Fail #25: Sitzenbleiben – teuer und wirkungslos

Ist Sitzenbleiben eine Form des Förderns, wie es einmal ein Mitarbeiter im bayerischen Kultusministerium schriftlich formuliert hat, oder doch eher das Gegenteil? Wie kann sich der Mythos vom Wert des Wiederholens nur so lange halten? Hier ein paar Fakten und Argumente.

Wie verbreitet sind Klassenwiederholungen?

Darüber gibt das Diagramm des Statistischen Bundesamtes Auskunft (S.24):

Wiederholer_Stat_Bundesamt

Man erkennt, dass die meisten Bundesländer den Wiederholeranteil in den verglichenen zehn Jahren zurückgefahren haben.

Problem 1: Wiederholen ist kontraproduktiv

Wer die Hattiestudie wirklich gelesen hat, ist vielleicht über diesen Punkt gestolpert: Die Effektstärke der Wiederholung einer Jahrgangsstufe ist – 0.16. Das bedeutet, es handelt sich um eine negative Wirksamkeit: Sitzenbleiben bringt nicht nur nichts, es bewirkt sogar das Gegenteil einer Verbesserung, so dass Hattie formuliert:

The only question of interest relating to retention is why it persists in the face of this damning evidence (Hattie 2009, S. 98).

Die deutschen Interpreten der Hattiestudie beschreiben die Zusammenhänge genauer:

Denn bei einer genaueren Betrachtung der Ergebnisse zeigt sich, dass die eigentliche Wirkung einer Nichtversetzung erst im weiteren Verlauf der Bildungskarrieren von Heranwachsenden einsetzt. Hattie führt dazu aus, dass der negative Effekt mit der Zeit ansteigt: »Nach einem Jahr erzielen die Wiederholenden einen Wert von 0,45 Standardabweichungen unterhalb denjenigen der Vergleichsgruppen, die in die nächste Klasse versetzt und die oft anhand des entsprechend anspruchsvolleren Stoffs getestet worden sind. Dieser Unterschied vergrößert sich mit jedem weiteren Jahr. Bei Messungen, die vier und mehr Jahre nach der Wiederholung der Klasse erfolgten, erreicht der Unterschied einen Wert von 0,83 Standardabweichungen« (ebd.). Daraus folgt, dass das Nichtversetzen seine weiteren negativen Folgen zunächst gar nicht preisgibt. Hier könnte auch von einem »Depoteffekt« gesprochen werden, weil sich die dramatischen Folgen erst längerfristig sichtbar niederschlagen. Die Folgen zeigen sich auch noch von einer anderen Seite: Werden die Bildungswege der Heranwachsenden am Ende der Pflichtschulzeit betrachtet, dann weisen fast zwei Fünftel (38 Prozent) der 15-Jährigen in Deutschland am Ende der Schulpflichtzeit eine verzögerte Schullaufbahn aus (Datenbasis: PISA 2000; vgl. Schümer 2004). Die Ergebnisse zur Nichtversetzung zählen zu den bestgesichertsten in der Unterrichtsforschung. So gibt es kaum einen anderen Untersuchungsbereich mit einem derart klaren Befund. Hattie fragt sich deshalb, »warum eine solche Praxis angesichts derart vernichtender empirischer Belege immer noch angewandt wird« (ebd.). (Steffens und Höfer 2016, S. 113)

Aber man muss nicht auf einen neuseeländischen Bildungsforscher zurückgreifen, um den Mythos des Sitzenbleibens zu entlarven. Auch die deutschen Wissenschaftler sind sich da einig, zum Beispiel meint Klaus Klemm, dass es keine individuelle Verbesserung und keinen Profit für die „Homogenisierten“ gibt:

Klassenwiederholungen führen weder bei den sitzengebliebenen Schülerinnen und Schülern zu einer Verbesserung ihrer kognitiven Entwicklung, noch profitieren die im ursprünglichen Klassenverband verbliebenen Schülerinnen und Schüler von diesem Instrument. Dies belegen alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien. Klassenwiederholungen sind daher als unwirksame Maßnahme in den deutschen Schulsystemen anzusehen. (Klemm 2009, S. 5)

Falls jemand die Objektivität der bisher genannten Bildungsforscher bezweifelt, hier noch der Aktionsrat Bildung, der fordert: Klassenwiederholungen vermeiden!

Zur Förderung leistungsschwacher Schüler gehört es, ihr weiteres Abdriften nach unten wirkungsvoll insbesondere dadurch zu unterbinden, dass Klassenwiederholungen vermieden werden und individuelle Förderung gewährleistet wird. (Blossfeld 2007, S. 146)

Diese Hinweise sind nur die eine Seite des Problems. Eine andere Seite zeigt ein Blick auf die Kosten.

Problem: Sitzenbleiben ist teurer als Fördern

Hier zur Illustration drei Zitate, eines von Klemm, ein indirektes vom Institut der deutschen Wirtschaft und eins von Schleicher:

Die vorliegende Studie zeigt, dass in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 0,9 Milliarden Euro (931 Millionen Euro) für Klassenwiederholungen ausgegeben werden. (Klemm 2009, S. 5)

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft hat sich zu Wort gemeldet und vorgerechnet, dass jeder Euro, der nicht in Bildung und Schule investiert wird, bei den Unterstützungssystemen für die schulisch Erfolglosen mit dem Faktor 7 wieder auftaucht, von den Milliarden zu schweigen, die durch das unsinnige und wirkungslose Nicht-Versetzen von Schülern vergeudet werden. (Herrmann 2009)

Das Sitzenbleiben ist ein anderes Thema. Ein Jahr Wiederholung kostet die Gesellschaft zwischen 15.000 und 18.000 Euro. Und es bringt weder dem Einzelnen noch der Schule etwas. Dagegen könnte eine Schule mit 15 000 Euro sehr viel tun, um einen Schüler wirklich individuell zu fördern! Es mangelt also gar nicht unbedingt am Geld, sondern es sind diese Organisationsformen, die dazu führen, dass Verantwortung abgewälzt wird. In anderen Ländern, eben in Skandinavien zum Beispiel, gibt es das Sitzenbleiben nicht, da sind die Schulen gezwungen, mehr Verantwortung für ihre Schüler zu übernehmen. (Schleicher 2007)

Aus alledem zieht das Statistische Bundesamt folgende Schlüsse, die es den nüchternen Zahlen zur Seite stellt:

Klassenwiederholungen können die Motivation von Schülerinnen und Schülern positiv, aber auch negativ beeinflussen. Ungeachtet dessen führen Klassenwiederholungen zu erheblichen Mehraufwendungen im Bildungsbereich. Die Kosten vorbeugender Maßnahmen zur Vermeidung von Klassenwiederholungen gelten als wesentlich niedriger als diejenigen, die dadurch entstehen, dass Schülerinnen und Schüler ein weiteres Jahr zur Schule gehen. (S. 24)

Fazit

Sitzenbleiben bringt nicht nur nichts, sondern bewirkt sogar das Gegenteil und ist darüber hinaus auch noch teurer als die Alternative, nämlich die Schüler zu fördern. 

Literaturverzeichnis

Blossfeld, H.-P. (2007). Bildungsgerechtigkeit (Aktionsrat Bildung: Jahresgutachten, Bd. 2007, 1. Aufl). Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss.

Hattie, J. (2009). Visible learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London: Routledge.

Herrmann, U. (2009, Juni). Förderung und Selektion: Der Zielkonflikt der Schulpolitik und seine gesamtgesellschaftlichen Folgen, München.

Klemm, K. (2009). Klassenwiederholungen – teuer und unwirksam. Eine Studie zu den Ausgaben für Klassenwiederholungen in Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Schleicher, A. (2007). „Die Schulen wälzen die Verantwortung ab“. Interview mit Karl-Heinz Heinmann, schule.wdr.de. http://​www.netschool.de​/​ens/​schleicher1.htm.

Statistisches Bundesamt: Schulen auf einen Blick, Ausgabe 2018 https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Schulen/BroschuereSchulenBlick0110018189004.pdf?__blob=publicationFile

Steffens, U. & Höfer, D. (2016). Lernen nach Hattie. Wie gelingt guter Unterricht? (1. Auflage). Weinheim: Beltz, J.

 

 

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