Fail #22: Jugendliche Flüchtlinge – die Bildungsverlierer von morgen?

Seit 2015 hat das deutsche Schulsystem schätzungsweise 130.000 jugendliche Flüchtlinge aufgenommen. Sie werden häufig in benachteiligten Schulen zusammengefasst, was die Gefahr in sich trägt, dass sie ihre Potenziale nicht entfalten können.

Schule als Sackgasse? Jugendliche Flüchtlinge an segregierten Schulen

So lautet der Titel einer Studie, die der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration durchgeführt hat. Dies sind ihre zentralen Ergebnisse:

  • In Deutschland konzentrieren sich Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen oft an bestimmten Schulen. Solche ‚segregierten‘ Schulen finden sich besonders in Großstädten. Hier gibt es viele Schulen, an denen über die Hälfte der Schülerschaft einen Migrationshintergrund hat und sozial benachteiligt ist.

  • Wenn Flüchtlinge eine segregierte Schule besuchen, zeigen sie nicht automatisch schlechtere Leistungen als an anderen Schulen. Dennoch birgt die Mehrfachbelastung des dortigen Personals das Risiko, dass Flüchtlinge nicht hinreichend unterstützt werden, vor allem, wenn sie besondere Förderung benötigen.

  • Das bestätigt die Schulpraxis an 56 segregierten Schulen in 5 Bundesländern: Im regulären Fachunterricht werden viele der Flüchtlinge nicht ausreichend unterstützt, und ihre Förderung wird in den Lehrerkollegien nicht genügend abgestimmt.

  • Zukünftig sollten Schulbehörden und Schulen stärker berücksichtigen, wie sich die Lerngruppen vor Ort auf sozialer, sprachlicher und kultureller Ebene zusammensetzen, wenn sie junge Flüchtlinge auf Schulen und Klassen verteilen. Eine weitere Segregation muss vermieden werden.

  • Außerdem sollten die Lernmöglichkeiten an segregierten Schulen verbessert werden. Dazu benötigen die Schulen entsprechend ihrer Situation mehr Lehrpersonal, das mit den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schülerschaft kompetent umgeht. (S. 4)

Modelle der Integration

An deutschen Schulen gibt es laut Studie drei Grundmodelle der Beschulung von jugendlichen Flüchtlingen (S. 23):

Flüchtlinge_Modelle

Dazu heißt es im Text:

Erst Trennung, dann Integration

Die meisten Schulen, an denen die befragten Fellows unterrichten, beschulen Flüchtlinge und andere neu zugewanderte Jugendliche zunächst getrennt von der übrigen Schülerschaft. Mehr als acht von zehn Schulen nutzen hierfür Vorbereitungsklassen, die die Jugendlichen in einem bzw. maximal zwei Jahren befähigen sollen, am Regelunterricht teilzunehmen. In dieser ‚Eingewöhnungszeit‘ steht das Erlernen der deutschen Sprache im Vordergrund.

In knapp der Hälfte der Schulen, die Vorbereitungsklassen unterrichten, lernen geflüchtete Jugendliche nur selten bzw. nie zusammen mit den Regelklassen (Modell C in Abb. 3). Die andere Hälfte fördert hingegen den Kontakt zwischen den Flüchtlingen und der Schulgemeinschaft, insbesondere über gemeinsamen Unterricht in Fächern wie Sport, Kunst und Englisch (Modell B). Im Schnitt gibt es an einer Schule zwischen zwei und drei Vorbereitungsklassen. Nur eine Handvoll der untersuchten Schulen integriert die Neuankömmlinge sofort in den Regelunterricht. Hier erhalten sie neben dem regulären Fachunterricht i. d. R. ergänzenden Unterricht in Deutsch als Zweitsprache (Modell A).

Die Modelle B und C sind nicht nur innerhalb der Schulstichprobe sehr verbreitet. Generell deuten die schulrechtlichen Vorgaben der Länder und Eindrücke aus der Praxis darauf hin, dass die meisten weiterführenden Schulen im städtischen Raum die Schülergruppen anfangs trennen (Daschner 2017: 89; Massumi et al. 2015: 48–49).5 (S. 22)

Fallstricke der Integration

Wenn die jugendlichen Flüchtlinge nach einer Zeit in der Vorbereitungsklasse dann in die Regelklasse überführt werden, zeigt sich an manchen Stellen ein neues Problem: Viele Lehrkräfte sind durch ihre spezielle Schülerschaft bereits sehr belastet und haben deshalb weniger Kapazitäten, sich ausreichend um die neu Angekommenen zu kümmern. Einen Hinweis auf die häufig der Situation geschuldeten Mängel gibt die folgende Gegenüberstellung:

Zusammenarbeit_Flüchtlinge

Man erkennt, dass die Kommunikation und Kooperation innerhalb des Kollegiums in Regelklassen (blau) wesentlich schwächer ausgeprägt ist als in den Vorbereitungsklassen (grün). Dazu heißt es im Text:

Lehrende an segregierten Schulen sind allerdings ohnehin schon mehrfach belastet. Sie müssen nicht selten auch außerschulische und zum Teil gewalttätige Konflikte bewältigen, die vom Stadtteil bis in die Schulen hineinwirken. Insofern ist fraglich, ob segregierte Schulen für traumatisierte und besonders förderbedürftige Flüchtlinge die ideale Lernumgebung sind (vgl. Pfaff/Fölker/Hertel 2015; Böse et al. 2017: 194; Baur 2012: 132).

Spätestens an dieser Stelle muss noch die Definition von „segregierten Schulen“ nachgeliefert werden, von der die Studie Gebrauch macht.

Als segregiert werden i. d. R. Schulen oder Schulklassen bezeichnet, in denen der Anteil der Schulkinder mit Migrationshintergrund oder mit sozialer Benachteiligung überdurchschnittlich hoch bzw. unterdurchschnittlich niedrig ist. (S. 9)

Lösungsvorschläge

Auf die Problematik der Segregation und der überforderten Lehrkräfte gibt die Studie drei Antworten.

  • Lehrpersonal an segregierten Schulen gezielt qualifizieren
  • Segregierte Schulen nach dem jeweiligen Bedarf ausstatten
  • Weitere Segregation vermeiden

Während die ersten beiden Punkte für sich selbst sprechen und unstrittig sein dürften, trägt der dritte Punkt einiges Konfliktpotenzial in sich.

Zweischneidige Befunde zu segregierten Schulen

Diese sind einerseits eher in der Lage, gute Lernmöglichkeiten für Flüchtlinge zu bieten, weil sie mit Zuwanderung und sprachlicher Vielfalt langjährige Erfahrung haben (vgl. u. a. Jeworutzki et al. 2017: 30– 31; Racherbäumer 2017: 135–137; SVR­Forschungsbereich 2013: 19–22). Andererseits ist ihre Schülerschaft oft konfliktbelastet und leistungsschwach, und das Lernniveau sowie Verhaltensauffälligkeiten können mittel-­ bis langfristig den Lernerfolg von Flüchtlingen behindern (vgl. u. a. Stanat/Schwippert/Gröhlich 2010: 160; Baumert/ Stanat/ Watermann 2006: 134; Baur 2012: 132–134; Pfaff/Fölker/Hertel 2015). (S. 35)

Deshalb schlägt die Studie vor, es sollen die „Vorbereitungsklassen innerhalb von Kommunen bzw. Regionen ausgewogen auf die Schulen verteilt werden“ (S. 35). Dazu wird auf das Vorbild der Hansestadt Hamburg verwiesen

Die dortige Behörde für Schule und Berufsbildung hat eine Handreichung zur Gestaltung des Übergangs in den Regelunterricht herausgegeben, die die Schülerzusammensetzung an der aufnehmenden Schule berücksichtigt. Danach dürfen höchstens vier geflüchtete oder anderweitig neu zugewanderte Jugendliche gemeinsam in einer Regelklasse lernen. (S. 36)

Meine Befürchtungen rühren von den Erfahrungen mit dem „Busing“ in manchen Kommunen der USA her: Der wohl gemeinte Versuch, Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund per Bus auf Schulen in vorwiegend weißen Stadtteilen zu verteilen (racial desegregation) hat bei vielen der dortigen Bewohner heftige Gegenwehr provoziert.

Wie werden die wohlhabenderen Viertel bei uns reagieren?

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