Sichtweisen #48: „Gebt den Schülern Verweise!“

Selbst auf die Gefahr hin, dass der Bewegung Fridays for Future in diesem Blog möglicherweise zuviel Raum gegeben wird, ohne dass etwas Neues hinzukommt, möchte ich einen Kommentar aus der Süddeutschen Zeitung erwähnen, der bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Kommentar in der SZ

Fridays for Future

Gebt den Demonstranten Verweise!

Jeden Freitag demonstrieren Schüler für den Klimaschutz. Das ist ehrenwert. Gerne vergessen wird aber, dass die Schulpflicht gilt. Dabei gibt es zivilen Ungehorsam nicht ohne Strafe.

Kommentar von Sebastian Beck

In Bayern gilt laut Artikel 5 des Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen die Schulpflicht. Das mag in diesen Tagen nach einem sehr formaljuristischen Abturner klingen, aber Ausnahmen sind darin nicht vorgesehen, selbst wenn es um eine Sache geht, die allgemein für unterstützenswert gehalten wird. Das sollte man sich in Erinnerung rufen, wenn an diesem Freitag wieder Schüler auf die Straße gehen, um für den Klimaschutz zu demonstrieren.

Dafür wurden sie mit öffentlichem Lob geradezu überschüttet, Verweise gab es bisher nur vereinzelt. Die Grenze zwischen politischer Protestaktion und Blaumacherei war mitunter aber nur schwer zu erkennen, vor allem dann, wenn junge Klimakämpfer Bier und Wein mitführten. Bayerns Schulminister Michael Piazolo (FW) fiel in dieser Angelegenheit bisher vor allem durch sein Schweigen auf. Er schiebt die Verantwortung den Schulleitern zu, die sich doch bitte an seiner Stelle unbeliebt machen sollen.

Es mag ja durchaus legitim sein, dass Jugendliche zum Mittel des zivilen Ungehorsams greifen, wenn es um elementare Fragen wie den Klimaschutz geht. Andererseits könnten die nächsten „Fridays for future“ mit gleichem Recht der Rentenpolitik oder dem Weltfrieden gewidmet werden. Für Letzteren setzten sich schon in den Achtzigerjahren Schüler vor Kasernentore oder einfach nur auf den Boden der Aula. Lehrer, Eltern und Politiker regten sich darüber wahnsinnig auf, was die Aktionen nur noch cooler machte. Der Preis dafür waren Verweise und Nachsitzen – eine Art Ritterschlag für Demonstranten.

Auch mehr als drei Jahrzehnte später sollten die Schulen auf die Einhaltung der Schulpflicht bestehen und Sanktionen aussprechen, es sei denn, man will den Freitag dauerhaft als Future-Demo-Tag im Gesetz verankern. Der zivile Ungehorsam lebt seit jeher vom bewussten Verstoß gegen die Norm; wer diesen Weg geht, nimmt die Strafe in Kauf. Das ist nun einmal die Spielregel. Insofern haben die Schüler wahrscheinlich sogar mehr Mut als Schulminister Piazolo, der sich wegduckt, statt endlich ein paar klärende Sätze zu sprechen. Er könnte bei der Gelegenheit auch darauf hinweisen, dass schulfreie Wochenenden und Ferien für Demos genutzt werden dürfen. Aber das wäre dann doch zu spießig.

Mein Leserbrief zum Kommentar

Vorbemerkung: Ich gehe mal davon aus, dass die einleitende Aussage: „Gerne vergessen wird aber, dass die Schulpflicht gilt“, redaktionell und nicht Herrn Beck anzulasten ist, denn in der gesamten Diskussion ist es gerade dieser Aspekt, der nun wirklich jedes Mal erwähnt wird.

Leider scheint der Verfasser des Kommentars gar nicht verstanden zu haben, warum es ausgerechnet an Schultagen sein muss, dass die Schüler/innen auf die Straße gehen. Das anzumeckern ist ganz gewiss keine Frage der Spießigkeit, wie er in seinem Schlusssatz nahelegt. Nach der Schule, am Wochenende oder in den Ferien zu streiken, macht ebensoviel Sinn wie eine Arbeitsniederlegung von Piloten, Lokführern oder Busfahrern in ihrer Freizeit, nämlich keinen. Ohne dass jemand Sand ins Getriebe streut, gibt es kein Innehalten und keine ernsthafte Auseinandersetzung. Gerade dadurch, dass sie ihrer Schulpflicht nicht nachgehen, zwingen die Jugendlichen uns Erwachsene, Lehrer/innen, Schulleiter/innen (zu diesen drei Gruppen gehöre ich) und Kultusminister/innen Stellung zu beziehen. Sie zwingen uns, beides in die Waagschale zu legen – Schulpflicht hier, gefährdete Lebensgrundlagen da. Das eine ist ein rechtliches Problem, das andere ein existenzielles. Und ja: man muss es gegeneinander ausspielen.

Aber es kommt noch eine Sache hinzu: Der Kommentar zeigt an keiner Stelle und auch nicht zwischen den Zeilen, dass wir es sind – der Herr Verfasser, ich, viele andere und sie selber übrigens auch -, die den Kindern und Jugendlichen die Zukunft versauen. Es ist doch unser aller Lebensstil mit zu vielen Autokilometern und Flugmeilen pro Person, zu vielen Plastikverpackungen, einer auf Wachstum statt auf Gleichgewicht angelegten Wirtschaft usw., der schon nicht mehr einholbare Folgen für die Natur zeitigt und weiter zeitigen wird.

Es wäre also gar nicht so verkehrt, wenn die Schüler/innen den Spieß umdrehten und Verweise verteilten für eine unverantwortlich und nicht nachhaltig lebende Generation.

Jetzt bin ich gespannt, ob dieser Leserbrief auch mal abgedruckt wird…

P.S. Auf diesen Bericht über eine Talkshow lohnt sich auch ein kurzer Blick.

Zu diesem Thema bisher erschienen:

Sichtweisen #47: Gscheithaferl gegen Wissenschaftler

Sichtweisen #46: Vorsicht, wenn dich die Kanzlerin lobt!

Sichtweisen #45: „Streikt doch in eurer Freizeit!“

Sichtweisen #44: „Wohlwollen gegenüber Schulschwänzen – nicht mit uns!“

Sichtweisen #43: Schülerproteste als „hybride Kriegsführung“?!

Sichtweisen #42: Schülerstreiks – nichts begriffen!

Sichtweisen #40: Dürfen Schüler streiken?

Initiative #26: Ich will eure Hoffnung nicht!

Initiative #25: Am Freitag wird gestreikt

 

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