Argumente #24: Preiswürdig

Deutscher SchulpreisAusgezeichnete Schule! Wer dieses Etikett erhält, kann sagen, dass er was richtig gemacht hat. Dabei darf man sicher keine Einzelnen hervorheben, sondern muss eine ganze Schulgemeinschaft sehen, die sich um guten Unterricht bemüht. Werfen wir einen Blick auf die diesjährigen Preisträger des Deutschen Schulpreises, dann stellen wir fest, dass das gemeinsame Lernen kein Hindernis für erfolgreiches Lernen ist.

Hauptpreisträger – Gebrüder-Grimm-Schule, Hamm

Eine Grundschule in NRW mit 225 Schüler/innen in 8 Klassen (Website).

Aus der Laudatio:

„Lachen – Leisten – Lesen“ ist der Anspruch im gemeinsamen Bildungs-, Unterrichts- und Lernverständnis der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm: Sie stehen für Emotionalität, Intelligenz und erschließendes Verstehen, die den Schulalltag durchdringen. In diesem Motto spiegelt sich die pädagogische Haltung des Kollegiums.

Im „Lernkaleidoskop“ arbeiten die Kinder nach eigenem Tempo, Anspruch und Lernplänen an Körper & Bewegung – Musik – Logik & Mathematik – Sehen & Raumdenken – Kunst – Sprache – Theater – Naturerkenntnissen – PC – Sachunterricht – Bauen – Spielen – Werken. In mehrwöchigen Epochen übernehmen sie eigenständig Verantwortung für Themen ihrer Wahl und das termingerechte Abarbeiten von Aufgaben sowie deren Gelingen.

Präzise ritualisierte Abläufe in klarer Rhythmisierung und die zugewandte Pädagogik in anregend strukturierten Räumen leiten die Schülerinnen und Schüler vom „Morgentanz“ im Schulfoyer bis in die „Nacharbeitsstunde“ zur Erledigung offener Dinge.

Tägliche Pausenbesprechungen trainieren soziale Kompetenzen und Lösungsorientierung, um das Bewusstsein für respektvolles Handeln zu fördern. Die im Schulhaus aufgestellten Ständer „Nimm ein Kompliment und verschenke es“ enthalten Motivationskärtchen, um positives Feedback zu schulen. „Lobbriefe“ ergänzen das Konzept einer wertschätzenden Kultur der Würdigung für außerordentliche Leistungen.

Verantwortung und Wertschätzung jedes Einzelnen zeigen sich als Maxime im respektvollen Umgang der Schulgemeinschaft, die monatlich zum „Treffpunkt Grimm“ zusammenkommt, um die gemeinsamen Leistungen zu würdigen und Vielfalt und Inklusion zu zelebrieren.

Preisträger – Alemannenschule Wutöschingen

Eine Gemeinschaftsschule in BW mit 644 Schüler/innen in 28 Klassen (Website).

Aus der Laudatio:

Zukunftsblicke – Noch vor wenigen Jahren war die einzige weiterführende Schule in Wutöschingen, einem kleinen Ort unweit der Schweizer Grenze, von der Schließung bedroht, inzwischen lernen dort 650 Kinder und Jugendliche. Der Aufbau einer eigenen Oberstufe steht kurz bevor.

Die nüchterne Erkenntnis, dass dieser Ort ohne ein weiterführendes Bildungsangebot keine Zukunft haben würde, löste eine bemerkenswerte Allianz von Gemeindepolitik und Pädagogik aus, in der nahezu alle vertrauten Vorstellungen von schulischem Lernen zunächst einmal angezweifelt, dann auf den Kopf gestellt und schließlich neu justiert wurden.

Wände wurden herausgerissen, die passende Raumatmosphäre zur Unterstützung des Lernens in unterschiedlichen Sozialformen geschaffen, gleichzeitig die Jahrgangsklassen durch altersgemischte Lerngemeinschaften ersetzt und die Arbeitsbeziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen neu definiert. Parallel entstand im Verbund mit anderen Schulen eine digitale Lernumgebung, auf der in einem fortlaufenden Prozess die Bildungsinhalte vieler Fächer zum selbstständigen Lernen bereitgestellt und die Kommunikationswege verlässlich abgebildet werden.

Überzeugende Rituale und Verabredungen ersetzen an dieser Schule viele Mauern und Klassenstundenpläne. Weitgehend selbstbestimmt wechseln die Kinder und Jugendlichen von individueller Arbeit im Lernatelier zu lebhaftem Austausch auf dem Marktplatz, von medial gestützter Gruppeninstruktion zu persönlichen Beratungsgesprächen und forschendem Lernen an besonderen Orten.

Die Gemeinde nimmt großen Anteil an der Entwicklung ihrer Schule und unterstützt, wo immer es ihr möglich ist. Innerhalb weniger Jahre ist in Wutöschingen ein öffentlich wahrnehmbarer Lernraum entstanden, in dem sich aus-gezeichnet beobachten lässt, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihrem gemeinsamen Lernen auf die Spur kommen und sich dabei ohne Angst auf eine ungewisse Zukunft einlassen.

Preisträger – Deutsche Schule „Mariscal Braun“ La Paz, Bolivien

Eine große deutsche Auslandsschule mit 1118 Schüler/innen in 60 Klassen (Website).

Aus der Laudatio:

Fast 90 Prozent der 1.200 Kinder und Jugendlichen hier kommen aus bolivianischen Familien, die kaum etwas oder gar nichts mit Deutschland verbindet. Am Anfang! Denn vom immersiven Kindergarten bis zum Abitur wachsen die Schülerinnen und Schüler immer stärker und begeisterter in die deutsche Sprache und Kultur hinein. Jedes Jahr legen etwa 30 – 40 von ihnen sehr erfolgreich das deutsche Abitur ab. Notenschnitt zuletzt 2,16!

Damit dieses „Lernwunder“ möglich wird, sorgen die Schulleitung sowie gut ausgebildete Ortslehrkräfte und Lehrkräfte aus Deutschland für permanente Schul- und Unterrichtsentwicklung. Ein gutes „On-Boarding“ der Neuen und digitales Wissensmanagement, das von allen Lehrkräften täglich genutzt wird, sind nur einige Kennzeichen des hoch engagierten Kollegiums.

Es geht aber nicht nur um die fachlichen Leistungen. In einem heiklen gesellschafts-politischen Umfeld schwimmt man am Colegio Alemán oft bewusst gegen den Strom, z.B. mit Projekten gegen die „Vermüllung“ der Stadt und für eine demokratische Debatten-Kultur. Die Beschulung von Kindern mit Autismus oder Down-Syndrom gleicht einem Tabubruch. Diese Kinder werden in der Gesellschaft üblicherweise eher „versteckt“. Ihr aktuelles, von der Schülerschaft bestimmtes, Jahresmotto „Wir sind gleich und doch verschieden“ nehmen am Colegio Alemán alle ernst.

Preisträger – GGS Kettelerschule, Bonn

Eine inklusive Grundschule in NRW mit 225 Schüler/innen in 9 Klassen (Website).

Aus der Laudatio

„Die Kettelerschule nimmt einen so, wie man ist. Das ist eine Schule ohne Rassismus.“ So charakterisieren die Schülerinnen und Schüler ihre Schule und treffen damit auch den Eindruck des begeisterten Schulbesuchsteams.

„Es ist normal, verschieden zu sein“, das zeigt sich in der Willkommenskultur, die sich als gelebte Atmosphäre des gegenseitigen Respekts, der Akzeptanz und Freundlichkeit erschließt. Dieser Preis ist wahrhaft verdient für ein gemeinsames Lernen und Leben in jahrgangsgemischt organisierten Lernfamilien in einer Vielfalt, die ihresgleichen sucht.

Jede Schülerin und jeder Schüler wird in ihrer bzw. seiner Individualität gesehen und gefördert. Eine sehr ausdifferenzierte diagnosebasierte Förderpraxis ist zu erleben. Die Beziehung zu den Lehrkräften ist äußerst freundlich und vertrauensvoll.  Multiprofessionelle Teams arbeiten hervorragend zusammen.

Die Eltern schätzen die achtsame Beziehungskultur und den Unterricht, der alle Kinder mitnimmt und sie ermutigt, Stärken zu entfalten. Die außerschulischen Partner befürworten das inklusive Schulprofil und bringen sich engagiert ein. Das besondere monatliche Event, das „Monatstreffen“ der Schulfamilie im Forum, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und hebt besondere Gruppenleistungen hervor.

Die Schulleitung agiert professionell und sorgt für effektive Organisations- und Kommunikationsstrukturen, gemeinsames Handeln und offenen Austausch. Vielfalt ist Programm! Schauen Sie sich diese beeindruckende Schule an!

Preisträger – Kurfürst-Moritz-Schule, Moritzburg

Eine integrative Oberschule in Sachsen mit 493 Schüler/innen in 18 Klassen (Website).

Aus der Laudatio

An der Kurfürst Moritz Schule gewinnt man nicht erst beim Besuch der Band- und Tanzprofilklassen den Eindruck, man befinde sich an einer Akademie für Musik, Tanz und Theater. Dass es hier 22 Bands gibt, jede und jeder ein Instrument spielt, jährlich zwei Musicals und ein Historienspiel aufgeführt werden und in die alljährliche Rock Challenge 300 Schülerinnen und Schülerinvolviert sind – 100 davon auf der Bühne, die anderen in den Bereichen Bühnenbild, Technik und Kostüme – ist hier überall spürbar.

Doch das erklärt nur zum Teil die Exzellenz im musischen Bereich, die große sachsenweite Magnetkraft und den großen pädagogischen Erfolg dieser Schule, die einst kurz vor der Schließung stand. Denn nicht nur dort spielen an dieser Oberschule die Förderung individueller Lernpotenziale und Interessen, das selbstorganisierte Lernen und die Ermöglichung individueller Erfolg eine zentrale Rolle. Auch der Unterricht orientiert sich an dem Prinzip, dass möglichst jeder und jede jederzeit teilhaben und teilnehmen kann.

An dem Anspruch „Schulerfolg für alle“ durch einen handlungsorientierten,  aktivierenden, differenzierenden und an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientierten inklusiven Unterricht zu erzielen, arbeitet sich das Kollegium der Kurfürst–Moritz-Schule systematisch und – gemessen an den Schulabschlüssen und Auszeichnungen – mit großem Erfolg ab.

Für die Nachbarschaft der Schule ist klar: An der Kurfürst Moritz Schule sitzen „Digitalisierungs-Profis“. Digitale Medien werden hier sinnvoll in den Unterricht und die Organisation der Schule integriert. Hinter dem scheinbar Selbstverständlichen steckt jahrelange konsequente Schulentwicklungsarbeit und der Mut, sich mit etwas zu profilieren, das man besonders gut kann.

Preisträger – Schiller-Schule, Bochum

Ein Gymnasium in NRW mit 918 Schüler/innen in 22 Klasse (Website).

Aus der Laudatio

Wenn Eltern erklären, sie engagieren sich deshalb für das Schulleben, weil ihre Kinder so unglaublich aktiv seien, dann spricht das Bände über die Atmosphäre an der Schiller-Schule in Bochum. Getreu dem Grundsatz „Sog statt Druck“ wird hier Leistungsbereitschaft auf allen Ebenen erzeugt.

Umgesetzt wird dies durch eine Lehr- und Lernkultur, die sich an den individuellen Ressourcen der einzelnen Schülerinnen und Schüler orientiert. Konsequent wird das Schulprofil so ausgestaltet, dass sowohl dem individuellen Unterstützungsbedarf, als auch der Förderung von besonderen Begabungen Rechnung getragen wird.

Man muss kein Nerd sein, um auf das „Schiller“ zu gehen, aber ist man im N.E.R.D.S-Projektkurs gelandet, dann bekommt man einen Eindruck davon, wie wissenschaftliches Arbeiten schon in der Schule angebahnt wird und es entstehen faszinierende Dinge wie z.B. eine Bionik-Roboterhand.

Was die Schiller-Schule allerdings zu einem ganz besonderen schulischen Ort macht, ist die mit Leben erfüllte demokratische Kultur der Schule. Das Schülerparlament ist das Herzstück einer demokratisch verfassten Schulgemeinschaft. Schüler gestalten hier selbstbewusst und selbstverständlich ihre Schule mit und fühlen sich in ihrer Handlungskompetenz gestärkt. „Wir lernen hier eine Haltung zu haben, das ist das Wichtigste überhaupt im Leben“ – dieses Schülerzitat ist ein klarer Beleg dafür, welch herausragende Rolle die Demokratieerziehung an der Schiller-Schule spielt. Demokratie funktioniert!

Man kann der Schiller-Schule im hundertsten Jubiläumsjahr zur verdienten Auszeichnung im Rahmen des Deutschen Schulpreises herzlich gratulieren und der Schulgemeinschaft noch viele weitere „schillernde“ Momente wünschen.

Qualitätsbereiche des Deutschen Schulpreises

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Quelle: Pixabay

Um zu verstehen, was bei diesem Wettbewerb überhaupt gewürdigt wird, hier noch die sechs Qualitätsbereiche, in denen Überdurchschnittliches geleistet werden muss, um in die engere Wahl zu kommen:

Umgang mit Vielfalt

Schulen, die Mittel und Wege gefunden haben, um produktiv mit den unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, Interessen und Leistungsmöglichkeiten, mit kultureller und nationaler Herkunft, dem Bildungshintergrund der Familien und dem Geschlecht ihrer Schülerinnen und Schüler umzugehen; Schulen, die wirksam zum Ausgleich von Benachteiligungen beitragen; Schulen, die das individuelle Lernen planvoll und kontinuierlich fördern.

Verantwortung

Schulen, in denen achtungsvoller Umgang miteinander, gewaltfreie Konfliktlösung und der sorgsame Umgang mit Sachen nicht nur postuliert, sondern gemeinsam vertreten und im Alltag verwirklicht werden; Schulen, die Mitwirkung und demokratisches Engagement, Eigeninitiative und Gemeinsinn im Unterricht, in der Schule und über die Schule hinaus tatsächlich fördern und umsetzen.

Leistung

Schulen, die gemessen an ihrer Ausgangslage besondere Schülerleistungen in den Kernfächern (Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaften), im künstlerischen Bereich (z. B. Theater, Kunst, Musik oder Tanz), im Sport oder in anderen wichtigen Bereichen (z.B. Projektarbeit, Wettbewerbe) erzielen.

Unterrichtsqualität

Schulen, die dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler ihr Lernen selbst in die Hand nehmen; Schulen, die ein verständnisintensives und praxisorientiertes Lernen auch an außerschulischen Lernorten ermöglichen; Schulen, die den Unterricht und die Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern mit Hilfe neuer Erkenntnisse kontinuierlich verbessern.

Schule als lernende Institution

Schulen, die neue und ergebnisorientierte Formen der Zusammenarbeit des Kollegiums, der Führung und des demokratischen Managements praktizieren und die Motivation und Professionalität ihrer Lehrkräfte planvoll fördern; Schulen, die in der Bewältigung von administrativen Vorgaben, der kreativen Anpassung des Lehrplans, der Organisation und Evaluation des Schulgeschehens und der schulischen Ergebnisse eigene Aufgaben für sich erkennen, die sie selbständig und nachhaltig bearbeiten.

Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner

Schulen mit einem guten Klima und einem anregungsreichen Schulleben; Schulen, in die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern gern gehen; Schulen, die pädagogisch fruchtbare Beziehungen zu außerschulischen Personen und Institutionen sowie zur Öffentlichkeit pflegen.

Sehr subjektives Fazit

Nach meinem Eindruck befinden wir uns mitten in einem breiten pädagogischen Prozess, in welchem die Ideologie der Zwangs-Homogenisierung von Schülergruppen nach und nach abgelöst wird durch die Einsicht, dass Heterogenität nicht nur natürlich vorgegeben und unvermeidbar ist, sondern auch methodisch und pädagogisch handhabbar.

Ich bin so verwegen zu behaupten, dass dieses – man entschuldige den Modebegriff – „Narrativ“ insgesamt auch fruchtbarer für das Lernen und für das weitere Leben der Heranwachsenden in einer eben auch heterogenen Gesellschaft ist; dass es also auf lange Sicht dem Zusammenhalt der unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Gruppen mehr dient, als die traditionellen Stratifikationen angeblich nach Leistung, doch effektiv nach Herkunft, wie denn schon John Hattie feststellte:

… the use of tracking may serve to increase divisions along class, race, and ethnic lines…

If tracking is bad policy, society’s elites are irrationally reserving it for their own children…

Students of average ability from advantaged families are more likely to be assigned to higher tracks because of actions by their parents, who are often effective managers of their children’s schooling… (Hattie 2009, S. 91)

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