Sichtweisen #41: Fortgesetzter Übertrittsk(r)ampf

In einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung habe ich einen kleinen Ausschnitt der Erkenntnisse weitergegeben, die in diesem Blog schon behandelt worden sind.

Die Fragwürdigkeiten des bayerischen Übertritts nach Klasse 4

Eltern, Lehrer und Schüler nehmen den notenbasierten Übertritt in der 4. Klasse als naturgegeben hin. Die einen können es nicht besser wissen, die anderen wollen es wohl nicht besser wissen. Folge ist die „Durchlässigkeit“ des bayerischen Schulsystems: Nach Beenden der Übertrittsphase fallen 10 979 Schüler wieder aus dem Gymnasium heraus für 585, die danach noch „aufsteigen“ (Bildungsbericht 2018). Man stelle sich nur die Schicksale vor, die sich hinter diesen Zahlen verbergen. Wenn man unser System mal genauer unter die Lupe nimmt und dazu allgemeine Ergebnisse der Bildungsforschung mit heranzieht, zeigen sich erhebliche Ungereimtheiten. Hier nur ein kleiner Ausschnitt:

  1. Kinder aus sozial benachteiligten Milieus werden bei der Notenvergabe häufig bei gleicher Leistung schlechter benotet (Wissenschaftszentrum Berlin; Kinderkommission des deutschen Bundestages).
  2. Die Lehrkräfte geben Laufbahnempfehlung in starker Abhängigkeit vom ökonomischen Hintergrund der jeweiligen Kinder (ein Ergebnis der IGLU– und TIMSS-Studien von 2006 und 2015).
  3. Nikolaus Frank, Uni Augsburg, in seiner Habilitationsschrift:
    • Dass die Zuweisung der Kinder (zumal am Ende der Grundschulzeit) nach der jeweiligen Begabung erfolgt, ist oft eine Illusion, die als Legitimation des Systems aufrecht erhalten wird, nicht zuletzt um die Lehrkräfte von der schweren Bürde der durch den Selektionsauftrag bedingten Verantwortung zu entlasten.
    • Wie viele Studien belegen, erfolgt die Selektion der Schüler oft nach subjektiven Kriterien und nicht nach objektiven Mess- und Beurteilungsverfahren.
    • Die Probleme der Fehldiagnose bzw. -prognose beim Übertritt in das weiterführende Schulsystem sind schon erschreckend lange empirisch belegt, ohne dass sich bis heute daraus ernsthafte Konsequenzen ergeben hätten.
    • Auf dem Hintergrund der schultheoretischen Vorstellung, dass die gegliederte Industriegesellschaft eines selektiven Vorgriffs durch die Schule bedarf, sollte doch zumindest gesichert sein, dass die Messverfahren, auf denen die Selektionsprozesse beruhen, wenigstens annähernd wissenschaftlichen Messgütekriterien entsprechen. Davon sind wir aber weit entfernt.
    • Diese Ergebnisse […] zeigen deutlich, dass die diagnostischen bzw. prognostischen Instrumentarien in der Grundschule unzureichend sind. Oder mit anderen Worten: Die Gefahr, einen Schüler in die falsche Schulform zu empfehlen, ist mit ca. 50% unverantwortlich hoch.
  4. Der Grundschulverband schreibt:
    • Internationale Leistungsstudien wie PISA zeigen keine Vorteile für Schulsysteme, die früh benoten.
    • Noten sind in der Sache nicht aussagekräftig und deshalb auch nicht hilfreich für die Planung der Förderung.
    • Die Bewertung orientiert sich in der Regel an der Leistungsverteilung in der aktuellen Bezugsgruppe. Wechselt ein Kind die Klasse, können sich seine Noten schon allein dadurch verbessern oder verschlechtern.
    • Noten berücksichtigen nicht die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder.
    • Als Kriterium für eine faire Auslese am Ende der vierten Klasse sind sie nicht geeignet, da ihre prognostische Kraft zu gering, d.h. die Fehlerquote bei einer Zuweisung nach Noten zu den verschiedenen Schulformen zu groß ist.
    • Die Notenziffern – zum Teil mit zwei Stellen hinter dem Komma – suggerieren Präzision. Ihre Entstehung hängt aber in hohem Maße von der Lehrperson ab. Noten werden den Erwartungen, die mit den präzise wirkenden Ziffern verknüpft werden, nicht gerecht. Sie erzeugen eine irreführende Scheinklarheit.
  5. Viele Eltern haben für diese Ungereimtheiten das richtige Gespür und sprechen sich für einen späteren Übertritt aus. Eine Befragung des Bayerischen Elternverbands im Sommer 2018 hat ergeben, dass nur 12 Prozent der Eltern den Zeitpunkt nach der 4. Klasse für richtig halten; 85 Prozent haben sich für einen späteren Übertritt stark gemacht. Damit bestätigten sie eine Emnid-Untersuchung („Jako-o-Studie“ von 2012), bei der es 11 zu 88 Prozent waren.
  6. International betrachtet, ist ein so früher Übertritt im Alter von zehn Jahren ohnehin nicht der Standard: Unter den ersten 17 Rangplätzen von PISA 2012 sind 15 Länder vor uns, die erst im Alter von 15 oder 16 Jahren ihre Kinder aufteilen.

 

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