People #16: „Du gehörst nicht aufs Gymnasium!“

Möglich, dass wir uns bereits zu sehr daran gewöhnt haben: dass junge Menschen an der Entfaltung ihrer Möglichkeiten gehindert werden, weil Lehrer sie falsch eingeschätzt haben. Man muss auf den Einzelfall sehen, um ermessen zu können, was das für den Jugendlichen bedeutet, zum Beispiel Nenad. Wenn man dies dann hochrechnet auf die große Zahl von falschen Laufbahnprognosen und -empfehlungen, dann gewinnt man ein Gefühl für die Dimensionen des Schadens, der nur manchmal auf Umwegen wieder gut gemacht werden kann. Dazu das folgende Exempel.

Fürs Gymnasium nicht gut genug

Natalya
Natalya (c) Inka Junge

Natalya Nepomnyashcha war nach ihrer eigenen Darstellung in ihrer Heimat Kiew eine Musterschülerin. Als sie mit 11 Jahren nach Deutschland kam, sprach sie kein Wort in der neuen Sprache, und der Aufbau des Schulunterrichts war ihr fremd.

Nach etwa eineinhalb Jahren in einer Übergangsklasse für neu zugewanderte Kinder in Augsburg wurden ihre Kenntnisse in Deutsch, Englisch und Mathe getestet. Sie war eingeschüchtert und aufgeregt. Wie sollte man als ein 12-jähriges Kind auch reagieren, wenn man weiß, von deinen Antworten wird womöglich deine Zukunft abhängen? “Festgestellt” haben die Prüfer jedenfalls, dass sie fürs Gymnasium nicht gut genug sei. Für eine Realschule würde es aber reichen. Und Empfehlungen sind in Bayern bindend.

Fünf Jahre später schloss sie tatsächlich eine Realschule in Augsburg ab, als Schulbeste. Ein Jahr vorher – mit einer Durchschnittsnote von 1,3 – hatte sie auf eigene Faust versucht, auf ein Augsburger Gymnasium zu wechseln. Dort hat ihr ein Mitarbeiter der Schulleitung lapidar ins Gesicht gesagt, sie würde da nicht hingehören. Ende der Durchsage.

Der Satz hat sich bei ihr eingebrannt. Genauso wie das Gefühl, in den Augen der Gesellschaft nicht gut genug zu sein. „So einfach kann das System Talente die bürokratische Kanalisation hinunterspülen“ (das ist ihre Ausdrucksweise). Doch sie  wollte kämpfen, um nicht zu ertrinken. Ein Hochschulabschluss war das Ziel.

Auf Umwegen ans Ziel

Mit 17 zog sie nach München und absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. 200 Euro BAföG erhielt sie damals und hat an den Abenden gearbeitet, um über die Runden zu kommen. Zwei Jahre nach diesem Abschluss machte sie noch einen, als staatlich anerkannte Übersetzerin. Mit diesem in der Tasche ging sie nach England und studierte Internationale Beziehungen im Master. 2012 kehrte ich mit einem Master-Abschluss nach Deutschland zurück. Sie beschreibt sich als „22 und voller Tatendrang“.

In Berlin angekommen, begab sie sich äußerst naiv auf Jobsuche. Ohne Kontakte, ohne tolle Praktika stößt man als Berufseinsteiger auf verschlossene Türen. Hinzu kommt, dass gerade Menschen aus prekären Verhältnissen sich oft nicht gut verkaufen können. 80 Bewerbungen waren es, bis sie ihren ersten Job hatte. Peu a peu hat sie ein Netzwerk aufgebaut, auf den zweiten Job folgte der dritte. Und so berichtet sie weiter:

Doch es war ein verdammt harter Kampf. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, ist eine weit verbreitete Krankheit unserer Zeit. An ihr kann man zerbrechen, auch wenn man Talent und Potenzial hat. Dürfen wir es zulassen, dass uns Potenziale verloren gehen, weil wir Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einreden, sie seien nicht gut genug, anstatt sie bestmöglich zu fördern?

Ja, ich habe es geschafft. Obwohl meine Eltern nach wie vor kaum Deutsch sprechen und von Hartz IV leben. Obwohl mir so oft auf meinem Weg gesagt wurde, ich sei nicht gut genug. Doch ich möchte nicht, dass nur die allerstärksten Kinder und Jugendlichen aus prekären Verhältnissen ihren Weg machen können.

Ich wünsche mir ein Deutschland, in dem jedes Kind die für ihn notwendige individuelle Förderung erfährt und die eigenen Potenziale entfalten kann; in dem man genug Lehrkräfte und Betreuer hat, die Kinder ermutigen, die Talente in sich selbst zu suchen.

Natalya Copyright Inka Junge 1
Natalya (c) Inka Junge

Ihre persönliche Bilanz

Auf auf der Website von Focus berichtet sie:

„Es ist wichtig, Kinder und junge Menschen als Individuen zu betrachten und sie individuell da zu fördern, wo sie jeweils Nachholbedarf haben und wo ihre besonderen Stärken liegen“, sagt Nepomnyashcha. Konzepte, die es bereits gebe, müssten dafür umgesetzt werden. „Der Kernpunkt ist natürlich, dass wesentlich mehr pädagogisches und beratendes Personal eingestellt werden muss. Zum anderen gehen uns immer da Talente verloren, wo wir ihnen Barrieren in den Weg stellen“, sagt sie dem „Handelsblatt“ weiter.

Vor allem das mehrgliedrige Schulsystem sei eine solche Barriere. „Wir brauchen Schulen, an denen jeder bis zum Abitur bleiben kann, sofern er oder sie das wünscht und die Leistungen dafür erbringt. Um ein Totschlagargument hier vorwegzunehmen: Es geht uns hier keinesfalls darum, dass jeder studiert. Es darf nur nicht von der Herkunft abhängen, ob man es schafft oder nicht. Und das ist heutzutage leider zu oft der Fall.“ [Hervorhebung von mir]

Natalya hat das Netzwerk Chancen gegründet.

Logo Netzwerk Chancen

Hier kann man mehr über fehlerhafte Prognosen und systematische Benachteiligungen lesen:

Es ist eine ganze Menge, was sich allein hier in diesem Blog angesammelt hat…

Fail #10: Noten und Laufbahnempfehlungen

Fail #14: Migrantenkinder werden benachteiligt

Fail #22: Jugendliche Flüchtlinge – die Bildungsverlierer von morgen?

Fail #28: Weitere Steine im Weg für jugendliche Flüchtlinge

Fail #29: Max und Murat, diese beiden…

Fail #30: Neues zu Max und Murat

Faktencheck #5: Diagnosekompetenz von Lehrkräften

Faktencheck #6: Segregation in der Bildung

Faktencheck #10: Soziale Kluft

Faktencheck #16: Gymnasialempfehlungen der Lehrer hängen ab vom Einkommen der Eltern

Faktencheck #21: Soziale Schlagseite bei den Noten

Faktencheck #24: FA(IR)BULOUS

Faktencheck #30: Kinderarmut verhindert Bildungschancen

Faktencheck #36: Herkunft entscheidet über Zukunft

Faktencheck #39: Wer in der Schule gut sein darf und wer nicht

Faktencheck #51: Herkunft ist entscheidender als Leistung

 

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