Fail #31: Mittelschulen sterben weiter

Der letzte Stand in Bayern:

Seit Einführung der Mittelschulreform und der Schulverbünde sind in Bayern mindestens 101 ehemalige Hauptschulen, die dann „Mittelschulen“ genannt wurden, auf Schülerzahl = null gesunken. Sie wurden (umgangssprachlich) „dicht gemacht“, (normalsprachlich) „geschlossen“, bzw. (KM-neusprachlich) „inaktiv gestellt“. In dieser Karte sind das die rot gekennzeichneten Standorte. Es fehlen hier Standorte in größeren Kommunen, deren Schülerzahlen ich mit Hilfe der Website des Statistischen Landesamtes nicht erheben kann. Da kommen sicher auch noch einige hinzu, wie zum Beispiel die Thomaschule als eine von ehemals drei Hauptschulen in Dachau.

Die blauen Markierungen verweisen auf Mittelschulen, deren Schülerzahl zwischen 14 und 66 liegt, woraus man schließen kann, dass ihnen mindestens ein Jahrgang fehlt – umgangssprachlich „Zahnlückenschulen“.

Die weißen Pins zeigen Schulen an, deren Schülerzahl über 66 liegt, aber maximal um die 100 herum schwankt.

Alle weißen und blauen Schulen kommen auf eine Zahl von 223 und werden von mir in den Kreis der gefährdeten Standorte eingereiht.

Bei meinem letzten Seiteneintrag zu diesem Thema habe ich geschrieben:

Noch existieren Mittelschulen mit 14 Schüler/innen (Inzell), 18 Schüler/innen (Thurmannsbang), 19 Schüler/innen (Kirchroth), 16* Schüler/innen (Breitenbrunn) oder Steinwiesen und Neuhof an der Zenn (je 18 Sch). Man kann die Bürgermeister regelrecht vor sich sehen, wie sie jedes Jahr neu Fingernägel kauend an ihrem Schreibtisch sitzen und hoffen, dass ihre sieche Schule weiter besteht.

Quod erat demonstrandum – die Schülerzahlen der vergangenen drei Jahre:

  • Inzell: 30 – 14 – 0
  • Breitenbrunn: 33 – 24* – 0
  • Steinwiesen: 32 – 18 – 0

* Die Unterschiede können dadurch zustande kommen, dass manchmal während des Schuljahres Schüler wechseln.

Thurmannsbang hat sich auf Minimalniveau stabilisiert (15 – 18 -20). Man bedenke: ein kleines Häufchen von 20 Schüler/innen und ein oder zwei Lehrkräften nennt sich „Mittelschule“. Ähnliches geschieht in Neuhof an der Zenn (15 – 18 – 18).

Das Problem der Mittelschulen in Bayern

… ist ihr schlechtes Ansehen. Das hat die CSU mal erheben lassen. Das folgende Diagramm zeigt, wie zufrieden die Befragten mit den unterschiedlichen Bildungseinrichtungen sind. Es ist symptomatisch, dass die Mittelschule ganz unten steht. Sie würde höchstens noch von der Förderschule unterboten, nach der aber typischer Weise gar nicht gefragt wurde. Beide Schularten teilen das Schicksal, dass sie von den Eltern möglichst nicht als Schule ihrer Kinder gewählt, aber von der Bayerischen Staatsregierung unter allen Umständen aufrecht erhalten werden.

CSU-Umfrage_Schularten

Die Unzufriedenheit bezieht sich vermutlich nicht auf die Qualität der Lehrer/innen und die Pädagogik, sondern auf die Abschlüsse: Nur an Standorten mit einem so genannten „Mittlere-Reife-Zug“ („M-Zug“) ist ein mittlerer Schulabschluss möglich, der die gleichen Zertifikate verleiht wie Real- oder Wirtschaftsschulen, aber über keine so feste Substanz verfügt: Die Inhalte, die dort unterrichtet und geprüft werden, sind gleich; allerdings fehlt in der Regel die Tiefe. Das kann ich sagen, weil ich seit vielen Jahren Schulen mit M-Klassen leite und auch schon häufig Mathe in der 10. Klasse unterrichtet habe.

Die Eltern wollen Abschlüsse

Die Eltern schauen in erster Linie darauf, welchen Abschluss ihr Kind an einer Schule machen kann. Und da steht die Mittelschule sehr ungünstig in der bayerischen Schullandschaft. Sie kann den Run auf die Gymnasien und Real- oder Wirtschaftsschulen nicht aufhalten, so dass immer mehr Schüler aus der Fläche in die größeren Kommunen abgezogen werden. Während in den Dörfern Mittelschulen mit 20 Schüler/innen vor sich hin vegetieren, platzen in den Städten Realschulen und Gymnasien mit um die 1000 Schüler/innen aus den Nähten.

Längeres gemeinsames Lernen

Schulen wie die Gemeinschaftsschule könnten dafür sorgen, dass die Schüler im Dorf bleiben, indem sie bis zur 10. Klasse gleichwertige Abschlüsse wie die Realschulen und Anschlüsse ans Gymnasium bieten. Das würde in Bayern vielen Kommunen helfen, eine Schule am eigenen oder Nachbarort zu erhalten. Dass sich dies zu wenig herumgesprochen hat, ist der unseligen Schulpolitik der CSU-Fraktion zu verdanken. Es gibt immer wieder Bürgermeister und Gemeinderäte, die den Zusammenhang verstanden haben und einen Schulversuch in die Wege leiten würden. Allein, bisher sind alle Ansätze vom bayerischen Kultusministerium abgeblockt worden. Dass das längere gemeinsame Lernen weltweit der erfolgreiche Standard und in Deutschland zunehmend erprobt und eingerichtet wird, haben die Verantwortlichen bisher nicht wahrhaben wollen. (Siehe viele Facts und Stimmen unter „Argumente“ in diesem Blog.)

Ich habe die Hoffnung, dass sich diese Blockade mit der nächsten Landtagswahl am 14. Oktober 2018 auflöst.

 

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