Sichtweisen #23: Noten – Not oder notwendig?

An den Noten scheiden sich die Geister, und das schon seit Jahrzehnten. Hier kommen nun zwei Vertreter von beiden Enden des Meinungsspektrums zu Wort. 

Zunächst die Pressemeldung des Bayerischen Realschullehrerverbands zum Zwischenzeugnistermin 2018; ich erlaube mir, einige Stellen kursiv hervorzuheben.

Qualitativ hochwertige Bildung braucht deutliche Leistungsindikatoren

Morgige Zeugnisvergabe an bayerischen Schulen – Böhm: Noten sind wichtige Rückmeldung zu erbrachten Leistungen und bereiten auf Lebenswirklichkeit vor

„Am morgigen Tag werden an Bayerns Schulen die Zwischenzeugnisse vergeben. Diese Bewertung in Form von Noten ist eine wichtige Beurteilung, die diverse Leistungskriterien beinhaltet. Sie gibt den Schülern eine konstruktive Rückmeldung und ist eine bewährte Orientierungsmöglichkeit – läuft es gut in einem bestimmten Fach oder Bereich oder gibt es Verbesserungsbedarf? Welche Stärken und Schwächen habe ich? Moderne Leistungserhebung beinhaltet Noten, die kommentiert, ausgewertet und beschrieben werden, und das von hervorragend ausgebildeten Lehrkräften, die die Leistung ihrer Schüler sehr gut einschätzen und bewerten können. Auch im sich an den schulischen Abschluss anschließenden Berufsleben erhalten die zukünftigen Fach- und Führungskräfte permanent Feedback zu ihren erbrachten Leistungen. An den Schulen werden sie mithilfe der Notenvergabe bereits hierauf vorbereitet – und damit auf die Lebenswirklichkeit, zu der Leistung und Einsatz unbedingt dazugehören“, äußert sich Jürgen Böhm, Landesvorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbands, zur am 23. Februar bevorstehenden Zeugnisvergabe an bayerischen Schulen.

[…] Bis zum Ende des Schuljahres würden die Schüler noch alle Chancen haben, ihre Leistungen zu verbessern – „ohne die Notenvergabe wäre eine solche exakte Rückmeldung nicht möglich“, so Böhm weiter. Die Vergabe von Zeugnisnoten zu hinterfragen oder gar abzulehnen, zeuge von Praxisferne und beinhalte die Gefahr einer Absenkung des Leistungsniveaus. Ein weiteres Resultat hieraus sei, dass die Bildungsqualität ohne dieses Leistungsfeedback nicht auf dem hohen Niveau wie bisher gehalten werden könne.

Die andere Seite vertritt der Kinderarzt Dr. Gerald Hofner

Schule ohnen Noten ist die Zukunft

Schätzen Sie mal, wie häufig wir jede Woche wegen Problemen im Zusammenhang mit der Schulleistung kontaktiert werden! 5-mal? 10-mal? mehr als 20-mal?

Genau! Mehr als 20-mal klären wir jede Woche vermeintliche Störungen im Zusammenhang mit Schulleistungen ab. Es sind auch viele Kinder, die sich mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Herzrasen, Schwindel  oder noch intensiveren Problemen vorstellen. Und es sind zu mehr als 80% Mädchen. Echte organische Befunde sind die Ausnahme.

Alles entsteht durch einen Druck, der auf die Kinder einprasselt – durch den Konflikt zwischen Erfolgsstreben (das ja auch seine guten Seiten hat) und Versagensangst. Deshalb sind es auch meist sehr gute und ehrgeizige SchülerInnen, die sich so bei uns vorstellen.

Und. Es sind selten die Eltern (was viele vorschnell glauben), die bewusst diesen Druck aufbauen. Es kommt aus der Schule. Nicht persönlich auf ein einziges Kind. Nicht persönlich durch den Lehrer. Es ist das System. Was den Druck auslöst, ist das Sich-Vergleichen. Das Messen mit anderen. Die Angst, im Leben zu versagen, wenn man nicht der oder die Beste ist.

Das hat das System in die Kinder programmiert. Indem Kinder bereits ab dem frühen Grundschulalter in einem System von Besser und Schlechter groß werden. Sie werden in einem Alter, in dem ihre Persönlichkeit noch gar nicht die Reife haben kann, beurteilt, teilweise eben auch abgeurteilt.

Wozu dienen Noten aus Sicht der Pädagogen? Sie sollen zu Leistung anspornen. Und Kinder vergleichbar machen. Aber eben nur bezüglich der am Lehrplan orientierten Schulleistungen. Soziale Fähigkeiten, Kreativität, oder Problemlösungsfähigkeiten werden weder ausreichend geschult noch besonders geprüft. Obwohl das genau die Fähigkeiten sind, die die Gesellschaft und auch die Wirtschaft braucht.

Erschwerend kommt hinzu, dass Noten, deren Ziel die Vergleichbarkeit ist, nicht einmal vergleichbar sind. Es ist ja etwa gut belegt, dass  verschiedene Lehrer verschiedene Leistungen unterschiedlich bewerten. Ganz zu schweigen von unterschiedlichen Standards in benachbarten Schulen oder gar Bundesländern. Alles zu Lasten der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.

Zusammenfassend:

  • Noten sind Unfug. Jedenfalls im Alter bis zur Pubertät.
  • Noten schaffen bei vielen Schülern einen falschen Wertmaßstab – und zwar offensichtlich mehr noch bei Mädchen.
  • Schlechte Noten belasten zu Unrecht das Selbstvertrauen des jungen Menschen.
  • „Erlernte“ Noten täuschen über einen Mangel an für später viel wichtigeren Fertigkeiten hinweg.
  • Noten erhöhen den Stresslevel und führen damit zu medizinischen Symptomen und belasten das Gesundheitssystem nicht unerheblich.

Was Sie tun können, lesen Sie hier nächste Woche.

Mein Kommentar

Die Argumente des Realschullehrers erscheinen von jeder wissenschaftlichen Diskussion unberührt.

Wer sich allgemein das Für und Wider noch einmal zu Gemüte führen will, findet hier einen Beitrag der Sendung Quarks & Co.

Wer wissenschaftliche Belege für eine soziale Schlagseite der Notenvergabe mit reichlich Literaturangaben sucht, kann hier nachlesen.

Hier wurde nachgewiesen, dass Migrantenkinder auf dem Gymnasium bei gleicher Leistung benachteiligt werden.

Und dieser Faktencheck zeigt, auf welches Glatteis sich Lehrkräfte begeben, wenn sie Leistungsurteile mit Laufbahnentscheidungen verknüpfen.

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