Sichtweisen #32: „Sachsens Bildungssystem ist leistungsfähig und hat Zukunft. Punkt.“

So kann man als CDUler auch versuchen, mit dem Wunsch nach Gemeinschaftsschule umzugehen und die Diskussion abzuwürgen, die in Sachsen in vollem Gange ist. Hier ein Bericht und ein Interview aus tag24.

BREITES BÜNDNIS: KOMMT DIE GEMEINSCHAFTSSCHULE IN SACHSEN?

ALTERNATIVMODELL FÜR SÄCHSISCHES SCHULSYSTEM IN PLANUNG?

Von Jan Berger

Dresden – Seit Ende September sammelt ein Bündnis unter dem Motto „Gemeinsam länger lernen“ Unterschriften für die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen als ein Alternativmodell im sächsischen Schulsystem. Ziel ist ein Volksantrag, welcher dann vom Landtag angenommen wird oder in einen Volksentscheid mündet.

 

Während die Mehrheit der Eltern das Anliegen begrüßt, ist die CDU strikt dagegen.

Über ein Jahr lang haben verschiedene Organisationen das Thema untereinander ausgelotet, um sich auf einen gemeinsamen Gesetzentwurf für die Schulart zu einigen.

Das breite Bündnis wird unter anderem unterstützt vom Landeselternrat, dem Landesschülerrat, Gewerkschaften, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und drei Parteien (SPD, Grüne, Linke).

Vorab wurde eine repräsentative Emnid-Umfrage in Auftrag gegeben, um die Erfolgsaussichten auszuloten: Zwei Drittel der sächsischen Eltern lehnen die bislang übliche Aufteilung der Kinder nach der vierten Klasse ab, ebenso viele sprachen sich für die Einführung der Gemeinschaftsschule aus.

Bei den unter 30-Jährigen liegt die Befürwortung gar bei 78 Prozent.

Kernanliegen ist, dass das gemeinsame Lernen von der ersten bis zur zwölften Klasse an einer Schule möglich gemacht wird, wobei alle Schulabschlüsse erreichbar sind.

Dazu müssten sich vor Ort die Lehrenden, Lernenden, Eltern und der Schulträger (Kommune) auf ein entsprechendes pädagogisches Konzept einigen. Auch die Kooperation von Schulen ist ausdrücklich gewünscht.

Eine über zehn Jahre erfolgte Evaluation von 19 sächsischen Schulen zeigte im Ergebnis, dass sich zwei besonders bewährt haben: das Chemnitzer Schulmodell und die Leipziger Nachbarschaftsschule. Beide sind als Alternativmodelle genehmigt und unterrichten ihre Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse.

 

Trotz des Elternwillens gibt es massiven Gegenwind von der CDU. Bildungspolitiker Lothar Bienst: „Sachsens Bildungssystem ist leistungsfähig und hat Zukunft. Punkt.“

Weil sich aber ausgerechnet der Koalitionspartner SPD zu dem Volksantrag bekennt, dürften noch einige Scharmützel bevorstehen.

Landeselternchef beklagt die Arroganz der CDU

Michael Becker (36) ist Vorsitzender des Landeselternrates und eine Vertrauensperson des Volksantrages.

TAG24: Herr Becker, wie reagieren die Eltern bei Unterschriftensammlungen?

Michael Becker: Fast ausschließlich positiv. Vor allem die jüngeren, die nur das gegliederte System durchlaufen haben, begeistert das Modell.

TAG24: Was überzeugt die Leute vom längeren gemeinsamen Lernen?

Es gibt viele gute Gründe. Sehr wichtig ist aber, dass es weniger Schulstress gibt.

TAG24: Von welchem Stress reden Sie?

Der beginnt bereits in der 3. Klasse, wenn die Eltern ihre Kinder und auch Lehrer wegen der anstehenden Bildungsempfehlung unter Druck setzen: Schaffst du es auf das Gymnasium oder bleibt nur der Realschulabschluss?

TAG24: In diesem Alter ist man ja noch gar nicht reif für Karriereplanung…

Eben. Viele Kinder entwickeln ihre Persönlichkeit erst später. Da hat der frühe Zeitpunkt der Selektion mitunter fatale Folgen.

 

TAG24: Die Landesregierung argumentiert, man könne ja auch zu einem späteren Zeitpunkt noch wechseln.

Die gepredigte Durchlässigkeit des sächsischen Schulsystems ist nicht existent. Vom Gymnasium zurück auf die Oberschule mag ja noch funktionieren. Umgekehrt ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit.

TAG24: Bei der Gemeinschaftsschule bleiben die Kinder von der ersten bis zur zehnten oder zwölften Klasse zusammen?

So wünschen wir das. Für die Kinder entfällt da auch der unbarmherzige Bruch nach der vierten Klasse: Da werden Freundschaften zerrissen, die aufgebaute Beziehung zu Lehrern ist weg und man muss in eine völlig neue Umgebung. Die Schüler fangen nahezu bei Null an. Und die Oberschüler empfinden sich derzeit oft als „der dumme Rest“ – nicht sehr motivierend.

TAG24: Schön und gut. Die Probleme der sächsischen Bildung sind doch aber die extrem langen Schulwege und der eklatante Lehrermangel.

Gerade beim Lehrermangel hilft die Gemeinschaftsschule weiter. Dadurch, dass sowohl Grundschul-, Oberschul- und Gymnasiallehrer gemeinsam an der Schule arbeiten, lassen sich Ausfälle viel leichter durch einen Kollegen kompensieren. Durch jahrgangsübergreifende Projekte oder Arbeit in Lerngruppen kann man flexibel auf den Bedarf eingehen und den Lehrereinsatz optimieren.

TAG24: Der Freistaat reagierte auf den Lehrermangel mit der Reduzierung der Unterrichtsstunden. Lernen Schüler weniger?

Die planlose Kürzung der Stundentafel erfolgte durch das Ministerium ohne die nötige Anpassung der Lehrpläne. Auch hier ist die Gemeinschaftsschule wegen ihrer Flexibilität bestens gewappnet, den Lehrstoff ohne eine Reduzierung zu vermitteln.

TAG24: Und die Schulwege?

Besonders im ländlichen Raum ist das Modell geeignet, weitere Schulschließungen zu vermeiden. Dadurch, dass genügend Schüler eine längere Zeit am selben Ort bleiben, können die Schulträger den Schülerverkehr auch effizienter organisieren.

TAG24: Bei so vielen guten Argumenten müssten die CDU und das Kultusministerium Sie ja mit offenen Armen empfangen!

Leider gibt es da keinerlei Diskussionsbereitschaft, das Maß an Arroganz sucht seinesgleichen. Es wird abgewiegelt und abgewunken. Ich habe noch nie erlebt, wie respektlos jemand mit der Arbeit von anderen umgeht.

TAG24: Liegen Sie so daneben?

Keinesfalls. Im vertraulichen Gespräch sind die Abgeordneten ja auch interessiert und machen sich über Kompromisse Gedanken. Doch wenn es offiziell wird – so scheint mir – gibt es bei der CDU eine Art Parteizwang.

Zuerst erschienen hier: https://www.tag24.de/nachrichten/schule-in-sachsen-lernen-gemeinschaftsschule-dresden-eltern-parteien-buendnis-870583

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