Sichtweisen #45: „Streikt doch in eurer Freizeit!“

Viele machen einen Witz. Wenige merken es. Und keiner kann lachen.

Wir hören immer wieder die gleiche rhetorische Figur: „Liebe Schülerinnen und Schüler – tolles Engagment, aber macht das doch besser in eurer Freizeit, dann könnten wir es auch ernst nehmen!“

Das liest sich dann beispielsweise so:

Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte der F.A.Z., auch er begrüße es, dass Schülerinnen und Schüler „aktuelle, relevante gesellschaftliche Themen aufgreifen und ihre Anliegen in die Gesellschaft tragen“. Er sagte aber auch: „Dies sollte aber nach Unterrichtsschluss oder am Wochenende geschehen und wird auch dann die nötige Aufmerksamkeit bekommen.“

Oder so:

Dass Schülerinnen und Schüler sich gesellschaftlich für Klima- und Umweltschutz engagierten, begrüße sie sehr, sagte sie [die Bildungsministerin Anja Karliczek] der F.A.Z. Davon lebe die Demokratie. Trotzdem gelte die Schulpflicht. „Auch unterstützenswertes Engagement gehört in die Freizeit und rechtfertigt nicht das Schulschwänzen“, sagte sie. „Schulpflicht und der Einsatz für Umwelt und Klima sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.“

Bayerns Kultusminister Piazolo:

Er freue sich einerseits, dass die Schüler so viel Engagement für den Klimaschutz und für die Demokratie zeigen. Andererseits sei es aber auch seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie ihre Schulpflicht einhalten. Für ihn stehe deswegen die Schulpflicht an erster Stelle.

Weitere Zitate spare ich mir an dieser Stelle. Das Argument – ebenso gönnerhaft wie bürokratisch – ist bekannt.

Worin der Witz liegt

Um zu erkennen, dass dieses Argument ein schlechter Witz ist, stelle man sich nur eine „normale“ Streiksituation vor: Hat schon jemals jemand den streikenden Lokführern oder Fluglotsen oder Arbeitern im Amazon-Lager oder damals in der Danziger Werft ernsthaft vorgeschlagen: „Hej, ich verstehe euer Anliegen. Aber könnt ihr das nicht besser in eurer Freizeit vorbringen? Dann wüsste ich, dass ihr es wirklich ernst meint! … Außerdem habt ihr einen Arbeitsvertrag, den ihr einzuhalten habt!“

Ja, was wäre das für ein Streik, wenn die Flughafenmitarbeiter sich in ihrer Freizeit draußen vor den Airport stellten, Parolen skandierten und Plakate hochhielten!? Oder wenn die Lokführer nur in ihrer dienstfreien Zeit, von gut gerüsteten Polizisten begleitet, vor dem Hauptbahnhof auf und ab marschierten!?

Die Entscheidungsträger würden anerkennend nicken und ansonsten zur Tagesordnung übergehen. Es bestünde ja kein Handlungsdruck.

Es ist doch gerade der Kern eines Streiks, dass er Sand in das Getriebe streut, so dass es knirscht. Er soll ja dem Organismus weh tun! Es geht nämlich nicht nur um Aufmerksamkeit, wie das mancher Verantwortliche meint,…

Ein klares Signal für die Schüler in Hessen hat Kultusminister Alexander Lorz (CDU) jüngst im Landtag gegeben: „Die Teilnahme an Demonstrationen rechtfertigt nicht das Fernbleiben vom Unterricht“, sagte er. Das Demonstrationsrecht könne auch in der unterrichtsfreien Zeit ausgeübt werden. Eines ihrer Ziele, nämlich Aufmerksamkeit zu generieren, hätten die Schüler inzwischen auch erreicht.

… sondern um Handlungsdruck, den die Schüler/innen ausüben wollen, nein: müssen, wenn sie zeigen wollen, wie ernst es ihnen mit ihrem Anliegen ist. Es trifft den Kern des Problems, wenn die Schüler/innen (in einem Kurzvideo) selber formulieren:


SORRY FÜR DIE STÖRUNG: ABER ES IST DRINGEND!!!


Oder wenn Greta sagt:

“Why should I be studying for a future that soon may be no more, when no one is doing anything to save that future?”

-Greta Thunberg, 16-jährige Klima-Aktivistin, laut FridaysforFuture

Weitere Beiträge zum Thema:

Sichtweisen #44: „Wohlwollen gegenüber Schulschwänzen – nicht mit uns!“

Sichtweisen #43: Schülerproteste als „hybride Kriegsführung“?!

Sichtweisen #42: Schülerstreiks – nichts begriffen!

Sichtweisen #40: Dürfen Schüler streiken?

Initiative #26: Ich will eure Hoffnung nicht!

Initiative #25: Am Freitag wird gestreikt

4 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s