Faktencheck #32: „Zeugnisse ohne Noten sind ein Angriff auf das Leistungsprinzip“ (?)

Wenn reformpädagogische Schulen darlegen, dass sie möglichst lange oder sogar generell auf Noten verzichten, dann wird ihnen gern mal „Leistungsfeindlichkeit“ und „Kuschelpädagogik“ vorgeworfen. Als ob die genaue Darlegung eines Lernverhaltens und von Lernergebnissen in schriftlicher Form oder in einem Lehrer-Schüler-Elterngespräch nicht leistungsbezogen wäre. Dieses Argument ist, mit Verlaub, dümmlich. Es ist nachgerade verwunderlich, dass sich der Grundschulverband die Mühe macht, sachlich darauf einzugehen.

In Zeugnissen werden Leistungen von Schülerinnen und Schülern spätestens seit dem 19. Jahrhundert durch Ziffernnoten ausgewiesen. Gesellschaftspolitisch war die Vergabe von Berechtigungen »nach Leistung« ein großer Fortschritt gegenüber dem Erwerb beruflicher und sozialer Positionen allein durch Herkunft. Auch in aktuellen Umfragen spricht sich die Mehrheit der Bevölkerung dafür aus, an der traditionellen Benotung von 1 bis 6 festzuhalten. Auch viele Eltern und Kinder setzen auf die angebliche Objektivität und Vergleichbarkeit.

Auf der anderen Seite stehen Befunde der Forschung, die die behaupteten Vorteile von Noten nachdrücklich in Frage stellen – schon 1971 von Ingenkamp in einem Sammelband unter dem Titel »Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung« zusammengefasst und inzwischen vielfach bestätigt (vgl. zuletzt Arbeitsgruppe Primarstufe 2006/2014; Faber/Billmann-Mahecha 2010). Im Einzelnen:

Noten fördern Leistung nicht

Schülerinnen und Schüler brauchen keine Noten, um zum Lernen motiviert zu werden. Internationale Leistungsstudien wie PISA zeigen keine Vorteile für Schulsysteme, die früh benoten. Auch Schulversuche in Deutschland und vor allem die Leistungserfolge von Reformschulen ohne Noten zeigen, dass eine sekundäre Motivation nicht erforderlich ist, um die Anstrengungsbereitschaft von Schulkindern aufrechtzuerhalten.
Es besteht im Gegenteil die Gefahr, dass sie sich vom Fremdurteil abhängig machen. So lernen sie nicht, sich um der Sache willen anzustrengen, sich selbst Ziele zu setzen und ihre eigene Leistung realistisch einzuschätzen.

Noten sind informationsarm

Behauptet wird, man brauche Noten, um zu wissen, was ein Kind (nicht) kann. Aber Noten fassen in den Ziffern sehr unterschiedliche Leistungsaspekte zusammen: in Mathematik zum Beispiel Arithmetik, Sachrechnen, Geometrie. Hinter derselben Note können sich also sehr verschiedene Kompetenzprofile verbergen. Dieselbe Note kann sogar für ganz unterschiedliche Leistungsniveaus stehen: eine »3« zum Beispiel für einen sprachbegabten Schüler, der wenig getan hat, sein Potenzial auszuschöpfen, aber ebenso für eine erfolgreich lernende Migrantin, die in wenigen Jahren große Fortschritte im Deutschen gemacht hat. Noten sind also in der Sache nicht aussagekräftig und deshalb auch nicht hilfreich für die Planung der Förderung.

Noten sind nicht vergleichbar

Die Bewertung orientiert sich in der Regel an der Leistungsverteilung in der aktuellen Bezugsgruppe. Wechselt ein Kind die Klasse, können sich seine Noten schon allein dadurch verbessern oder verschlechtern. Daraus folgt:

Die Beurteilung durch Noten ist nicht fair

Im Rahmen allgemeiner Bildung ist »Leistung«, was jemand unter gegebenen Bedingungen aus seinen persönlichen Möglichkeiten macht. Noten beurteilen Lernerfolge aber im Vergleich mit anderen. Damit berücksichtigen sie nicht die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder: Schon am Schulanfang beträgt die Spanne etwa drei Entwicklungsjahre, bezogen auf ein Durchschnittskind. Auch als Kriterium für eine faire Auslese am Ende der vierten Klasse sind sie nicht geeignet, da ihre prognostische Kraft zu gering, d.h. die Fehlerquote bei einer Zuweisung nach Noten zu den verschiedenen Schulformen zu groß ist.

Die Vergabe von Noten ist nicht objektiv

Die Notenziffern – zum Teil mit zwei Stellen hinter dem Komma – suggerieren Präzision. Ihre Entstehung hängt aber in hohem Maße von der Lehrperson ab. Beurteilungskriterien werden von verschiedenen Lehrkräften unterschiedlich gewichtet – selbst in Mathematik, wenn der eine das richtige Ergebnis, die andere den Lösungsweg höher bewertet, oder in den Sachfächern, wenn die sprachliche Form im Verhältnis zum sachlichen Gehalt unterschiedlich gewichtet wird. Schon ein Lehrerwechsel führt oft zu Notensprüngen – bei unveränderter Kompetenz der Schülerinnen und Schüler. Und selbst dieselbe Lehrperson bewertet dieselbe Leistung zu verschiedenen Zeitpunkten oft unterschiedlich.

Fazit: Noten werden den Erwartungen, die mit den präzise wirkenden Ziffern verknüpft werden, nicht gerecht. Sie erzeugen eine irreführende Scheinklarheit. Damit entziehen sie die Beurteilung und ihre Umstände einer kritischen Diskussion. Vor allem aber helfen sie nicht bei der Lernplanung und bei Überlegungen zur Überwindung von individuellen Schwierigkeiten. Darum ist die Suche nach Alternativen notwendig, die den Leistungen der Kinder eher gerecht werden:

Standardisierte Tests versprechen Objektivität und Vergleichbarkeit. Der Preis ist, dass die Ergebnisse fehleranfällig sind, da es sich um nur punktuelle Messungen handelt. Zudem kann die Lösung einer Aufgabe auf unterschiedlichen Wegen zustande gekommen sein. Für die Interpretation dieser Mehrdeutigkeit bleibt das professionelle Urteil unverzichtbar. Tests sollten Lernbeobachtungen zwar ergänzen, können sie und das Lehrerurteil aber nicht ersetzen (vgl. Faktencheck »Mehr Tests steigern die Leistungen von Schülern, Lehrern, Ländern«).

Entwicklungsberichte beschreiben die Leistungen des Kindes und seine Entwicklung differenzierter als Tests, bleiben aber wie Noten von der Sicht der Lehrperson abhängig. Für Kinder und Außenstehende sind die gewählten Formulierungen nicht immer verständlich. Deren Bedeutung ist nur im Dialog aller Beteiligten klärbar.

Kompetenzraster können die Wahrnehmung der Lehrperson stärker ausrichten und orientieren ihr Urteil auf die zu erreichenden Lernziele statt auf die Bezugsgruppe. Ihre Auffächerung auf eine Vielzahl von Teilleistungen verliert aber leicht das Kind als Person und vor allem seine Entwicklung aus dem Blick. Und sie bleibt ein Urteil »von oben«.

Eine »pädagogische Leistungskultur« (Bartnitzky u. a. 2005ff.) fordert deshalb Mehrperspektivität und Dialog. Lerngespräche können die Abhängigkeit von der subjektiven Wahrnehmung einzelner Personen aufheben. Darüber hinaus ermöglicht eine gemeinsame Bewertung von Fortschritten und Schwierigkeiten im Austausch von Lehrperson, Kind und Eltern eine soziale Kontrolle der Beurteilungen und eine gemeinsame Verpflichtung auf die nächsten Schritte. Vor allem nimmt die Einbeziehung der Kinder in die Gespräche ihre Sicht ernst und hilft, ihre Fähigkeit zur Selbsteinschätzung zu entwickeln.

Literatur

Arbeitsgruppe Primarstufe (2014): Sind Noten nützlich und nötig? Ziffernzensuren und ihre Alternativen im empirischen Vergleich. Eine wissenschaftliche Expertise. Grundschulverband e.V.: Frankfurt (1. Aufl. 2006).

Bartnitzky, H. u. a. (Hrsg.) (2005/2006/2007): Pädagogische Leistungskultur: Materialien für Klasse 1/2 und Klasse 3/4. Beiträge zur Reform der Grundschule, Bd. 119/121/124. Grundschulverband: Frankfurt.

Grundschule aktuell, H. 129 (2015): Kinder/n zeigen, was sie können. Zum Umgang mit Leistungen.

Faber, G./ Billmann-Mahecha, E. (2010): Notengebung im Spiegel wissenschaftlicher Untersuchungen. Probleme, Erfordernisse und Möglichkeiten aus pädagogisch-psychologischer Sicht. In: Lernchancen, 13. Jg., H. 74, 30–33.

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