Sichtweisen #22: „Es reicht!“ – „Nicht!“

Zum Halbjahr ziehen sie wieder Bilanz und stehen wie Preisboxer jeder in seiner Ecke: Die GEW Bayern sieht keine Möglichkeit, frei werdende Lehrerstellen gleichwertig zu besetzen. Das Kultusministerium sieht kein Problem.

Rote Ecke: GEW

„Die Grund-, Mittel- und Förderschulen leiden nach wie vor unter einem massiven Lehrkräftemangel. Jetzt kommen die Pensionierungen und die Krankheitswelle hinzu. Wie das Kultusministerium diese Lücken schließen will, erschließt sich uns nicht“, so Ruth Brenner, Sprecherin der GEW Landesfachgruppe Grund- und Mittelschulen in Bayern und ergänzt: „Der ‚Markt‘ ist in weiten Teilen Bayerns leergefegt. Gut 200 weitere Stellen mit qualifizierten Kolleg*innen zu besetzen ist ein Ding der Unmöglichkeit.“

Die GEW fordert „ein Ende der Flickschusterei“, „endlich ein stichhaltiges Konzept zur Lösung des Problems“ und die notwendigen Mittel dafür.

Sie beklagt, dass Spaenle eine umfassende Digitalisierungskampagne ankündigt und dazu zahlreiche Qualifizierungsmaßnahmen:

„Viele Kolleg*innen sind bereits jetzt an der Belastungsgrenze. Zusätzlich zu Vertretungen und den vielschichtigen Aufgaben wie z.B. Ganztag und Inklusion sollen die Kolleg*innen nun auch die Digitalisierung an Schulen stemmen und das angesichts fehlenden Personals.“

Die GEW artikuliert zum wiederholten Mal ihre Vorschläge und Forderungen:

  1. Ein gleiches Eingangsgehalt für alle Lehrkräfte (A13 / E13).
  2. Eine Reform der Lehrer*innenbildung in Richtung von Stufenlehrkräften.
  3. Als kurzfristig mögliche Maßnahme schlägt die GEW Bayern vor, dass der „Lotsendienst“ (Grundschullehrkräfte an Realschulen und Gymnasien) künftig von Real- und Gymnasiallehrkräften übernommen wird und dass die „externe Evaluation“ ausgesetzt wird.

Blaue Ecke: Bayerisches Kultusministerium

Das Bayerische Bildungs- und Wissenschaftsministerium wird zum Schulhalbjahr 2017/2018 alle ausscheidenden Lehrkräfte an den Grund- und Mittelschulen ersetzen. Damit widerspricht das Ministerium der Einschätzung der GEW und weist deren Aussagen nachdrücklich zurück. Die GEW sorgt damit unbegründeter Weise und völlig unnötig für Verunsicherung.

Das KM rechnet vor, dass zum Schulhalbjahr 2017/2018 rund 600 Lehrkräfte mit einem Äquivalent von rund 440 Vollzeitstellen ausscheiden und beschreibt die eigenen „vielfältigen“ Maßnahmen so:

Das Kultusministerium hat zur Besetzung der frei werdenden Lehrerstellen vielfältige Maßnahmen der Personalgewinnung genutzt. Dazu zählen neben der Einstellung freier Bewerberinnen und Bewerber für das Lehramt an Grund- bzw. Mittelschule das Angebot an Realschul- und Gymnasiallehrkräfte, die in ihrer Schulart keine Beschäftigung gefunden haben, sich für die Grundschule oder Mittelschule zusätzlich zu qualifizieren. Dazu kommen Lehrkräfte, die aus der Beurlaubung in den aktiven Schuldienst zurückkehren, aber auch Pensionisten, die in einem begrenzten Umfang freiwillig Dienst tun.

Zur so genannten „Zweitqualifizierung“ werden auch Zahlen genannt:

Ab Februar 2018 nehmen neu rund 190 Teilnehmer an den Maßnahmen der Zweitqualifizierung für die Grund- und Mittelschulen teil. Insgesamt befinden sich derzeit über 1.300 Teilnehmer in den Maßnahmen zur Zweitqualifizierung.

Die drei von der GEW genannten Vorschläge sind dem Bayerischen KM keine Silbe wert.

Ergänzung: BEV

Am Tag danach finde ich auch noch eine Pressemeldung des Bayerischen Elternverbandes, die man auf gut Bayerisch als „Watschn“ (Ohrfeige) verstehen kann – Hervorhebungen von mir:

„Eltern berichteten uns, dass eben erst gefundene Lösungen für Grundschulklassen mit notdürftig geteilter Klassenleitung nun zum Halbjahr wieder zerstört werden müssen. Darunter leiden die Kinder“, sagt Martin Löwe, Landesvorsitzender des Bayerischen Elternverbands.

„Das Ministerium sah keine Notwendigkeit, die Pensionierungen aufzuschieben, da der Unterricht rein rechnerisch gesichert werden konnte. In diese Rechnung fließen allerdings weder Klassenzusammenlegung noch bloße Beaufsichtigungen der Kinder ein. Ebenso wenig ist dabei berücksichtigt, dass viele Klassen keine beständige Klassleitung haben und allzu häufig wechseln müssen. Diese permanenten Notlösungen dürfen nicht zur Dauerlösung werden!“ Löwe betont auch die besonders im Grundschulbereich enorme Bedeutung einer verlässlichen Bindung der Kinder an eine Person. 

Das Ministerium mache sich zwar Gedanken, wie die entstehenden Lücken gestopft werden könnten, aber leider bewege es sich nicht in Hinblick auf die vom Bayerischen Elternverband geforderte Angleichung der Gehälter an die der Kollegen von Realschule und Gymnasium. „Diese Forderung hatten wir erhoben, um das Lehramt an Grund- und Mittelschule attraktiver zu machen“, setzt Löwe fort. Desgleichen deute nichts darauf hin, dass sich das Ministerium mit weiteren zielführenden Forderungen auseinandersetze, wie die veränderte Ausbildung der Lehrkräfte mit dem Ziel flexiblerer Einsatzmöglichkeit. 

Löwe schließt: „Es ist höchste Zeit, dass Minister Spaenle über Notfallmaßnahmen hinaus nun die langfristige Versorgung mit Lehrkräften für die Grund- und Mittelschulen anpackt!“

 

 

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