autoren

Ein Instrument zu erlernen und dann auch in einem Ensemble zu spielen, sei sehr herausfordernd: Die SuS müssten lernen Noten zu lesen, ihre Augen und Hände zu koordinieren, genau hinzuhören, sich in ein Ensemble einzufügen und Selbstdisziplin zum Üben zu entwickeln. All dies spiele eine wichtige Rolle bei der Ausbildung von kognitiven Fähigkeiten, exekutiven Funktionen*, der Lernmotivation und der Selbstwirksamkeit.

*Unter exekutiven Funktionen verstehen die Forscher in dieser Studie: kognitive Fähigkeiten der Kontrolle und Regulierung von Verhalten und Gedanken.

Was die Forscher sich erhoffen

Sie hoffen, dass ihre Erkenntnisse allen möglichen Entscheidern und Eltern bekannt werden, so dass der Schwerpunkt des Unterrichtens in Zukunft weniger auf das Rechnen und Schreiben gelegt wird, dafür auch auf andere Lernfelder, besonders eben die Musik.

Sie fassen zusammen: Oft werde in Primar- und Sekundarschulen an den Ressourcen für Musikerziehung – gut ausgebildete und spezialisierte MusikpädagogInnen, Bands und Streichinstrumente – gekürzt, oder sie seien gleich überhaupt nicht vorhanden. Die Ironie liege darin, dass gerade Musikerziehung – also Jahre des qualitativ hochwertigen Instrumentalunterrichts, des Spielens in einer Band oder einem Orchester, oder des Singens in einem fortgeschrittenen Chor – ausgerechnet das Element sei, das die Schülerleistungen insgesamt verbessere und ein ganzheitliches Lernen ermögliche.

Kritischer Blick

Die Autoren der Studie schreiben Dinge, die man sich so auch gut und gern vorstellen kann: Musikunterricht macht den Menschen „rund“ und bringe ihn dadurch auch intellektuell weiter.

Sie vergleichen die Schülerleistungen von Musikern und Nichtmusikern vor Beginn der Musikkurse in der Highschool (7th grade) mit den Ergebnissen in der Abschlussprüfung und stellen fest, dass die Musiker besser abschneiden; und zwar auch dann, wenn diese Leistungsunterschiede vorher nicht vorhanden waren. Sie deuten das dann durch die musikbedingte Ausbildung bestimmter Fähigkeiten, wie oben beschrieben.

Klingt plausibel.

Aber tappen sie damit nicht in die Korrelationsfalle? Sie stellen eine Korrelation fest zwischen MusikschülerInnen und besseren Abschlüssen als bei Nichtmusikern. Dann suchen sie die Ursache in durch die Musik verursachten geistigen und motivationalen Prozessen.

Aber sind nicht auch andere Kausalitäten denkbar? Wie wäre es damit: Es sind bestimmte Menschen, die sich für das Spielen eines Instrumentes entscheiden. In diesen Menschen sind besondere geistige Prozesse angelegt, die weniger an Musik Interessierte nicht in gleicher Art oder in gleichem Ausmaß teilen. Diese Prozesse oder – man entschuldige den mechanistischen Ausdruck – Gehirnverdrahtungen wirken sich in den Highschool-Jahren so aus, dass die Leistungen quer durch alle Fächer besser werden.

Das ist nur eine von eventuell mehreren alternativen Betrachtungsweisen. Sie führt zu folgender Kritik an der Studie: Um die Ursache für verbesserte Examensleistungen gültig auf den Musikunterricht zurückführen zu können, hätte man Zufallsgruppen bilden müssen. Das war aber nicht der Ansatz der Studie. Dieser lag allem Anschein nach darin, das vorhandene Zahlenmaterial auf die Ausgangshypothese hin abfragen zu wollen. Dieses Vorgehen und die daraus gezogenen Schlüsse erscheinen mir fragwürdig.

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Quelle: Pixabay

Jetzt noch die Originalmeldung der University of British Columbia:

Music students do better in school than non-musical peers

High school students who take music courses score significantly better on math, science and English exams than their non-musical peers, according to a new study published in the Journal of Educational Psychology.

School administrators needing to trim budgets often look first to music courses, because the general belief is that students who devote time to music rather than math, science and English, will underperform in those disciplines.

“Our research proved this belief wrong and found the more the students engage with music, the better they do in those subjects,” said UBC education professor and the study’s principal investigator, Peter Gouzouasis. “The students who learned to play a musical instrument in elementary and continued playing in high school not only score significantly higher, but were about one academic year ahead of their non-music peers with regard to their English, mathematics and science skills, as measured by their exam grades, regardless of their socioeconomic background, ethnicity, prior learning in mathematics and English, and gender.”

Gouzouasis and his team examined data from all students in public schools in British Columbia who finished Grade 12 between 2012­ and 2015. The data sample, made up of more than 112,000 students, included those who completed at least one standardized exam for math, science and English, and for whom the researchers had appropriate demographic information—including gender, ethnicity, neighbourhood socioeconomic status, and prior learning in numeracy and literacy skills. Students who studied at least one instrumental music course in the regular curriculum counted as students taking music. Qualifying music courses are courses that require previous instrumental music experience and include concert band, conservatory piano, orchestra, jazz band, concert choir and vocal jazz.

The researchers found the predictive relationships between music education and academic achievement were more pronounced for those who took instrumental music rather than vocal music. The findings suggest skills learned in instrumental music transfer very broadly to the students’ learning in school.

“Learning to play a musical instrument and playing in an ensemble is very demanding,” said the study’s co-investigator Martin Guhn, an assistant professor in UBC’s school of population and public health. “A student has to learn to read music notation, develop eye-hand-mind coordination, develop keen listening skills, develop team skills for playing in an ensemble and develop discipline to practice. All those learning experiences, and more, play a role in enhancing the learner’s cognitive capacities, executive functions, motivation to learn in school, and self-efficacy.”

The researchers hope that their findings are brought to the attention of students, parents, teachers and administrative decision-makers in education, as many school districts over the years have emphasized numeracy and literacy at the cost of other areas of learning, particularly music.

“Often, resources for music education—including the hiring of trained, specialized music educators, and band and stringed instruments—are cut or not available in elementary and secondary schools so that they could focus on math, science and English,” said Gouzouasis. “The irony is that music education—multiple years of high-quality instrumental learning and playing in a band or orchestra or singing in a choir at an advanced level—can be the very thing that improves all-around academic achievement and an ideal way to have students learn more holistically in schools.”

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