Faktencheck #36: Herkunft entscheidet über Zukunft

Gerd Möller, der ehemalige Leiter der Gruppe Bildungsforschung im Ministerium für Schule und Weiterbildung in NRW und Mitglied der deutschen Expertengruppe für Mathematik in PISA, hat in diesem Blog bereits einige Beiträge verfasst. Hier zitiere ich aus seinem jüngsten Aufsatz für die Neue Deutsche Schule.

Möller, Gerd (2018): Übergang in die weiterführenden Schulen. Die Herkunft entscheidet. In: nds (6/7), S. 14–16.

Die Ausführungen sprechen für sich und müssen von mir nicht kommentiert werden.

Chancenungleichheit – Erkenntnisse aus der KESS-Studie

Die Schullaufbahn eines Kindes entscheidet sich in Deutschland in den meisten Fällen in der vierten Klasse – manche Schüler*innen sind dann noch nicht einmal zehn Jahre alt. Wechselt ein Kind am Ende der Grundschulzeit zum Beispiel nicht aufs Gymnasium, kann das zwei verschiedene Gründe haben: Entweder ist das Leistungspotenzial des Kindes nicht groß genug – oder es wurde nicht erkannt, nicht genug gefördert, von Eltern oder Lehrer*innen nicht richtig eingeschätzt.

Der zweite Fall stellt sich im Kern als ein Problem der Chancengerechtigkeit dar: Die Hamburger Studien „Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern“ (KESS) haben nachgewiesen, dass ein Drittel der Schüler*innen mit Gymnasialempfehlung im Jahr 2003 eine unterdurchschnittliche Lesekompetenz hatte. Dagegen hatte ein Drittel der Schüler*innen, die an Real- und Hauptschulen empfohlen wurden, eine überdurchschnittliche Lesekompetenz. Sozial ungleich wird diese „Fehlverteilung“, weil Kinder aus unteren Schichten bei gleicher Lesekompetenz viel häufiger auf Haupt- und Realschulen gehen und eben nicht zum Gymnasium. (Möller 2018, S. 14–15)

Prädiktoren für die Übergangsentscheidung

Gerd Möller übernimmt ein Diagramm aus der TIMMS-Übergangsstudie von 2010.

Entscheidende Übergangsfaktoren

Der wichtigste Prädiktor für die Übergangsentscheidung sind dabei die objektiven, um die soziale Herkunft bereinigten Schüler*innenleistungen. Sie erklären fast die Hälfte (47 Prozent) des Verteilungsmusters an den verschiedenen Schulformen. 25 Prozent der Unterschiede sind auf die Noten und Empfehlungen der Lehrkräfte zurückzuführen. Bemerkenswerte 28 Prozent der erklärten Unterschiede in der Schulformverteilung entfallen auf die Sozialschichtkomponente, in der primäre und sekundäre Effekte der sozialen Herkunft zusammengefasst sind. Mit 59 Prozent wirken die sekundären Herkunftseffekte stärker als die primären mit 41 Prozent (siehe Abbildung). (Möller 2018, S. 15)

Die sekundären Herkunftseffekte nehmen an Wichtigkeit zu

Die sekundären Herkunftseffekte werden also von der Notenverteilung über die Empfehlungsvergabe bis zur Übergangsentscheidung immer wichtiger, bis sie schließlich dominieren. (Möller 2018, S. 16)

Eklatanter Verstoß gegen die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit

Auch wenn die objektive Schüler*innenleistung und die fähigkeitsbezogenen Urteile der Grundschullehrkräfte die entscheidende Rolle beim Übergang zur Sekundarstufe I spielen, zeigt doch die Untersuchung eindrucksvoll: Im deutschen Schulsystem wird eklatant gegen Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit verstoßen. (Möller 2018, S. 16)

„Leistungsgerechtes Bildungssystem“?

Angesichts der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ist es erstaunlich, dass Kreise unserer Gesellschaft nach wie vor von einem leistungsgerechten Bildungssystem sprechen und die Bedeutung von Schulstrukturen auf anregungsförderliche Lernumgebungen negieren. Dies ist umso erstaunlicher, da nach der empirischen Wende das hohe Lied der evidenzbasierten Qualitäts- und Schulentwicklung gesungen wird. (Möller 2018, S. 16)

Abkehr vom versäulten System

Es ist endlich an der Zeit, gesamtgesellschaftlich darüber nachzudenken, wie die offensichtlichen Bildungsungerechtigkeiten beseitigt werden können. Änderungen der bestehenden Schulstrukturen haben dabei eine besondere Bedeutung, denn nur durch die Gelenkstellen in gegliederten Schulsystemen, an denen die Schüler*innen nach verschiedenen Schulformen sortiert werden, kann der sekundäre Herkunftseffekt zum Tragen kommen. Um dem entgegenzuwirken, muss an den Verzweigungspunkten im Schulsystem angesetzt werden. Eine Abkehr vom versäulten System würde die durch Übergangsentscheidungen entstandenen sozialen Ungleichheiten beim Übergang in die weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I unmöglich machen. (Möller 2018, S. 16)

Andere Beiträge von Gerd Möller:

Gäste #5: Gabriele Bellenberg / Gerd Möller – Ungleiches ungleich behandeln!

Gast #9: Sortieren nach dem Aschenputtelprinzip und die Folgen

Gast #22: Was ist die richtige Klassengröße?

Und noch eine Literaturangabe zum Thema:

Möller, G. & Wynands, A. (2011). Differenzielle Aspirationsmilieus: eine Folge des gegliederten Schulsystems? Schulformen prägen auch die Schulabschlusswünsche von Schülern und Eltern. Schulverwaltung NRW (3), 91–93.

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