Faktencheck #45: Handschrift oder Tastatur oder eWriter?

Wir hatten uns ja schon mal in einem Übersichtsartikel mit der Frage befasst, was dem Lernen wohl zuträglicher sei: die Notizen von Hand zu erstellen oder mit einem digitalen Gerät?

Was ist besser?

Die Antwort aus diesem Beitrag: „Das kommt darauf an, was man bezweckt“, ist zwar richtig, muss aber noch erläutert werden:

  • Für versierte Schreiber scheint das Schreiben mit der Hand vertieftes Nachdenken zu ermöglichen oder zu bewirken.
  • Umgekehrt ermöglicht das Tippen allem Anschein nach eine höhere Quantität an Notizen.
  • Für Schreiblerner in der Muttersprache bewirkt der erhöhte feinmotorische Aufwand beim Schreiben mit Stift und Papier ein gründlicheres Lernen.
  • Umgekehrt können Sprachanfänger vom Tablet profitieren, weil sie weniger geistigen Aufwand auf die Motorik richten müssen und sich so mehr auf die Inhalte konzentrieren können.

Ein maßgebliches Werk…

„Der Stift ist mächtiger als das Keyboard“, so nannten Mueller und Oppenheimer ihre oftmals zitierte Studie. Der Titel brachte bereits das wichtigste Ergebnis zum Ausdruck.

Mueller, P. A., & Oppenheimer, D. M. (2014). The pen is mightier than the keyboard: advantages of longhand over laptop note taking. Psychological Science, 25,1159–1168. https://doi.org/10.1177/0956797614524581.

… und ein erweiterter Vergleich

Dies haben sich drei Wissenschaftler der Kent State University in Ohio (USA) mal genauer angesehen.

Morehead, K., Dunlosky, J. & Rawson, K. A. (2019). How Much Mightier Is the Pen than the Keyboard for Note-Taking? A Replication and Extension of Mueller and Oppenheimer (2014). Educational Psychology Review 7, 1–28. doi:10.1007/s10648-019-09468-2

Sie ergänzten Mueller und Oppenheimers Studie, indem sie nicht nur das Schreiben mit Stift und Papier (Longhand) mit dem Tippen auf einer Tastatur (Laptop) verglichen, sondern auch noch eine Mischform einbezogen, nämlich das Schreiben mit dem Stift auf einem digitalen Gerät (von ihnen als eWriter bezeichnet).

Die erinnerten (factual) und verarbeiteten (conceptual) Inhalte riefen sie unmittelbar nach dem Test ab (immediate) und dann noch einmal zwei Tage später mit denselben Fragen (delayed).

Betrachten wir dazu dieses Diagramm (S.10):

mueller-oppenheimer-revisited

Man erkennt, dass bei der sofortigen Wiedergabe der faktischen Inhalte (factual) gleich nach dem Test das Schreiben von Hand signifikant besser ist als das Schreiben auf dem Keyboard, und dass das Schreiben von Hand auf einem digitalen Gerät dem Schreiben auf Papier sehr nahe kommt.

Bei der sehr interessanten Frage, was denn nicht nur erinnert, sondern verarbeitet werden konnte (conceptual), reduzieren sich die Unterschiede auf nicht signifikante Größen.

Wenn man nun noch das Diagramm (S. 11) mit den Testergebnissen nach zwei Tagen Wartezeit (delayed) betrachtet, schmelzen die Unterschiede weiter ein und das Schreiben auf Papier oder auf einem Tablet erweisen sich als für das geistige Verarbeiten der Inhalte gleich wirksam. Das Tippen auf der Tastatur schneidet in allen Vergleichen schlechter ab. Damit wird eine wesentlicher Teil der bisher bekannten Ergebnisse bestätigt.

longhand-typing-ewriter

Die reine Wörterzählung übrigens ergab eine deutliche Überlegenheit für das Schreiben auf dem Laptop, ebenso der verbatim overlap, bei dem sprachliche Einheiten von mindestens drei Wörtern Länge daraufhin untersucht wurden, wie häufig sie in dem gehörten Vortrag und in den Notizen identisch vorkamen. Damit bestätigt sich die  ebenfalls bereits bekannte Einsicht, dass Schüler/Studenten auf Laptop und Notebook mehr zum Kopieren des Gehörten neigten und weniger zum Durchdenken.

Und wenn man gar nicht mitschreibt?

Die Wissenschaftler der Kent State University führten ein zweites Experiment durch, in dem sie als Vergleichsgruppe auch noch 32 Studenten mit einbezogen, die sich keine Notizen gemacht hatten. Hier das Diagramm (S. 16), man beachte den rechten schwarzen Balken:

no-notes

Diese Studenten wurden nur unmittelbar nach der Präsentation befragt und zeigten sich dabei ähnlich gut in der Lage, Fakten und Zusammenhänge wiederzugeben wie die Handschrift-Gruppe.

Also was jetzt?

Es wäre schön, wir würden eine klare Antwort auf die Frage bekommen, wie wir uns nun denn Notizen machen sollten. Aber diese Antwort bleibt aus.

Which method—longhand (on paper or eWriter) or laptop—should students use to take notes? At this point, we would argue that the available evidence does not provide a definitive answer to this question. […]
In sum, such mixed results run counter to making any general claims about which note-taking method is superior—factors that may moderate when a given method will be most effective need to be discovered. (Morehead et al. 2019, S. 22)

Es gilt also zu beachten, welche „Moderatoren“ in einer Situation auftreten können. Dafür geben sie ein Beispiel: Wenn es darum geht, Skizzen und Zeichnungen rasch in die Notizen zu integrieren, legt sich das Schreiben von Hand nahe:

Which method supports the most effective note-taking (in terms of supporting the storage function) may also be moderated by several factors. For example, Fiorella and Mayer (2017) and Luoetal. (2018) reported that people included more images in their notes when they took longhand than laptop notes. Thus, if the to-be-learned material includes images that need illustrating, longhand may allow students to take more complete notes and subsequently gain more from studying them. Such moderators require systematic exploration as the field works toward prescriptions about when each note-taking method will be most effective. (Morehead et al. 2019, S. 23)

Wir könnten jetzt auch noch einen zugespitzt individuellen Aspekt mit einbringen und es vielleicht so zusammenfassen:


Welche Art des Mitschreibens sich in welcher Situation zu welchem Zweck empfiehlt, muss jede/r für sich selbst herausfinden.


Literatur

Morehead, K., Dunlosky, J. & Rawson, K. A. (2019). How Much Mightier Is the Pen than the Keyboard for Note-Taking? A Replication and Extension of Mueller and Oppenheimer (2014). Educational Psychology Review 7, 1–28. doi:10.1007/s10648-019-09468-2

Faktencheck #42: Handschrift oder Tablet?

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