Sichtweisen #36: Gymnasium oder Gemeinschaftsschule?

Christian Füller hat ein neues Buch geschrieben. Hier gebe ich seine eigene Präsentation auf  Spiegel online und ein Interview mit dem Verfasser durch den Deutschlandfunk wieder.  
Christian Füller, Jahrgang 1963, schreibt als Journalist über Bildungspolitik und hat mehrere Bücher über gute, schlechte und private Schulen verfasst. Zuletzt erschien von ihm „Die Revolution missbraucht ihre Kinder“ über sexuelle Gewalt bei Reformpädagogen, Jugendbewegten und 68er/Grünen. Außerdem bloggt der Politologe und Vater zweier Söhne als Pisaversteher.com.
Zunächst Spiegel online:

Füller-Gym-GemS

Neues Lernen

Muss das Kind wirklich aufs

Gymnasium?

Adrians Eltern haben die Frage aller Fragen mit einem Nein beantworten: Muss mein Kind aufs Gymnasium?

Dabei könnte der 12-Jährige durchaus ein Gymnasium besuchen. Die Eltern aber entschieden sich für jene Schulform, die gerade das deutsche Bildungssystem erobert: die Gemeinschaftsschule. Dort lernen alle Kinder gemeinsam. Und der Deutschen liebster Abschluss wird sanft erreicht, selbstbestimmt. Ein „Slow Abi“ sozusagen.

„In der normalen Schule bauen die Lehrer Druck auf, indem sie Prüfungen schreiben lassen und Noten geben“, sagt Adrian. „Bei uns ist das ganz anders. Da bauen wir Schüler den Druck auf – wenn wir das wollen.“ Er wird in einigen Jahren einer der neuen Abiturienten sein, an der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe.

Bundesweit erlebt die Gemeinschaftsschule einen Höhenflug – was einer Bildungsrevolution gleich kommt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der „Schulen für alle“ laut Statistischem Bundesamt mehr als verdreifacht: von knapp 670 Schulen im Jahr 2007 auf mehr als 2100 im vergangenen Schuljahr. Zum Vergleich: Es gibt in Deutschland 3100 Gymnasien.

Die Bildungsrepublik verändert sich grundlegend

Den Anfang machte im Jahr 2005 Schleswig-Holsteins damalige Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), indem sie das Tabu der Kultusminister brach und die gegliederte Schule infrage stellte. Sie ließ die Gemeinschaftsschule entwickeln – und gleichzeitig Haupt- und Realschulen auflösen. „Wir brauchen ersetzende Schulformen für Schularten, die sich überlebt haben“, begründete der Erfinder der Gemeinschaftsschule, der Schulforscher Ernst Rösner, den Wechsel.

So setzte sich die Gemeinschaftsschule erst in Schleswig-Holstein durch, dann folgten Berlin und das Saarland, auch Sachsen-Anhalt und Thüringen führten sie ein, inzwischen breiten sich die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg aus. In Hamburg und Bremen finden sich ganz ähnliche Stadtteilschulen und Oberschulen.

So wird Wirklichkeit, was bereits in den Siebzigern als Gesamtschulreform geplant war und in einen erbitterten Schulstreit mündete: die Ablösung des dreigliedrigen Schulsystems. Während die Gemeinschaftsschulen boomen, schrumpfen Haupt- und Realschulen unaufhaltsam vor sich hin: Die Zahl der Realschulen sank seit 2007 um ein Drittel, die der Hauptschulen sogar um die Hälfte.

Die Bildungsrepublik verändert sich damit grundlegend. Nur blieb das lange unbemerkt, weil die meisten nur auf den Abiturboom und den Hauptschultod blickten – seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 verdoppelte sich die Zahl der Abiturienten, und die Hauptschulen verloren etwa 725.000 Schüler.

Was ist neu an den Gemeinschaftsschulen? Schüler werden nicht mehr nach Leistung getrennt, sondern lernen im gleichen Klassenzimmer. Es wird also anders gelernt – selbständig und möglichst individuell.

„Die Schüler erwartet eine Welt, in der sie eben nicht immer gesagt bekommen, was sie zu tun haben“, sagt Micha Pallesche, der Leiter der Ernst-Reuter-Schule. „Die Schüler müssen sich selbst organisieren. Sie müssen versuchen, eigenständig zu arbeiten, indem sie kreativ werden und sich kollaborativ Teams zusammenstellen.“ Und in den Worten Adrians: „Ich kann mir meine Leistungsstufe selbst aussuchen, indem ich in einem Fach das gymnasiale Niveau wähle.“

Nicht Fächer, sondern Freiheit

Die wohl experimentellste unter den Gemeinschaftsschulen liegt in Berlin. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum organisiert ihr Lernen nicht nach Fächern, sondern nach dem Freiheitsgrad ihrer Schüler. In „Lernbüros“ bestimmen die Schüler das Tempo ihres Lernens, in den „Pulsaren“ der Oberstufe entscheiden sie sogar über das Thema, das sie erforschen wollen. Die evangelische Gemeinschaftsschule hat bereits mehrere Abiturjahrgänge entlassen, deren Leistungen sich nicht vom Durchschnittsabitur an Berliner Gymnasien unterscheiden.

So weit sind noch nicht alle Gemeinschaftsschulen. Viele bekommen erst nach und nach eine Oberstufe – die aber ist essenziell für die Mischung. Eltern, die ihr Kind an einer der neuen Schulformen anmelden wollen, sollten darauf achten, dass es eine Oberstufe gibt oder ob zumindest eine Kooperation mit einem Gymnasium existiert.

Am wichtigsten ist jedoch der Blick auf den Lernstil der Schule: Wird dort individuell gelernt – oder spielen nach wie vor Noten und Gleichschritt die entscheidende Rolle? Gibt es Lernbüros oder Lernateliers, in denen die Schüler selbst entscheiden, was und wie sie lernen?

So oder so: Die neue Schulwelt wird offener – und spannend. Nicht nur für Adrian.

So kommt das Anliegen im Interview mit dem Deutschlandfunk rüber:

Buchautor Füller zu Gesamtschulen„Das Gymnasium hat weiter seine Berechtigung“

Buchautor Christian Füller hat die verschiedenen Schulformen der Gesamtschulen mit dem klassischen Abitur verglichen. Fürs Abitur müsse kein Kind mehr aufs Gymnasium, sagte Füller im Dlf. Das Gymnasium habe aber auch künftig eine wichtige Rolle im Bildungssystem.

Christian Füller im Gespräch mit Stephanie Gebert

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek

Stephanie Gebert: Das Abitur als Bildungsabschluss – immer mehr Schülerinnen und Schüler haben das in der Tasche. Inzwischen schließt gut die Hälfte eines Schuljahrgangs mit der Hochschulreife ab. Nicht alle diese Absolventen haben dafür das Gymnasium besucht. Gemeinschaftsschulen, Gesamtschulen oder Stadtteilschulen sind für viele eine gern genommene Alternative. Diese recht neuen Schulformen haben den Run auf das Abitur noch befeuert. So lautet die Analyse des Bildungsjournalisten Christian Füller. In seinem neuen Buch „Muss mein Kind aufs Gymnasium?“ stellt er die neuen Lernformen der Gemeinschaftsschulen vor. Dort würden Schüler eine Art „Soft-Abi“ machen, und er vergleicht diesen Weg hin zum Abitur mit dem klassischen Gymnasium. Ich grüße Sie, Herr Füller! Wie also fällt Ihre Antwort aus auf die Frage: Muss mein Kind aufs Gymnasium?

Christian Füller: Ich würde sagen, muss mein Kind aufs Gymnasium heute, da würde ich sagen, nein, es muss nicht mehr aufs Gymnasium – Klammer auf –, um das Abitur zu machen. Es gibt einen anderen Weg zum Abitur, der möglicherweise auch für bestimmte Kinder ein guter Weg ist. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, zu sagen, das Gymnasium ist ein Modell der Vergangenheit. Ich glaube, dass das Gymnasium in einer zweigliedrigen Schullandschaft, also, wo es nur noch zwei Schulformen prinzipiell gibt – und das ist ja ein Trend, der ist durch die ganze Bundesrepublik zu beobachten –, auf jeden Fall eine Berechtigung hat.

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Ich habe mir gerade das Rosa-Luxemburg-Gymnasium genauer angeschaut, in Berlin-Pankow. Das ist ein wirkliches Leistungsgymnasium, da werden Tests gemacht. Eingangstests, das ist nur schwer zu verbergen, dass das IQ-Tests sind, und trotzdem führt diese Schule seit zehn Jahren individuelle Lernformen ein. Also, da gibt es so Profilbereiche, die auf die späteren Leistungskurse vorbereiten, da gibt es Enrichment-Kurse wie Töpfern – im Gymnasium! Das heißt, ein Leistungsgymnasium nimmt diese Elemente aus der Gemeinschaftsschule auf, das kann eine tolle Arbeitsteilung werden. Wir stehen im Grunde genommen, mit ein bisschen Hoffnung, vor einer neuen Bildungsrepublik, in der sich die Gymnasien verändern und neben den Gymnasien wirklich interessante Schulen entstehen.

Abitur hat gleichen Wert bei der Hochschulbewerbung

Gebert: Jetzt haben Sie gerade das leistungsstarke, das leistungsfördernde Gymnasium beschrieben. Das hat den gleichen Wert – das Abitur –, wenn ich es auf diesem Gymnasium mache, wie auf einer Gesamtschule?

Füller: Ja, schauen Sie, die Einser, die rausgehen aus einer Gemeinschaftsschule, unterscheiden sich bei einer Bewerbung für eine Universität überhaupt gar nicht von einem 1,6- oder 1,9- oder 1,2-Abitur von einem Gymnasium, das ist das Gleiche!

Gebert: Aber vielleicht ist die Note ein anderer Wert auf einem Gymnasium als auf einer Gesamtschule. Da steht vielleicht eine andere Qualität dahinter, könnte man das sagen?

Füller: Da gebe ich Ihnen total recht, da steht jeweils eine andere Qualität dahinter. Die Frage ist nur, wer guckt hinter die Fassade dieser Note? Ich glaube, dass die Arbeitgeber in Zukunft sehr viel deutlicher fragen, was steht eigentlich hinter der Eins? Kannst du mit kritischen Situationen in einem Team umgehen, bist du überhaupt teamfähig? Schauen Sie sich die Zeppelin-Uni in Friedrichshafen an: Dort kriegen Sie als Abiturient, wenn Sie sich für einen Studienplatz bewerben, kriegen Sie eine Aufgabe im Team, die nicht lösbar ist. Was machen denn eigentlich Schüler, wenn sie eine Aufgabe kriegen, die nicht lösbar ist? Ist dann sozusagen der Gymnasiast, der es gewohnt ist, leistungsmäßig Ziele zu erreichen, die konventionell sind, im Vorteil? Oder ist ein Teamspieler aus einer idealen Gemeinschaftsschule im Vorteil? Ich glaube, dass die Eins erst mal von der Note her genauso viel wert ist. Keine Universität wird jemanden abweisen, weil er ein Gemeinschaftsschulabitur hat, das kann man ja auch gar nicht.

Gebert: Sie sprechen in Ihrem Buch auch von dem Gymnasium als einem Lernort, der zu starr ist, um die künftigen Herausforderungen zu stemmen. Was genau kann das Gymnasium im Gegensatz zur Gesamtschule denn nicht leisten?

Besondere Herausforderungen fürs klassische Gymnasium

Füller: Das Gymnasium hat eine Herausforderung angenommen, nämlich die Heterogenisierung, die sich durch den Bildungsaufstieg ergeben hat, weil einfach so viele Schüler dazugekommen sind. Das hat das Gymnasium mehr oder weniger gut bewältigt, muss man sagen. Das Gymnasium wehrt sich gegen zwei andere Herausforderungen, obwohl die eigentlich in die selbe Richtung gehen. Das Gymnasium wehrt sich gegen Inklusion, das Gymnasium möchte keine Kinder mit Behinderungen aufnehmen. Die Zahl der behinderten Kinder, die an Gymnasien gehen, steigt zwar sehr stark an in den letzten Jahren, aber im Wesentlichen wehren sich die Gymnasien dagegen, genau wie sich Gymnasien nicht sehr wahnsinnig doll geöffnet haben für die Flüchtlinge. Das ist natürlich ein Prozess, den ich eigentlich kritisch sehen würde, weil ich glaube, dass das Lernen an einem Gymnasium anders wird. Aber wenn ich mir die vierte und die wirklich sehr große Herausforderung der Digitalisierung anschaue, finde ich das eigentlich ganz sympathisch, dass das Gymnasium solche Entwicklungen entschleunigt, dass es sie langsamer aufnimmt. Das Gymnasium ist meiner Ansicht nach etwas, da können die Gesamtschulen und die Gemeinschaftsschulen viel von ihm lernen. Das alte Gymnasium des Räsonierens, also das Humboldtsche Gymnasium der Fragestellung, wohin wollen wir, was heißt Urteilskraft, werden wir mündige Bürger – das ist genau die richtige Anstalt, um die Folgen der Digitalisierung zu thematisieren. Da ist das Gymnasium geradezu prädestiniert. Also, ich würde sagen, das Gymnasium hat Herausforderungen abgelehnt – Inklusion und Flüchtlinge –, das ist falsch, das ist nicht gut. Es wird die Digitalisierung nicht abwehren können und da möglicherweise eine neue Kraft entwickeln.

Run aufs Abitur geht weiter

Gebert: Wenn jetzt der Run auf das Abitur, so wie ich Sie verstehe und Ihre Analyse, anhält beziehungsweise sogar noch fortgeführt wird – was machen wir dann mit Menschen, die einen Hauptschulabschluss haben? Welche Chancen haben Schülerinnen und Schüler, Absolventen, die aus der Realschule kommen, mit dem entsprechenden Abschluss?

Füller: Das ist eine sehr gute Frage, die sich gerade in dieser Übergangsphase sehr dringlich stellt. Wenn Sie sich mal anschauen, wie die Entwicklung ist, in dem Moment, wo Sie Gemeinschaftsschulen gründen und die Leute dahin gehen. In Baden-Württemberg sind 28 Prozent der Schüler in den Gemeinschaftsschulen, die hatten eine Realschulempfehlung. Und trotzdem haben sechs Jahre nach dem Beginn dieser Gemeinschaftsschulen dort über 60 Prozent der Schüler die Mittlere Reife erworben. Das heißt, die Zahl der mittleren Abschlüsse hat sich deutlich erhöht an diesen Schulen. Wären diese Schüler mit Hauptschulabschluss in die Werkrealschulen oder Hauptschulen in Baden-Württemberg gegangen, dann hätten sie ja einen Realschulabschluss, jedenfalls im ersten Durchgang, nicht bekommen. Das heißt, die Abschlüsse gehen insgesamt nach oben bei diesem Gemeinschaftsschulsystem. Das ist ja erst mal gut, weil man Talente und Potenziale auch herausarbeiten kann in diesen Schulen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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