Sichtweisen #43: Schülerproteste als „hybride Kriegsführung“?!

Die Aussage

Die SchülerInnen teilen das Video, und man kann erkennen, dass Angela Merkel es wirklich so gesagt hat:

„Und diese hybride Kriegsführung im Internet ist sehr schwer zu erkennen, weil sie plötzlich Bewegungen haben, von denen sie gedacht haben, dass sie nie auftreten; die immer ansetzen an einem Manko. Die einen Proteste – auch in Deutschland protestieren jetzt die Kinder für Klimaschutz. Das ist ein wirklich wichtiges Anliegen. Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder nach Jahren ohne jeden äußeren Einfluss auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen.“

Die Analyse

Ich erlaube mir, daraus einfache Aussagen abzuleiten:

  • Die Kanzlerin kann sich nicht vorstellen, dass alle deutschen Kinder ohne äußeren Einfluss auf die Idee gekommen sind für den Klimaschutz zu protestieren.
  • Es muss also einen motivierenden äußeren Einfluss geben. Der Kontext nennt diesen Einfluss „hybride Kriegsführung“.
  • Und in einer Bundestagsrede vom 15. Mai 2018 sagte sie: „Die hybride Kriegsführung ist Teil der Militärdoktrin zum Beispiel Russlands.“

Das kam natürlich nicht gut an, und der Regierungssprecher hat versucht diese Äußerung wieder einzufangen:

Steffen_Seibert_hybride_Kriegsführung

Das gelang nicht ganz, denn Herr Seibert hat den Zusammenhang von Schülerprotesten und externer Verursachung / hybrider Kriegsführung nicht in Abrede gestellt.

Die Reaktion

Das Netzwerk Fridays for Future Germany verbreitet deshalb die Nachricht:

„Merkel verbindet uns mit hybrider russischer Internetkriegsführung. Das macht viele wütend. Twittert und postet dazu in sozialen Netzwerken, damit es Journalist*innen mitbekommen.“

Die Wut ist verständlich. Und sie bezieht sich, soweit ich es verstehe, auf die Versuche, die SchülerInnen als Instrumente irgendwelcher Mächte, der Medien oder fremder Interessen hinzustellen, wie es Greta Thunberg ja auch schon erfahren musste. Dieser Versuch mindert die Würde und den Wert der Proteste. Er lenkt außerdem das Augenmerk weg vom Klimaproblem auf ein bloßes Medien- und Kommunikationsproblem und gebärdet sich dabei auch noch aufklärerisch.

Ich würde es eher im Sinne Kants sehen:

Die Schüler/innen wagen es, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Dieser mag zwar einerseits durch wenig eigene Erfahrungen unterfüttert sein, ist aber andererseits und anders als bei vielen Entscheidungsträgern (Autofahrern, Industriepolitikern, Gewerkschaftlern, Schulministern) nicht durch sachferne Interessen abgelenkt.

Offener Brief an die Kanzlerin

Gerade ist mir noch dieser offene Brief in die Hände gefallen. Er stammt von Professor Dr. Gunther Moll, dem Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen. Darin findet sich die Aussage:

Ich ziehe vor den Schüler*innen, deren „Fridays for Future“-Bewegung nicht eine durch einen „äußeren Einfluss“ gemachte Kampagne ist, sondern aus ihren Herzen und ihrer Verantwortung heraus herrührt, meinen Hut – und unterstütze ihren Protest zum Klimaschutz, soweit ich es nur kann.

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