Sichtweisen #47: Gscheithaferl gegen Wissenschaftler

Dass die Schülerdemonstrationen das ganze Spektrum an Reaktionen wachrufen, von heftiger Ablehnung bis starker Unterstützung, war von vorneherein klar. Hier mal zwei Botschaften von den beiden Enden des Spektrums.

Ein Politiker

Christian Lindner hat nun auch gemeint sich äußern zu müssen. Er tat dies via Twitter:

Lindner

Dass jemand „alle globalen Zusammenhänge“ sehen könnte, würde sicher niemand behaupten, der einigermaßen bei Verstand ist. Diese ungeschickte Ausdrucksweise ist vermutlich dem Medium geschuldet, das nicht gerade zur Sorgfalt verleitet. Und man darf wohl annehmen, dass der Verfasser den CL für einen „Profi“ hält, dem man die „Sache“ überlassen sollte. Das schreibe ich der manchen Politikern eigenen Tendenz zur Selbstüberschätzung zu. Denn…

Zahlreiche Wissenschaftler

… genauer: die Scientists for Future haben eine gemeinsame Stellungnahme 12155 (ja, zwölftausendeinhundertfünfundfünfzig!) deutscher, österreichischer und Schweizer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu den Protesten für mehr Klimaschutz erarbeitet, deren Unterschriftenliste in ihren Kreisen gerade die Runde macht und am Dienstag veröffentlicht werden soll.

[Nachtrag: Inzwischen wurde sie veröffentlicht; hier ist sie und spricht für sich selbst, bzw. für die streikenden Schüler/innen.]

scientists4future

Ihre Faktensammlung  gibt den Schüler/innen jedes Recht zur Demonstration und auch gute Gründe für ihre Freitagstreiks und könnte ein Augenöffner sein – gerade für Politiker der oben angesprochenen Kategorie.

Fakten

1.

Weltweit ist die Durchschnittstemperatur bereits um etwa 1 °C angestiegen (relativ zu 1850–1900). Die Hälfte des Anstiegs erfolgte in den letzten 30 Jahren.

2.

Der Temperaturanstieg ist nahezu komplett auf die von Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen zurückzuführen.

3.

Bereits mit der aktuellen Erwärmung sind wir in vielen Regionen mit häufigeren und stärkeren Extremwetterereignissen und deren Folgen wie Hitzewellen, Dürren, Waldbränden und Starkniederschlägen konfrontiert.

4.

Die Auswirkungen der globale Erwärmung sind zudem eine Gefahr für die menschliche Gesundheit. Neben den oben genannten direkten Folgen sind dabei auch indirekte Folgen der globalen Erwärmung wie Ernährungsunsicherheit, psychische Erkrankungen und die Verbreitung von Krankheitserregern und -überträgern zu beachten.

5.

Falls die Weltgemeinschaft die vom Pariser Abkommen angestrebte Beschränkung der Erwärmung auf 1,5 °C verfehlt, ist in vielen Regionen der Welt mit erheblich verstärkten Klimafolgen für Mensch und Natur zu rechnen.

6.

Um mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Erwärmung von 1,5 °C nicht zu überschreiten, müssen die Nettoemissionen von Treibhausgasen (insbesondere CO2) sehr rasch sinken und in den nächsten 30 Jahren weltweit auf null reduziert werden.

7.

Stattdessen steigen die CO2-Emissionen weiter. Mit den Vorschlägen, die weltweit derzeit auf dem Tisch liegen, wird die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich bei über 3 °C liegen und anschließend weiter zunehmen.

8.

Bei derzeitigen Emissionen reicht das verbleibende globale CO2-Emissionsbudget für den 1.5-Grad-Pfad nur für etwa 10 Jahre. Auch für den 2-Grad-Pfad reicht es nur für etwa 25–30 Jahre.

9.

Anschließend leben wir von einem „CO2-Überziehungskredit“, d. h. die ab dann emittierten Treibhausgase müssen später unter großen Anstrengungen wieder aus der Atmosphäre entfernt werden. Bereits die heute lebenden jungen Menschen sollen diesen „Kredit“ wieder abbezahlen. Gelingt dies nicht, werden viele nachfolgende Generation unter den gravierenden Folgen der Erderwärmung leiden.

10.

Bei zunehmender Erwärmung der Erde werden gefährliche, sich selbst verstärkende klimatische Veränderungen des Erdsystems (Kipp-Punkte) immer wahrscheinlicher.

11.

Die Ozeane nehmen zurzeit rund 90 % der zusätzlichen Wärme auf. Sie haben zudem etwa 30 % des bisher emittierten CO2 aufgenommen. Die Konsequenzen sind Meeresspiegelanstieg, Verlust von Meereis, Versauerung und Sauerstoffmangel im Ozean. Die konsequente Umsetzung der Ziele des Pariser Abkommens ist essentiell, um Mensch und Natur zu schützen, und den Verlust von marinen Arten und Lebensräumen, besonders den akut gefährdeten Korallenriffen, zu begrenzen.

12.

In vielen Bereichen werden menschliche Lebensgrundlagen durch Überschreitung „planetarer Grenzen“ gefährdet. Bereits heute sind sind die Grenzen der Zerstörung genetischer Vielfalt (Biodiversität) und Überlastung der Phosphor- und Stickstoffkreisläufe kritisch überschritten.

13.

Zurzeit findet das größte Massenaussterben seit dem Zeitalter der Dinosaurier statt. Weltweit sterben Arten derzeit 100- bis 1000-mal schneller aus als vor dem Beginn menschlicher Einflüsse. In den letzten 500 Jahren sind über 300 Landwirbeltierarten ausgestorben; die untersuchten Bestände von Wirbeltierarten sind zwischen 1970 und 2014 im Durchschnitt um 60 % zurückgegangen.

14.

Gründe für den Rückgang der Biodiversität sind zum einen Lebensraumverluste durch Landwirtschaft, Entwaldung und Flächenverbrauch für Siedlung und Verkehr. Zum anderen sind es invasive Arten, sowie Übernutzung in Form von Übersammlung, Überfischung und Überjagung.

15.

Die Erderwärmung kommt hinzu: Bei unveränderten CO2-Emissionen könn­ten bis 2100 z. B. aus dem Amazonasbecken oder von den Galapagosinseln die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten verschwinden. Auch für die tropischen Korallenriffe ist die Meereserwärmung der Hauptbedrohungsfaktor.

16.

Auch der Verlust an landwirtschaftlicher Nutzfläche und Bodenfruchtbarkeit sowie die irreversible Zerstörung von Artenvielfalt und Ökosystemen gefährden die Lebensgrundlagen und Handlungsoptionen heutiger und kommender Generationen.

17.

Insgesamt besteht durch unzureichenden Schutz der Böden, Ozeane, Süßwas­serressourcen und Artenvielfalt – bei gleichzeitiger Erderwärmung als „Risiko­vervielfacher” – die Gefahr, dass Trinkwasser- und Nahrungs­mittelknappheit in vielen Ländern soziale und militärische Konflikte auslösen oder verschärfen und zur Migration größerer Bevölkerungsgruppen beitragen.

18.

Eine nachhaltige Ernährung mit starker Reduzierung unseres Fisch-, Fleisch- und Milchkonsums und eine Neuausrichtung der Landwirtschaft auf ressourcenschonende Lebensmittelproduktion sind für den Schutz des Klimas, der Land- und Meeresökosysteme notwendig. Nutztierhaltung erzeugt auf über vier fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche weniger als ein fünftel der weltweit konsumierten Kalorien und hat einen erheblichen Anteil am Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase. Eine Nahrungsumstellung hin zu weitgehend pflanzenbasiertem Essen bietet zudem für Millionen Menschen große Gesundheitsvorteile durch Schutz vor Herzinfarkt, Schlaganfall, einigen Krebsarten und Zuckerkrankheit.

19.

Die direkten staatlichen Subventionen für fossile Brennstoffe betragen jährlich mehrere 100 Milliarden US-Dollar. Berücksichtigt man zusätzlich noch die nicht durch Steuern ausgeglichenen Sozial- und Umweltkosten (vor allem Gesundheitskosten durch Luftverschmutzung), wird die Nutzung fossiler Brennstoffe nach Schätzungen von Experten des Internationalen Währungsfonds (IMF) weltweit mit rund 5 Billionen US-Dollar pro Jahr unterstützt; das sind 6,5 % des Welt-Bruttoinlandsproduktes von 2014

20.

Um dem Verursacherprinzip Rechnung zu tragen, müssten die durch fossile Brennstoffe entstehenden Kosten diesen zugerechnet werden. Eine mögliche Methode, mit der die Emissionen besonders effizient gesenkt werden können, sind CO2-Abgaben.Diese können sozialverträglich gestaltet werden, z. B. durch Steuererleichterungen für besonders betrof­fene Haushalte oder kompensierende Barauszahlung an die Bürgerinnen und Bürger.

21.

Stark sinkende Kosten und steigende Produktionskapazitäten für bereits einge­führte klimafreundliche Technologien machen eine Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zu einem vollständig auf erneuerbaren Energien basierenden Energiesystem be­zahlbar und schaffen neue ökonomische Chancen

Weitere Beiträge zum Thema:

Sichtweisen #46: Vorsicht, wenn dich die Kanzlerin lobt!

Sichtweisen #45: „Streikt doch in eurer Freizeit!“

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Initiative #25: Am Freitag wird gestreikt

Pressemitteilung

der Scientists for the Future hier.

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