Sichtweisen #44: „Wohlwollen gegenüber Schulschwänzen – nicht mit uns!“

Der Bayerische Schulleiterverband (bsv) hat sich ja bereits prinzipiell gegen Schülerstreiks ausgesprochen. In seinem neuen Newsletter legt er noch einmal nach und verschärft den Ton. Unten habe ich die entsprechenden Ausführungen abgedruckt und versehe sie mit persönlichen Anmerkungen.

Das schreibt der bsv:

Wir haben bereits in unserem letzten Newsletter davor gewarnt, der medial geförderten Bewegung zum Schuleschwänzen (1) unter dem Motto „Friday for Future“ indifferent gegenüber zu stehen. Man muss kein Pessimist sein, um hier Gefahren für unseren geregelten Schulbetrieb zu erkennen, der mittel- und langfristig negative Folgen für die Bildungsqualität unserer Schulen haben würde (2). War es bislang über alle Parteigrenzen hinweg Usus, die Schulpflicht nicht infrage zu stellen und Schülerstreiks aus welchem Anlass auch immer sofort zu ahnden und damit eine Ausbreitung zu verhindern, ist jetzt merkwürdigerweise bei dem sehr umstrittenen Thema Klimawandel von vielen Medien und Parteien sehr viel Verständnis, wenn nicht sogar Aufforderung zum Verstoß gegen die Schulordnung zu erkennen.

Es gilt generell, hier einen Dammbruch zu verhindern, wir können uns hunderte Themen vorstellen, für die Schüler heute aus Sorge um Gegenwart und Zukunft von der Schule zu Hause bleiben möchten (3). Wenn es den Schülern das Thema wert ist, werden sie auch Freitagnachmittag oder samstags demonstrieren, egal wofür oder wogegen (4).

Wir als Schulleiter weisen darauf hin, dass die im März geplanten Fortsetzungen des organisierten Schuleschwänzens ein klarer Verstoß gegen die Schulordnung sind und wichtige Unterrichtsziele gefährden (5). Gefährdet sind dabei auch Lernzielkontrollen und das so oft beschworene Leistungsniveau, das zunehmend zu wünschen übriglässt. Wir geben auch zu bedenken, dass mit dem Schuleschwänzen und den damit verbundenen Demonstrationen am Klima nicht das Geringste verändert wird, es wird dadurch weder kälter noch wärmer, was immer auch das Ziel sein soll (6).

Nicht nur in Deutschland, sondern verbreitet auch in Bayern haben wir genug Probleme bei der Schulpflicht mit den sogenannten Schulverweigerern, die es vor zehn oder 20 Jahren so noch gar nicht gegeben hat. Wenn jetzt durch eine gezielte Politisierung das Schuleschwänzen salonfähig gemacht werden soll (7), macht das die Aufgabe einer geordneten Schulführung erheblich schwieriger. Auf von Eltern zu verantwortenden Schulversäumnisse sind regulär Bußgelder vorgesehen.

Wenn Schuleschwänzen nicht sanktioniert wird, wird es Alltag werden und von den Effekten von punktuellem Nachholen außerhalb der üblichen Lerngemeinschaften und Zeiten halten wir sehr wenig (8). Lösungen von einzelnen Direktoren, den Eltern sozusagen die Verantwortung und die Genehmigung zu übertragen, stehen völlig außerhalb der gültigen Schulordnung. Selbstverständlich kann und darf hier nur einheitlich gehandelt werden und zwar in dem Sinne, wie es die gültige Schulordnung vorsieht. Dazu sollte eine klare Leitlinie aus dem Kultusministerium so schnell wie möglich kommen (9). Es kann nicht sein, dass ein Schulleiter an Eltern Bußgeld verhängt und der andere wohlwollend beide Augen zudrückt.

(1) „medial geförderte Bewegung zum Schuleschwänzen“

Wow. Hier wird gleich mal der Ton gesetzt. Der Bewegung wird jeglicher Wert abgesprochen, es handelt sich in den Augen des bsv nur um Schuleschwänzen, sonst nichts, und die Medien unterstützen dieses auch noch. Von der Stoßrichtung her – gleichzeitig gegen eine unliebsame Entwicklung und gegen die Medien – kann ich mir das auch als Tweed eines Präsidenten vorstellen who must not be named. Er würde noch ein SAD oder EVIL hinterherschieben.

(2) „Gefahren für unseren geregelten Schulbetrieb…, der mittel- und langfristig negative Folgen für die Bildungsqualität unserer Schulen haben würde“

Ups. Hier hatte der Verfasser wohl mit starken Gefühlen zu kämpfen, so dass der grammatische und logische Bezug durcheinander gerieten. So wie der Satz jetzt hier steht, ist es der geregelte Schulbetrieb, der negative Folgen zeitigt. In einem Deutschaufsatz der M10 müsste ich das anstreichen, aber wir wissen ja, was gemeint ist.

Wenn der Verfasser davon ausgeht, dass sich die Streiks mittel- und langfristig hinziehen, dann meint er vermutlich nicht nur mehrere Monate, sondern vielleicht sogar mehr als ein Schuljahr. Diese Befürchtung schießt die Annahme ein, dass die Streiks nichts erreichen und deshalb so lange fortgesetzt werden. Dies wiederum lässt darauf schließen, dass der Verfasser dem Anliegen der Schüler von vorneherein keine Chance einräumt. Aus welchen Gründen, das wird weiter unten noch deutlich.

„Negative Folgen für die Bildungsqualität unserer Schulen“? Das Nichtbefolgen der Schulpflicht hat doch wohl in erster Linie Folgen für die Schüler, denn Strafen werden nicht ausbleiben. Ansonsten denke ich, dass für uns Lehrer und Schulleiter die Auseinandersetzung mit dem Anliegen und der Zeitauswahl der Streikenden einen gewissen Druck ausübt, pädagogische, kommunikative und Konfliktkompetenz aufzubauen, was eher positive Folgen für die Bildungsqualität unserer Schulen haben könnte.

(3) „Wir können uns hunderte Themen vorstellen, für die Schüler heute aus Sorge um Gegenwart und Zukunft von der Schule zu Hause bleiben möchten.“

Eigentor. Wenn es wirklich „hunderte Themen“ gibt, die den Schülern Sorge um Gegenwart und Zukunft bereiten – wer hat die denn zu verantworten? Und wie sollen die Jugendlichen reagieren? Wird von ihnen erwartet, dass sie sich zivilisiert verhalten angesichts der Tatsache, dass wir – die bestimmende Generation nämlich – die Zivilisation an den Abgrund manövrieren?! Die Plastikinseln in den Weltmeeren, die Stickoxide auf und neben den Straßen, das Nitrat im Grundwasser, die aussterbende Insektenvielfalt, den ewig strahlenden Atommüll und die Klimaveränderung haben doch wir zu verantworten. Das ist barbarisch. Damit brechen wir mehr als nur Regeln, wir entziehen Existenzgrundlagen. Aber die Schüler sollen sich gefälligst an die Regeln halten! Ist sich der bayerische Schulleitungsverbandler wirklich über das im Klaren, was er hier schreibt?

(4) Wenn es den Schülern das Thema wert ist, werden sie auch Freitagnachmittag oder samstags demonstrieren, egal wofür oder wogegen.

Ja. Das tun auch viele, um genau das zu zeigen oder um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Aber wie würden die Lehrer und Schulleiter und Kultusminister das dann aufnehmen? Es könnte ihnen nämlich völlig egal sein; sie könnten es einfach geschehen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. So aber werden sie gezwungen, Farbe zu bekennen und den Demonstrationen einen subjektiven Wert oder Unwert beizumessen. Das finde ich keinen schlechten Effekt.

(5) Wir als Schulleiter weisen darauf hin, dass die im März geplanten Fortsetzungen des organisierten Schuleschwänzens ein klarer Verstoß gegen die Schulordnung sind und wichtige Unterrichtsziele gefährden.

Welche nämlich? Ich liste mal die Ziele nach der bayerischen Verfassung auf:

(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.
(2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt.
(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen. (Artikel 131 BV, Hervorhebungen von mir)

Gefährden die Streiks Wissen, Können, Herz oder Charakter usw.? Ich glaube fast, die Schülerdemonstrationen sind näher am Geist der Verfassung als der Schulleiterverband. Zumindest bietet die aktuelle strittige Situation ausreichend Gelegenheit, die schulische Wirklichkeit an den Verfassungszielen zu messen. Mene mene tekel upharsin.

(6) Wir geben auch zu bedenken, dass mit dem Schuleschwänzen und den damit verbundenen Demonstrationen am Klima nicht das Geringste verändert wird, es wird dadurch weder kälter noch wärmer, was immer auch das Ziel sein soll.

Boing. „Nimm das, du Schuleschwänzer!“ Hier teilt einer kräftig aus und schlägt um sich. Eine Demonstration verändert natürlich das Klima ebenso wenig wie Flugblätter in einer Universitätsaula ein Regime zu Fall bringen. Die Demonstrationen im Wackersdorfer Forst haben auch nicht die Atomkraft verhindert, sondern nur eine Wiederaufbereitungsanlage an diesem Ort. Die Montagsdemonstrationen haben nicht den Totalitarismus abgeschafft, sondern geholfen, eine Binnengrenze zu öffnen. Aber sie zielten ja alle nicht auf die Physik, sondern auf die Köpfe. In diesen sollte sich etwas ändern. Und das haben diese Demos zum Teil erreicht, und zum Teil wurden sie nachträglich von der Geschichte sanktioniert.

Das flappsige „was auch immer das Ziel sein soll“ stellt sich entweder dumm oder ist es. Letzteres will ich nicht hoffen.

(7) durch eine gezielte Politisierung soll das Schuleschwänzen  salonfähig gemacht werden

Siehe (1).

(8) von den Effekten von punktuellem Nachholen außerhalb der üblichen Lerngemeinschaften und Zeiten halten wir sehr wenig

Das ist interessant, denn die Effekte sind bisher weitgehend unbekannt, weil das Ganze ja noch nicht so lange oder so oft praktiziert wurde, als dass man überhaupt Schlüsse ziehen oder Wirkungen sehen könnte. Der Schulleiterverband rechnet also prinzipiell nicht damit, dass die Ideen vieler Kolleginnen und Kollegen auf fruchtbaren Boden fallen könnten: dass beispielsweise Schüler an Nachmittagen Referate oder Podiumsdiskussionen zum Klimawandel vorbereiten und dadurch tiefer in die Materie einsteigen. Sprachlich betrachtet, steht hier ein Plural („halten wir“) einem anderen („einzelnen Direktoren“) gegenüber. Es ist derzeit nicht zu erkennen, welcher mehr Gewicht hat.

(9) Dazu sollte eine klare Leitlinie aus dem Kultusministerium so schnell wie möglich kommen.

Gemeint ist natürlich, dass alle Abweichler unter den Schulleitern auf Linie gebracht werden sollen. Die Versuche, in den unerhörten Schülerstreiks eine seltene pädagogische Gelegenheit zu sehen, Unterricht und Schule mit existenziellen Anliegen zu verbinden, sind zugunsten der Durchsetzung der Schulpflicht gefälligst zu unterlassen! Jawoll.

5 Kommentare

  1. Wie man´s nimmt: Hier zum Beispiel schreibe ich, dass ich eine Personalisierungsoffensive / einen Personalpakt wichtiger finde als eine Digitalisierungsoffensive / einen Digitalpakt:
    https://paedagokick.de/2018/12/02/sichtweisen-33-digitalpakt-pacta-sunt-servanda/
    https://paedagokick.de/2018/12/04/sichtweisen-34-der-trojanische-digitalpakt/
    https://paedagokick.de/2019/02/22/fail-35-70-prozent-werden-nicht-gebraucht-oder-doch/
    Das ist unser ceterum censeo als Schulleiter/in. Ich kenne keine Schulleiterin, die mit der Personalversorgung zufrieden wäre (und benutze hier das Femininum, weil in unserem Landkreis fast alle weiblich sind).

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s