Neusprech #9: „Durchlässigkeit“

Junge Menschen nutzen Möglichkeiten des Schulartwechsels und profitieren von Durchlässigkeit und Differenziertheit des bayerischen Schulsystems.

Das sagt der neue Bayerische Kultusminister Piazolo anlässlich des neuen Bayerischen Bildungsberichts 2018. Und verschweigt das Wesentliche. Mit seinem Neusprech wärmt der Freie Wähler lediglich den Altsprech von CSU und interessierten Kreisen auf.

Um es gleich giftig zu formulieren: Der Durchlass ist eigentlich ein Durchfall. Es handelt sich dabei im Grunde um Diarrhoe. Die Zahlen unten belegen das.

In seiner Pressemeldung lässt er uns wissen:

Im Schuljahr 2015/16 nutzten rund 27 000 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen die Möglichkeit des Schulartwechsels im laufenden Bildungsgang.

Was der Pressesprech suggeriert, ist das bayerische Schulsystem als eine Art Schulweghelfer, der freundlich lächelnd den Schüler/innen über die Straße hilft. Die Zahlen zeigen eine andere Wirklichkeit.

Man findet sie nicht direkt im Bildungsbericht, aber immerhin verweist dieser auf die entsprechende Exceltabellen. Die wichtige Seite folgt weiter unten; ich weise auf folgende nicht ganz aktuelle Sachverhalte hin (SchJ 2015/16), die jeder selbst nachrechnen kann*:

[* Ich gehe bei der Berechnung der Zahlen von dieser Hierarchie der Schularten aus:

  • Gymnasium
  • Fachoberschule
  • Realschule
  • Wirtschaftsschule
  • Mitttelschule
  • Förderschule]

Durchfallerscheinungen im System

1. Wechsel zum und vom Gymnasium

Abstiege aus dem Gymnasium heraus: 10 979

Aufstiege ins Gymnasium hinein: 585

Umgerechnet und etwas gerundet: Während 1 Schüler ins Gymnasium aufsteigt, fallen 19 heraus, sie werden – wie es ohne Neusprech heißt – „abgeschult“. Oder wie es Piazolo formuliert: Sie „nutzen die Möglichkeit des Schulartwechsels“. Wenn das kein besonders schönes Beispiel für die rhetorische Figur EUPHEMISMUS ist!

2. Wechsel zur und von der Realschule

Abstiege aus der RS heraus: 5676

Aufstiege in die RS hinein: 2863

Die Quote Aufsteiger zu Absteiger beträgt hier ziemlich genau 1 : 2. Dazu muss man allerdings Folgendes bedenken:

Es schaffen viele Viertklässler nicht den gewünschten Übertritt ins Gymnasium oder wenigstens auf die Realschule. Sie nehmen in der 5. Klasse einen zweiten Anlauf. Wenn wir also die Fünftklässler der Mittelschule, die es dann noch auf die Realschule schaffen, ins Übertrittsystem hinein denken und nicht in das „Durchlässigkeitssystem“, dann ergib sich folgendes Bild:

Wechsler von Mittelschule 5 in die Realschule 5 (Übertritt) = 2039.

Damit hätten wir diese korrigierten Werte für die „Durchlässigkeit“:

Abstiege aus der RS heraus: 5676

Aufstiege in die RS hinein: 2863 – 2039 = 824.

Das würde bedeuten, dass 1 Aufsteiger gerundet 7 Absteiger entgegenstehen.

tabelle_schulartenwechsel

Was heißt das nun eigentlich?

Kommunikativ: Wir haben es bei der „Durchlässigkeit“ mit einer beschönigenden Redefigur zu tun. Die Möglichkeiten des Schulartwechsels werden (viel) weniger von den Schülern „genutzt“, als vielmehr von den Lehrkräften und vom System dazu verwendet, die falsch Aufgestiegenen nach „unten“ abzustufen.

Logisch: „Durchlässigkeit“ braucht es nur, wenn vorher was falsch eingeteilt wurde. So gesehen, ist diese Begrifflichkeit das logische Eingeständnis dafür, dass mit dem Übertritt etwas grundlegend in die Hose geht. „Durchlässigkeit“ ist nichts anderes als ein Reparaturmechanismus für eine Fehlfunktion im System.

Medizinisch/psychisch: Was macht der Systemdurchfall mit einem Kind? Erfahrungsgemäß kämpft es in der Schule und zuhause mindestens ein oder zwei Jahre lang gegen den Misserfolg, bleibt vielleicht einmal sitzen, ehe es dann doch „nach unten weitergereicht“ wird, also eine Art sozialen Abstieg zu verkraften hat – jedenfalls in seiner und/oder der elterlichen Wahrnehmung. Hier die Sicht eines Kinderarztes.

Die Zusammenhänge

Hier gibt es weitere Informationen zu den systembedingten Problemen (an manchen Stellen: Lächerlichkeiten) des zu frühen Übertritts:

Faktencheck #1: Fiktive Homogenität

Neusprech #4: „Übertrittsempfehlung“

Faktencheck #3: Übertrittsalter

Fail #9: „Durchlässigkeit“?!

Sichtweisen #4: „Pädagogischer Unfug“?

Argumente #6: Prezi Übertritt

Sichtweisen #5: Übertrittsverfahren reformieren

Fail #10: Noten und Laufbahnempfehlungen

Sichtweisen #6: So sortiert Deutschland seine Kinder aus

Sichtweisen #7: Du wirst mal übergetreten

Sichtweisen #14: Elternwille oder Notenschnitt im Übertritt?

Gast #9: Sortieren nach dem Aschenputtelprinzip und die Folgen

Argumente #14: Abkehr von der verbindlichen Übergangsempfehlung

Fail #24: Selbstkritik ungenügend!

Faktencheck #36: Herkunft entscheidet über Zukunft

Initiative #21: Umfrage zum Übertrittsverfahren

Fail #30: Neues zu Max und Murat

Argumente #18: 85 Prozent für längeres gemeinsames Lernen in Bayern

Fail #32: Der Realschulmensch und die Element-Studie

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