Sichtweisen #51: „kindgerecht“ oder mehr als „fragwürdig“?

Während der bayerische Kultusminister Piazolo erklärt: „In Bayern setzen wir auf einen kind- und begabungsgerechten Übertritt“, kritisiert die Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverbands (BLLV) Simone Fleischmann: „Was wir mit zehnjährigen Mädchen und Jungen an unseren Grundschulen anstellen, ist nicht nur fragwürdig, es wird Kindern in keiner Weise gerecht.“

Das stellen wir uns jetzt mal wie einen Boxkampf vor: In der blauen Ecke der Champion

StM Michael Piazolo
Foto: Bayerisches Kultusministerium

der Staatsregierung Professor (Rechts- und Politikwissenschaft) Michael Piazolo von den Freien Wählern. Seit runden 60 Jahren ist er der erste Kultusminister, der nicht aus den Reihen der CSU kommt.

Fleischmann
Foto: BLLV

Rote Ecke: Simone Fleischmann, jahrelang Rektorin einer Grund- und Mittelschule mit etwas über 300 SchülerInnen in Bayern. Seit 2015 ist sie (die erste weibliche) Präsidentin des BLLV.

Gong zur 1. Runde: Erfahrung

Herr Piazolo ist als Abgeordneter des Bayerischen Landtags auch zeitweise Mitglied im Bildungsausschuss gewesen und hat dort Probleme der bayerischen Schulen kennengelernt. Er ist mit Sicherheit auf diesem Gebiet theoretisch und politisch bewandert.

Frau Fleischmann hat die Verhältnisse an bayerischen Schulen am eigenen Leib erfahren, zunächst mal nur in dem schmalen Ausschnitt ihrer eigenen Schule; dann aber auch bald über die Arbeit im BLLV mit dem Schwerpunkt Berufswissenschaft.

Als bayerischer Rektor bin ich ganz gewiss hier kein objektiver Ringrichter, aber diese Behauptung dürfte nicht allzu vermessen sein: Während Frau Fleischmann zahlreiche Einzelschicksale kennt, über die sie authentisch redet, und einen guten Überblick über die bayerische Schullandschaft hat, kennt diese der Kultusminister nur aus seiner hohen Warte. Von daher ist es zwangläufig etwas zahlengebunden und theoretisch, was er zu vermelden hat. Das wird gleich nachgewiesen. Runde 1 geht an Frau Fleischmann.

Gong zur 2. Runde: Theorie

So beschreibt der BLLV Frau Fleischmanns Theoriearbeiten:

  • Die Grundschulaktion „Unsere Kleinen ganz GROSS“
  • Die Lehrer-Umfrage „Eigentlich wollte ich…“
  • Der LehrplanPLUS Was braucht Schule eigentlich?
  • Die Mittelschulwerkstatt Die Mittelschule ernst nehmen
  • Lernen im 21. Jahrhundert: So stellen wir uns Lernen vor: Kompetenzorientiert, konstruktiv, individuell, motivierend, kommunikativ, verständnisintensiv
  • Verständnisintensives Lernen (ViL): Wir machen uns auf den Weg in Bayern
  • „Kontrovers“ und „Pädagogik trifft Politik“: Moderne BLLV-Politik
  • Praxishefte (Domino Verlag): Grundlagen und Tipps für den Alltag Umgang mit Heterogenität, Medien, Körpersprache, Lernen, Bewegung…
  • Lehrerbildung 2020: Die Reform der Lehrerbildung: Gleichwertig, eigenständig, vernetzt und berufsfeldorientiert

Man darf davon ausgehen, dass Simone Fleischmann ihre eigenen Erfahrungen in der Unterrichts- und Schulleitungspraxis gründlich durchdacht und theoretisch aufgearbeitet hat.

Demgegenüber steht die jahrelange Erfahrung Piazolos im bayerischen Landtag und als Generalsekretär der Freien Wähler. Man darf davon ausgehen, dass er seine politischen Erfahrungen theoretisch gründlichst aufgearbeitet hat.

Auf dem Feld der allgemeinen Politik zeigt sich der Kultusminister überlegen. Was allerdings die konkrete Schulpolitik betrifft, darf man der Verbandspräsidentin ein Theorieplus zugestehen. Aus meiner ganz subjektiven Sicht würde auch diese Runde an Simone Fleischmann gehen. Heißt übersetzt: Ich traue ihr zu, sachnäher über den Übertritt zu reden als der Kultusminister.

Jetzt lassen wir mal die Boxerei und schauen, mit welchen Argumenten die beiden Kontrahenten überhaupt arbeiten.

Argumente Simone Fleischmann

„Was wir mit zehnjährigen Mädchen und Jungen an unseren Grundschulen anstellen, ist nicht nur fragwürdig, es wird Kindern in keiner Weise gerecht.“

Der Hintergrund:

Wer ein Gymnasium besuchen will – und das wollen die meisten – braucht einen Schnitt von mindestens 2,33 in den drei Hauptfächern Mathematik, Deutsch, Heimat- und Sachkunde. Damit dieser Schnitt ermittelt werden kann, müssen die Kinder zwischen Weihnachten und April ca. 20 Prüfungen absolvieren.

„Dieser Marathon überfordert viele Kinder.“

Es sei nicht mehr tragbar, dass sich jedes Schuljahr die gleichen Szenen abspielten und der Leidensdruck, dem Kinder, Eltern und Lehrkräfte ausgesetzt seien, nicht endlich abgestellt werde. Kinder würden unter einem schier unerträglichen Druck stehen, was absolut kontraproduktiv sei.[…]

Der Blick aufs Kind und seine Bedürfnisse sollte Grundlage für eine Entscheidung über seine Bildungsbiografie sein, nicht die Auslese nach Noten. „Noten messen Kompetenzen nur bedingt – sie lösen zudem Druck und Angst aus.“

Freilich gebe es Kinder, die in den vierten Grundschuljahrgangsstufen durchmarschierten.

„Es gibt aber auch die anderen, die das nicht können“, betonte die BLLV-Präsidentin: „Kinder, die nachts nicht mehr schlafen können, die von Ängsten geplagt sind, Kinder, die krank werden, die ihre Motivation verlieren.“

Auch für die Lehrkräfte seien vierte Grundschulklassen eine extreme Herausforderung.

„Viele halten dem Druck, der in dieser Zeit auch von vielen Eltern ausgeübt wird, kaum noch stand.“ Jedenfalls sei es eine Tatsache, dass viele Lehrkräfte die Klassenleitung dritter und vierter Grundschuljahrgänge ablehnten.

Dies sind die Erfahrungen, die Simone Fleischmann persönlich an ihrer Schule gemacht hat und mit denen sie als Mitarbeiterin des BLLV häufig konfrontiert wurde und wird. Sie drückt sich da teilweise noch drastischer aus als ich in meinem Bericht von der Schulleiterfront. Schauen Sie sich ruhig mal an, was ein Kinderarzt dazu zu sagen hat.

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(c) Pixabay

Argumente Michael Piazolo

„In Bayern setzen wir auf einen kind- und begabungsgerechten Übertritt. Ich habe Vertrauen in unsere Lehrkräfte, die gut einschätzen können, welcher Bildungsweg für ein Kind nach der Grundschule am besten ist. Die Eltern werden umfassend beraten und in die Entscheidung eingebunden.“

Das mit der frühzeitigen Beratung kann ich bestätigen: Spätestens ab der 3. Klasse gibt es Elterninformationsabende an unseren Grundschulen.

„Wir bieten in Bayern verschiedene begabungsgerechte und erfolgreiche Bildungswege. Der Bildungserfolg entscheidet sich nicht nach der 4. Klasse. Neben dem Gymnasium ist auch die berufliche Bildung in Bayern ein Erfolgsmodell, um das man uns weltweit beneidet. Außerdem ist unser differenziertes Schulsystem sehr durchlässig: Über 40% der Hochschulzugangsberechtigungen werden außerhalb des Gymnasiums erworben.“

Auch das kann ich bestätigen: In Bayern kann man auf den verschiedensten Wegen jeden Schulabschluss erreichen, für den man geeignet ist. Im Folgenden stellt die Pressemeldung noch weitere Einzelheiten der Übertrittsphase dar:

Der Weg von der Grundschule an die weiterführenden Schulen erfolgt im Zuge einer kind- und begabungsgerechten Übertrittsphase von der 3. bis zur 5. Jahrgangsstufe. Hierzu gehört die frühzeitige und kontinuierliche Beratung der Eltern, die auf dem Übertrittszeugnis beruhende Schullaufbahnempfehlung, die Möglichkeit zum Besuch des Probeunterrichts mit Entscheidungsmöglichkeiten durch die Eltern sowie ein Begleit- und Unterstützungssystem an der aufnehmenden Schulart. Das Übertrittszeugnis informiert mit Ziffernnoten sowie mit erläuternden Kommentaren über den Leistungsstand der Kinder, über ihre Stärken und Interessen und gibt wertvolle Hinweise auf individuellen Förderbedarf.

Nett (euphemistisch) finde ich hier die Formulierung „auf dem Übertrittszeugnis beruhende Schullaufbahnempfehlung„, die weder Eltern noch Kinder als eine solche wahrnehmen. In ihren Augen ist es vielmehr ein Urteil, das die einen in einen höheren Status hebt (Gymnasium), die anderen in einen vielleicht gerade noch erträglichen Zwischenzustand befördert (Realschule), während die letzten es als eine Art Verdammungsurteil hinnehmen, das ihnen den Platz im unteren Drittel der Schülerschaft zuweist (Mittelschule, ehemals Hauptschule). Wenn Sie diese Formulierungen als übertrieben empfinden, dann besuchen Sie mal eine bayerische Familie während der Übertrittszeit!

Jetzt kommt noch die Sache mit den Zahlen

Seit 2011 führt das Kultusministerium jährlich eine repräsentative Umfrage an 700 Grundschulen im Freistaat durch. Die Umfrage, in der sich Klassenelternsprecher, Lehrkräfte und Schulleitungen zum Übertrittsverfahren äußern können, findet dieses Jahr in den ersten beiden Maiwochen statt. Die Rückmeldungen der letzten Jahre sind positiv. Zum Beispiel empfinden knapp zwei Drittel der befragten Eltern die Unterscheidung zwischen Lern- und Prüfungsphasen als entlastend für die Familie. Fast 80 Prozent der Eltern halten die Ausstellung eines Übertrittszeugnisses für alle Schülerinnen und Schüler für sinnvoll.

Es stimmt, dass das Übertrittsverfahren „evaluiert“ wird. Wenn ich hier die Anführungszeichen setze, dann deshalb, weil der Übertrittszeitpunkt und das Verfahren selbst natürlich nicht in Frage gestellt werden. Aber sind ja gerade die umstrittenen Punkte. Das ist so, wie wenn eine Fluglinie ihre Passagiere nach der Bequemlichkeit, Pünktlichkeit oder der Qualität des Essens und des Services an Bord befragt, aber das Fliegen selbst natürlich nicht in Frage stellt („Was halten Sie von Flugreisen in Zeiten des Klimawandels?“).

Es gibt eine große Menge von Details und Argumenten, die man sich im Zusammenhang mit dem Übertrittsverfahren durch den Kopf gehen lassen sollte. Wenn Sie Näheres zu der oben erwähnten Evaluation erfahren oder eine wissenschaftlich-kritische Sicht auf den bayerischen Übertritt und die Fragwürdigkeiten des selektiven Schulsystems lesen wollen, dann empfehle ich diese PDF: Übertritt in Bayern.

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Faktencheck #1: Fiktive Homogenität

Neusprech #4: „Übertrittsempfehlung“

Faktencheck #3: Übertrittsalter

Fail #9: „Durchlässigkeit“?!

Sichtweisen #4: „Pädagogischer Unfug“?

Argumente #6: Prezi Übertritt

 

 

 

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