Sichtweisen #50: Übertrittskrampf. Ein Frontbericht.

Tag 1

„Man erzählt sich unter der Eltern, dass Sie hier die Grundschüler so streng bewerten, damit Sie mehr Schüler für Ihre Mittelschule haben.“

Die Mutter eines Viertklässlers sitzt mir freundlich lächelnd gegenüber und legt den Satz probeweise auf den Tisch. Sie hat noch mehr in der Hinterhand.

„Wie kommen Sie darauf, dass wir an dieser Schule so streng bewerten?“, frage ich zurück.

„Na ja, Sie verwenden hier einen extra strengen Notenschlüssel. Eine Freundin von mir hat das nachgeprüft. Andere Schulen im Landkreis haben einen einfacheren Notenschlüssel.“

Gleich zwei abenteuerliche Behauptungen in einer Minute. Ich versuche sachlich auf diesen starken Misstrauensbeweis zu reagieren und erkläre, dass die drei parallelen vierten Klassen, um die es hier geht, sich nicht nur bei den Notenschlüsseln, sondern auch bei der Bewertung von Probearbeiten und deren Erstellung absprechen. Überhaupt sprechen die sich so viel ab, dass ich mich frage, wo die pädagogische Freiheit der einzelnen Klassenlehrerin bleibt. Schließlich haben sie alle unterschiedliche Kinder, Individuen, auf die sie persönlich eingehen sollen und sicher auch wollen.

Aber das sage ich jetzt nicht. Ich vereinbare mit der Viertklassmutter, dass ich mich unter den Schulen im Landkreis umhöre und nach den verwendeten Notenschlüsseln frage.

Tag 2

Nicht gelogen – am nächsten Tag sitzen anlässlich einer Prüfung mit mir an demselben Tisch: eine Schulrätin, unsere Konrektorin, eine Rektorin einer benachbarten großen Grundschule, eine Seminarrektorin. Alle stimmen darin überein, dass wir im Landkreis mit demselben Notenschlüssel arbeiten. Seit mindestens 15 Jahren.

Alle stimmen allerdings auch darin überein, dass der Notenschlüssel allein gar nichts besagt. Schließlich kommt es ja auf die Konstruktion einer Probearbeit/Schulaufgabe an, auf das Verhältnis von reiner Wiedergabe von Gelerntem -> zu dessen Umstrukturierung -> zu Transfer auf andere Gegenstände -> zu Problemlösung mithilfe der neuen Erkenntnisse. Aber selbst wenn der Notenschlüssel und die Konstruktion und die Auswertung von Probearbeiten stimmig sind, sagt das gar nichts über die Qualität des Unterrichts, der vorher gehalten wurde und die Ergebnisse natürlich entscheidend prägt.

Und schon gar nichts sagt ein Notenschlüssel über die geistigen Zustände der Kinder, denen dieser Unterricht erteilt wurde: „Mama und Papa haben sich heute schon wieder gestritten.“ „Ich wurde vorhin in der Pause von einem der großen Jungen bedroht.“ „Ich finde den Mitschüler in der vorletzten Reihe so süß.“ „Nicht schon wieder so viel Hausaufgaben…!“ Nicht jedes Kind kann sich auf den Unterricht konzentrieren, wenn die Lehrerin das verlangt.

Tag 3

Ich rufe die Mutter an und gebe die Informationen zum Notenschlüssel weiter. Problem gelöst? Von wegen! Sie legt nach:

„Wissen Sie, unter den Eltern hat diese Schule einen schlechten Ruf. Weil sie so streng bewertet. Gerade in der 3. und 4. Klasse.“

Da muss ich erst mal schlucken. Meine Hinweise auf andere Äußerungen von anderen Eltern und die Zufälligkeiten des Hörensagens führen nicht weiter. Ich versuche noch, die Relativität eines Notenschlüssels anzusprechen, aber wir finden keine gemeinsame Basis.

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Es wird viel gelernt für den Übertritt. (c) Pixabay

Demnächst gibt es bei uns in Bayern das Übertrittszeugnis. Bis zum vergangenen Sommer war ich Rektor einer Montessorischule, da ging es ohne Noten bis einschließlich 7. Klasse. Die geeigneten Viertklässler haben ohne Übertrittszeugnis nach einem bestandenen Probeunterricht auf das Gymnasium oder die Realschule gewechselt. Andere ebenfalls geeignete Viertklässler sind geblieben, um an der vertrauten Schule den Weg über die Mittlere-Reife-Klasse vielleicht zur Fachoberschule oder zum Gymnasium  zu gehen. Das hat gut funktioniert. Längeres gemeinsames Lernen halt. Geht in Bayern sonst nicht (obwohl die Mehrheit der Eltern es will). Jetzt bin ich Rektor einer staatlichen Grund- und Mittelschule.

Und noch ein Besuch

Eine Mutter stürmt unangemeldet in mein Büro.

„Meine Tochter hat knapp den Übertrittsschnitt verpasst – da muss doch was zu machen sein!“

Das war keine Frage, sondern eine Forderung. Sie legt mir ein Blatt vor, auf dem die Leistungen ihrer Tochter in den unterschiedlichen Fächern abgebildet sind.

„Erwarten Sie von mir, dass ich die Noten der Kollegin korrigiere?“

Sie sagt Nein, hätte es aber trotzdem gerne.

„Sehen Sie, die Note in Mathe ist eine 3, aber beim genauen Hinsehen eigentlich fast bei 2.“

Bei genauem Hinsehen steht da 2,89. Ich sage, dass die Note 3 spätestens bei 2,56 beginnt.

„Aber das ist ungerecht. Andere Kinder haben 3,4 und das ist auch eine 3.“

Womit sie völlig Recht hat. Ich finde die Notengebung in sechs deutlich abgegrenzten Stufen grundsätzlich reichlich idiotisch. Wie ich auch Noten insgesamt als sehr, sehr fragwürdig sehe (zum Nachlesen hier, hier, hier, hier und hier).

„Sie wissen, dass das nicht der Fehler der Lehrerin ist? Und Ihre Tochter kann immer noch den Probeunterricht machen.“

„Ja schon, aber… Ich wollte ihr den Probeunterricht ersparen.“

Ich atme schwer. Wir diskutieren noch ein bisschen hin und her, welche Alternativen Mutter und Tochter sonst noch zu Gebote stehen, kommen aber auf keinen grünen Zweig.

„Ich sehe schon, Sie können mir auch nicht weiterhelfen.“

Sie verlässt mit rotem Kopf mein Büro. Nein, ich kann ihr nicht weiterhelfen. Dabei ist in ihrem Fall noch alles offen: Die Tochter kann den Probeunterricht besuchen. Sollte sie diesen knapp nicht bestehen (zweimal Note „ausreichend“), kann die Mutter aber trotzdem den Besuch der Realschule wollen. Sollte sie also trotz zweimal nachgewiesener Nichteignung den Schulwechsel wollen, könnte sie diesen auch noch nach der 5. Klasse versuchen. Würde es damit nicht klappen, stünde ihr noch der Weg über den M-Zweig zum Mittleren Schulabschluss offen. Die Mutter ist aber dermaßen fokussiert – um es freundlich auszudrücken -, dass sie das alles gar nicht hören will.

Dabei haben wir über die Einschätzung der Klassenlehrerin gar nicht gesprochen. Das kann ich nachholen, denn diese kommt nach dem Unterricht noch in mein Büro. Ja, sie hält das Mädchen grundsätzlich für geeignet. Aber wenn es halt die Leistung in den Probearbeiten nicht gebracht hat?!

Kindeswohlgefährdung?

Die Klassenlehrerin, eine erfahrene und ebenso mütterliche wie klare Pädagogin, die aufgrund ihrer Kompetenzen immer wieder gebeten wird, Lehramtsanwärterinnen zu betreuen, will mit mir über eine Viertklässlerin reden, die ihr große Sorgen macht. Das Mädchen hätte in letzter Zeit tiefe Augenringe entwickelt; es scheine unter großem Druck zu stehen. Die Ehekrise der Eltern führt sie wohl auf ihre nicht ausreichenden Leistungen zurück.  Der Vater war vor wenigen Tagen beim Elterngespräch. Den Verlauf dieses Termins fasst die Kollegin so zusammen:

„Das Kind muss aufs Gymnasium. Auch die Realschule ist eine Versagerschule. Wenn man etwas werden will, geht das nicht ohne Gymnasium!“

Er selber hat seine Ziele auf dem zweiten Bildungsweg und über Abendschulen erreicht. Diese Erfahrung will er seiner Tochter aber ersparen, das sei ein Umweg, der einem die Freude am Lernen austreibe.

Die Lehrerin fragt nach unserem Informationsabend zum Übertritt, den der Vater doch auch besucht habe.

„Eine reine Werbeveranstaltung!“

Dort war einer unserer ehemaligen Zehntklässler aufgetreten, der zuvor auf dem Gymnasium war, dieses als recht fragwürdig erlebte (was er auch in einem Buch beschrieb), und der inzwischen in Tübingen Jura studiert.

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Die Kollegin wies ihn auf die Problematik hin, dass man zwar ein Kind mit viel Druck und Nachhilfe aufs Gymnasium hieven kann. Aber dass es erhebliche seelische und familiäre Folgen haben kann, wenn es mit dieser Schulart überfordert ist. Und dass einem „Aufsteiger“ aufs Gymnasium 19 „Absteiger“ gegenüberstehen. Das sind zwar gesicherte Zahlen des Statistischen Landesamtes, in seinen Augen aber alles bloße Werbung für unsere Mittelschule.

Der Vater zeigte sich gegenüber der Lehrerin als nicht interessiert an anderen Sichtweisen, war sehr insistierend und hat den Zeitrahmen eines Elterngesprächsabends weit überschritten, so dass draußen die anderen Eltern lange warten mussten. Wenn er diese sprichwörtliche Rücksichtslosigkeit auch seiner Tochter gegenüber an den Tag legt, müssen wir uns wirklich Sorgen machen. Deshalb fragt die Kollegin nach einer möglichen Kindeswohlgefährdung. Aber dazu müsste man Spuren von körperlicher Züchtigung erkennen und ärztlich bestätigen lassen. Augenringe und sichtbare seelische Nöte eines Kindes reichen dazu nicht aus.

So what?

Dass die frühe Selektion im Alter von 10 Jahren ein Systemfehler ist, kann jeder erkennen, der nicht innerhalb seiner Selbstvergewisserungsblase von der Bewährtheit des „differenzierten Schulsystems“ lebt und denkt. In dieser Präsentation ist vieles zusammengefasst, das längst bekannt und wirklich bedenklich ist.

Prezi

Was ist eigentlich meine Rolle in dem Ganzen? Dass ich den bayerischen Übertritt sehr, sehr kritisch sehe, ist bis hinein in die CSU-Fraktion bekannt, wie mir unser Landtagsabgeordneter schon versichert hat. Die Kolleginnen und Kollegen an der Schule wissen es auch, und manche Eltern haben davon gehört.

Als „königlich bayerischer Schuldirektor“, wie mich eine ehemalige Kollegin mal bezeichnete, habe ich die Aufgabe, das Funktionieren des Schulsystems zu garantieren. Das tue ich auch: Ich sorge dafür, dass die Noten nach allen Regeln der pädagogischen Kunst und Kompetenz zustande kommen. Daneben versuche ich, mit den Kolleginnen und Kollegen die pädagogischen Freiräume auszuloten, die sie haben. Da ist noch Raum zur Entwicklung.

Aber was kann ich tun, um das fragwürdige Übertrittssystem zu verändern, das in Bayern immer noch am stärksten ausgeprägt ist? Ich

  • habe diesen Blog ins Leben gerufen, der möglichst sachlich informieren soll;
  • unterstütze die Gemeinden in Denkendorf, Donaustauf oder Buch, die immer noch einen Schulversuch Gemeinschaftsschule durchführen wollen;
  • rate den Eltern, sich dem Bayerischen Elternverband anzuschließen, der die Problematik sehr gut im Blick hat.

Wir sind gespannt, wie der neue Kultusminister Piazolo zu der ganzen Angelegenheit steht. Wir wissen noch nicht, ob nun der Zeitpunkt gekommen ist, dass Gemeinschaftsschulen zumindest als Versuch in Bayern möglich sind. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben.

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